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:: Super-GAU in Tschernobyl – Die Welt erfährt nichts

+ 26.02.2011 + Vor 25 Jahren explodierte in Tschernobyl ein Reaktorblock - 26.04.1986 – 01:23 Uhr

Danach mied man 
in der Bundesrepublik Milch und Salat, Sandkästen wurden gesperrt. Und in 
der DDR? Die Staatsführung wiegelte ab, hielt die Bevölkerung in Unwissenheit – und ließ die eigenen Atomanlagen trotz verheerender Mängel weiterlaufen.

 

Erich Honecker war stolz auf sich und seinen Staatsapparat: In der DDR habe es nach Tschernobyl „keine Hysterie gegeben“, protzte der Staatsratsvorsitzende, als er Ende Mai 1986 in seinem Jagdschloss Hubertusstock nahe Berlin mit Hans-Jochen Vogel beisammensaß. Der damalige Chef der SPD-Bundestagsfraktion versuchte diplomatisch, einige „Fragen und Probleme“ anzusprechen, etwa die mangelhafte Informationspolitik der Regierung in Moskau nach der Reaktorkatastrophe. Honecker blockte ab, das 
„Ereignis“ dürfe nicht „zu politischen Kampagnen gegen die Sowjetunion missbraucht“ werden. In der DDR jedenfalls habe man alles im Griff, die Radioaktivität werde ständig gemessen, und irgendwelche Gefahren bestünden nicht.

 

Einen Monat zuvor war von Tschernobyl aus eine Strahlenwolke über Europa gezogen. Und bei dem schon seit langem geplanten Treffen von Honecker und Vogel prallten die völlig unterschiedlichen Wahrnehmungen und Reaktionen in den beiden Deutschlands auf-einander: Im Westen berichteten die Medien nahezu ununterbrochen über Tschernobyl und die Folgen, die Bevölkerung lernte plötzlich die Maßeinheit „Becquerel“ kennen.

 

Die Bonner Regierung versuchte zwar zu beschwichtigen, doch Eltern mochten ihren Kindern keine Milch mehr geben, Salatfelder wurden vorsichtshalber umgepflügt, nach Warnungen vor radioaktivem Fallout flohen die Menschen fast panisch vor jedem Regentropfen.

 

Ganz anders in der DDR: Die SED-Medien bagatellisierten die Strahlenrisiken und verbreiteten pro-sowjetische Propaganda. Insgeheim wurde eine Überprüfung der Sicherheit der eigenen Atomkraftwerke eingeleitet, zugleich deckelte die Staatssicherheit kritische Fragen aus der Bevölkerung. Oppositionelle Umweltgruppen begannen nach Tschernobyl, sich mit der Atomkraft zu beschäftigen – die Staatsführung hielt unbeirrt bis zum Untergang der DDR stur an ihrem Atomprogramm fest.

 

Am Abend des 28. April 1986 erfuhr die Öffentlichkeit in beiden deutschen Staaten erstmals vom Reaktorunglück

In der Hauptnachrichtensendung des DDR-Fernsehens, der Aktuellen Kamera, wurde an untergeordneter Stelle eine knappe Meldung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS verlesen. Im SED-Zentralorgan Neues Deutschland (ND) fand sich die Nachricht am 29. April unauffällig auf Seite 5: „Im Kernkraftwerk 
Tschernobyl in der Ukraine hat sich eine Havarie ereignet“, stand da in einer streichholzschachtelgroßen Meldung. „Einer 
der Kernreaktoren wurde beschädigt. Es werden Maßnahmen zur Beseitigung der Folgen der Havarie ergriffen. Den Betroffenen wird Hilfe erwiesen. Es wurde eine Regierungskommission eingesetzt.“

 

Auch die Tagesschau hatte anfangs kaum mehr als diese dürren Zeilen. Am 29. April aber – und von da an für viele weitere Tage – war das Unglück schon die Spitzenmeldung: „In dem sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl ist es offenbar zu dem gefürchteten GAU gekommen, dem Größten Anzunehmenden Unfall.“ Es scheine „sicher, dass der Reaktorkern teilweise oder sogar ganz geschmolzen ist“, und rings um Tschernobyl sei eine 30-Kilometer-Sperrzone eingerichtet worden.

 

Ganz anders die Berichterstattung in der DDR. Zwar wanderte das Thema auch im ND schnell auf die Titelseite, doch der abwiegelnde Tonfall blieb: Der Reaktor „wurde beschädigt“, war da am 30. April zu lesen, „was zum Entweichen einer gewissen Menge radioaktiver Stoffe führte“. Zwei Menschen seien ums Leben gekommen, „Maßnahmen zur Beseitigung der Folgen der Havarie“ eingeleitet, und „die Strahlungssituation im Kraftwerk und seiner Umgebung ist stabilisiert worden“.

 

Ergänzend teilte das Staatliche Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz (SAAS) mit, in der DDR werde die Radioaktivität ständig gemessen, es gebe „keine Gesundheitsgefährdung“. Die Bürgerinnen und Bürger sollten unbekümmert zu den Maidemonstrationen gehen und Fähnchen schwenken.

 

 

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