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:: Der Dalai Lama: „Liebe habe ich von meiner Mutter gelernt“
+ 06.07.2010 + Würdigung zum 75. Geburtstag des Dalai Lama—„Mitgefühl ist die Basis“. Heute, am 6. Juli, wird der Dalai Lama 75 Jahre alt. Der Publizist Franz Alt kennt ihn aus zahlreichen Begegnungen. Hier sein Porträt des geistlichen Oberhaupts der Tibeter.
„Mein Alltag sieht genauso aus wie der aller Mönche, Freiheitskämpfer, Politiker und Verwaltungsbeamten“, sagt der Dalai Lama und macht, was er am liebsten tut: er lacht lange und herzhaft. Er kann minutenlang lachen.
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Einen normaleren und natürlicheren Menschen habe ich nie kennengelernt. Ein Mensch wie du und ich. Aber der „Spiegel“ hat ihn in einer Titelgeschichte „Der Gott zum anfassen“ genannt. Welch ein Missverständnis. Darüber kann er wiederum lange lachen. Richtig ist freilich, dass er weltweit als weisester und sympathischster Mensch auf Erden gilt. In Deutschland hat der Tibeter höhere Sympathiewerte als der deutsche Papst.
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Auch für eine reife Persönlichkeit wie den Dalai Lama ist und war seine Kindheit prägend. Besonders eng war sein Verhältnis zu seiner Mutter. Eine starke Frau, die als Bäuerin in Feld und Haus arbeitete und 16 Schwangerschaften durchlebte. Ihr Sohn Lhamo Thongup, der spätere Dalai Lama, träumte schon mit zwei Jahren von einer Reise in Tibets Hauptstadt . „Ama, ich reite mit einem Pferd nach Lhasa“ war eines seiner Lieblingssätze. Von den 15 Geschwistern des Dalai Lama erlebten nur sechs das Erwachsenenalter. Lhamo Thondup war das neunte Kind seiner Mutter. Sie war bei seiner Geburt 35 Jahre alt. Sein Vater, Chökyang Tsering, war Bauer und Pferdehändler
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Seine Eltern waren - wie selbstverständlich in Tibet - tief religiös und von ihnen lernte er die buddhistischen Rituale des Alltags: Die Gesten und Gebete vor dem Hausaltar, die Besuche in Klöstern, Achtung vor allem Lebendigem. Jeden Morgen hat die Mutter Butterlampen angezündet und vor dem Hausaltar mit ihren Kindern gebetet. Seine geduldige Mutter hat den späteren Dalai Lama viel mehr geprägt als der oft jähzornige Vater. Als ich ihn einmal fragte „Was ist Liebe?“, sagte er: „Das was ich von meiner Mutter gelernt habe.“ In einem seiner Bücher schreibt der „Botschafter des Mitgefühls“ wie ihn die Tibeter gerne nennen: „Bei mir entstand das Mitgefühl durch meine Mutter. Wenn eine Mutter ihrem Kind das ganze Mitgefühl schenkt, kann es gar nicht genug davon bekommen. Mitgefühl ist die Basis von Gewaltlosigkeit.“
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November 1989. Ich traf ihn zusammen mit Petra Kelly und Gert Bastian in der Freien Universität Berlin vor 2.000 Studenten. Zuvor stand der Dalai Lama mit Bärbel Bohley und anderen Bürgerrechtlern der DDR auf der gerade geöffneten Berliner Mauer und erzählt: „Als ich dort oben stand, reichte mir eine alte Frau wortlos eine brennende Kerze. Bewegt hielt ich sie empor. Einen kleinen Augenblick lang drohte die Flamme zu erlöschen, wurde dann aber wieder größer. Und während sich die Menschen um mich scharten und meine Hände berührten, betete ich, dass das Licht des Mitgefühls und des Bewusstseins die Welt erfüllen und die Finsternis der Angst und der Unterdrückung vertreiben möge.“ Diesen Augenblick, so der Dalai Lama, werde er nie vergessen. Er habe ihn darin bestätigt, dass „auch das Leid, das mein Volk durch die Volksrepublik China erfährt, eines Tages enden wird.
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Ihm gelingt, was Vertretern christlicher Religionen oft schwer fällt: Spiritualität und Wissenschaft, Emotionalität und Rationalität, Herz und Verstand zu vereinen. Er diskutiert sehr oft auf Augenhöhe mit Vertretern moderner Wissenschaft und ist zugleich in Bezug auf alte buddhistische Rituale ein klassischer Traditionalist. Er löst scheinbare Gegensätze in seiner Person glaubhaft auf. Im abendländischen Denken gilt eher das „Entweder- Oder“ – in den östlichen Weisheiten eher das „Sowohl als auch“. Und was sagt der Dali Lama zu diesen Widersprüchen? Erstens. Er lacht. Und zweitens: „Wir müssen voneinander lernen. Dann finden wir den Weg zur Einheit in der Vielfalt.“
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Seit 50 Jahren lebt der Dalai Lama im nordindischen Dharamsala mit etwa 20.000 Tibetern im Exil. Er wohnt – mit Blick auf die Berge des Himalaya -in einem bescheidenen Haus. Der prominenteste Flüchtling der Welt wird von indischem Militär und seiner eigenen Leibwache beschützt. Jeden Morgen um halb vier Uhr steht er auf, um vier Stunden lang zu meditieren und in heiligen Schriften zu lesen. Er streift seine Kunststoff-Flip-Flop über, meditiert über Texte auf uralten Palmblättern und läuft 20 Minuten auf dem Laufband seines Fitness-Geräts.
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Schon als Kind wurde er im Potala-Palast auf den Thron gesetzt – wie seine 13 Vorgänger. Für Tibeter hat er bereits 13 Leben, 13 Tode und 13 Wiedergeburten erlebt. Er ist die direkte Fortsetzung einer 500-jährigen Tradition. Die Botschaft dieses Mannes ist eindeutig. Wer ihn nach dem Sinn des Lebens fragt, bekommt zwei Worte zu hören: „Be happy – Sei glücklich“
© Franz Alt 2010
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