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:: Erhebliche Gefährdung von Atomkraftwerken schon bei relativ schwachen Erdbeben
+ 02.04.2011 + Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW wendet sich in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Laut Aussage des Spezialisten für erdbebensichere Stützsysteme Erich Görgens sind Atomkraftwerke schon durch schwache Erdbeben gefährdet. Auch Abstürze vergleichsweise kleiner Flugzeuge stellten eine erhebliche Gefahr dar. Bei ungünstigen Umständen reiche schon ein schwaches Erdbeben mit Epizentrum in der Nähe eines Atomkraftwerks aus, um einen katastrophalen Unfall auszulösen, so Görgens. Am 23. Dezember 2010 ereignete sich bei Mainz ein Erdbeben der Stärke 3,4 auf der Richterskala. Vor der Errichtung des Atomkraftwerks Biblis gab es in der Umgebung des Standortes zwei Erdbeben der Stärke 5,1 bzw. 5,2.
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Offener Brief
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Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
wir möchten Sie auf eine ganz erhebliche Gefährdung der deutschen Atomkraftwerke aufmerksam  machen und Sie als Physikerin nachdrücklich darum bitten, die folgenden Sachverhalte  persönlich zur Kenntnis zu nehmen.
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Der ehemalige Siemens/KWU-Chef Klaus Barthelt wollte Anfang der 1980er Jahre die deutschen  Atomkraftwerke mit einer verbesserten, „momentfreien, auslenkenden“ Stütztechnik für  Rohrleitungen, Kühlpumpen etc. vor Erdbeben und Flugzeugabsturz schützen. Er konnte sich  damit aber im Siemens-Konzern nicht durchsetzen.
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Atomkraftwerke sind daher schon durch relativ schwache Erdbeben wie auch durch  vergleichsweise kleine Flugzeuge erheblich gefährdet, zumal wenn beispielsweise schon  thermische Vorbelastungen an Komponenten bestehen und zusätzlich von der Modelltheorie  abweichende dynamische Einwirkungen den getroffenen Lastannahmen entgegen wirken. Unter  solch ungünstigen Bedingungen könnte bereits die Schnellabschaltung eines Atomkraftwerks zu  gefährlichen Schäden führen.
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Diese Aussagen macht der Spezialist für erdbebensichere Stützsysteme Erich Görgens, der an der  Planung und Errichtung der meisten westdeutschen Atomkraftwerke beteiligt war.
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Herr Görgens widerspricht der Auffassung, dass die Kühlsysteme im japanischen  Katastrophenmeiler Fukushima durch die „Stärke“ des Erdbebens zerstört wurden. Er vermutet  vielmehr, dass es die besondere Charakteristik des Erdbebens war, die abweichend von der  Modelltheorie, relative Verschiebungen zwischen den Abstützungen und so unzulässige Lasten  verursachend, zu den großen Schäden in Japan führte.
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Die herkömmlichen Befestigungskonzepte etwa für Rohrleitungen und Kühlwasserpumpen in  Atomkraftwerken ständen sich bezüglich den Anforderungen zum Schutz vor Erdbeben und vor  Flugzeugabstürzen diametral entgegen. Zum Schutz der durch Erdbeben ausgelösten  mittelfrequenten Schwingungen setze man auf starre Stützsysteme, die aber eine Gefahr bei  Flugzeugabstürzen darstellen. Hochfrequente Schwingungen, wie sie schon beim Aufprall kleiner  Flugzeuge auf ein Reaktorgebäude entstünden, erforderten hingegen eine sehr weiche, flexible  Aufhängung.
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Nach Auffassung von Herrn Görgens, der mit den Verantwortlichen etlicher  Atomkraftwerkshersteller über die Thematik diskutierte und mit diversen Universitäten  zusammengearbeitet hat, sind diese Konzepte völlig untauglich. Sich gegenseitig ausschließende  Sicherungsmaßnahmen, nicht vorher bestimmbare Belastungen und nicht ausweichend stützende  Abstützungen, bestimmen das Restrisiko in Atomkraftwerken.
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Die in der Atomtechnik und von Gutachterorganisationen eingesetzten „Rechenprogramme“ sind  nach Ansicht von Herrn Görgens untauglich, weil denen stark vereinfachte Modellannahmen  zugrunde lägen, die nicht durch geeignete mechanische Lastfallabsicherungen ausgeglichen  würden.
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„Absolute Momentfreiheit und/oder ausweichende Widerlager“ sind für Maschinenbauer Görgens  die Lösung des Problems. Die Lösung liege in einem stressfreien, frequenzunabhängigen  Stützkonzept für mechanische Systeme. Relative Verschiebungen zwischen Stützpunkten, müsse  man momentfrei auslenken und dadurch sichern können. Eine Technik, wie sie prinzipiell in den  Hinterachsen von Autos Verwendung findet. In den USA habe man in Atomkraftwerken immerhin  so genannte „Struts“ eingesetzt, offenbar aber nicht optimal genutzt.
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Herr Görgens ist der Auffassung, dass alle Atomkraftwerke weltweit derzeit eine erhebliche Gefahr  darstellen und so nicht weiterbetrieben werden dürfen. Er sieht weltweiten Nachrüstungsbedarf.
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Wir fordern Sie vor diesem Hintergrund auf, die deutschen Atomkraftwerke wegen erheblicher Gefährdung im Sinne von § 17 Abs. 5 Atomgesetz vom Netz zu nehmen und endgültig stillzulegen.
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Wir erinnern in diesem Zusammenhang daran, dass es zuletzt am 23. Dezember 2010 im  Rheingraben bei Mainz zu einem Erdbeben der Stärke 3,4 auf der Richterskala kam. Bei  ungünstigen Beschleunigungen könnte selbst ein solches Erdbeben mit Epizentrum in der Nähe  eines Atomkraftwerks ausreichen, einen katastrophalen Unfall auszulösen, so Herr Görgens. Vor  der Errichtung des Atomkraftwerks Biblis gab es in der Umgebung des Standortes zwei Erdbeben  der Stärke 5,1 bzw. 5,2 auf der Richterskala.
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Das zeigt, wie akut die Gefahr ist und dass dringender Handlungsbedarf besteht.
Mit freundlichen Grüßen Reinhold Thiel Vorstand der IPPNW
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