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Buch-Tipp 303 von 897

:: Abschied von 1001 Nacht

Aus Liebe zu den Kindern Arabiens. Ulrich Kienzle hat eine wunderbare Hommage an die Araber geschrieben. Von Rupert Neudeck

Das Interessante an dem „Versuch, die Araber zu verstehen“ beginnt mit dem Titelbild: Ich war immer schon versucht, dem glänzenden Reporter Kienzle arabische Vorfahren zuzuschreiben. Aber das Titelbild macht es noch deutlicher mit einer Wand arabischer Holzkunstarbeit im Hintergrund.

 

Das Buch gibt gar nicht vor, aktuell zu sein. Es ist dennoch ein Beitrag auch zur Arabellion. Aber gerade mit der Darstellung der großen nahöstlichen Konflikte und Kriege, staatlicher Zusammenbrüche und Wiederaufbauleistungen ist es ein ähnlich wertvoller Beitrag wie die Legion aktueller Bücher, die wir aus der Feder von Korrespondenten jetzt haben. In jedem Fall kann man Kienzles Buch sehr gut als Grundlage und Komplement zu den aktuellen schnell geschriebenen Broschüren und Büchern lesen.

 

Es muss das Funkhaus des Süddeutschen Rundfunks (SDR)  oder die danebenliegende Villa Berg in Stuttgart verhext gewesen sein, denn es gebar nicht nur den arabisch aussehenden deutschen Reporter Kienzle, sondern einen Vorgänger, der alles an arabischen Vorurteilen bemühte, die in deutschen Landen vorhanden sind: Gerhard Konzelmann war es, der dann auch mit Kienzles Mithilfe und der Hilfe eines akademischen Professors verschwinden musste. Gegen Guttenberg war Konzelmann in der Zeit vor dem Internet ein genialer Plagiator und Schummler.

 

Das Buch macht noch mal bekannt mit einer wirklich gekonnten Finte: Auf dem Höhepunkt der ersten OPEC-Öl-Krise 1973 gab es noch das, w as es heute nicht mehr gibt im Aktualitätsterror: eine Dokumentation zur besten Sendezeit. Konzelmann hatte seinen Kameramann Hans Schalk auf einen Öldampfer geschickt. Er selbst aber hatte keine Zeit an Bord zu gehen. Etwas pikiert schreibt Kienzle: „Er musste Bücher schreiben“. Krönung des Features war sein Situationsbericht aus dem Krisengebiet, das sich in Wirklichkeit im Heizungskeller des SDR befand. „Eingerahmt von alten Lüftungsrohren begann er seinen Aufsager mit den dramatischen  Worten: ‚Unter mir schwimmen 300.000 Tonnen Öl’. In Wirklichkeit stand er auf dem Stuttgarter Muschelkalk.“

 

Ich fürchte: solche getürkten Szenen gab es in der Programmgeschichte des Ersten und Zweiten Fernsehens mehr. Allerdings fehlt uns der Kienzle, der das uns aufdeckt. Kienzle geht die Ereignisse im Nahen Osten entlang seiner Berichterstatter-Zeiten: Als Korrespondent der ARD, dann des ZDF, dann als Chefredakteur bei Radio Bremen. Die Zeit als Korrespondent in dem anderen Gebiet, das dem SDR ‚gehört’, Süd-Afrika der Apartheid, erwähnt Kienzle nur kurz. Sein Herz, wohl auch sein kritischer Kopf, gehörten immer den Arabern in Nahost. Er hat dabei auch tolldreiste Stücke bewältigen und erleben können, die er mit einer schönen selbstverständlichen Lust berichtet. Er überschreitet aber nie die Linie zu einem selbstgefälligen sich Beweihräuchern. Das macht das Buch einzigartig, weil es die Charaktereigenschaft von Journalisten dementiert: Journalisten können weder selbstkritisch noch selbstironisch sein. Das kann der Kienzle ganz gut.

 

Kienzle entmythologisiert ein wenig. Er entkleidet den Anwar el Sadat seines Heiligenscheins, er dekuvriert den ölreichen Verrückten Gaddhafi aus Tripolis in Libyen, er entlarvt auch die religiösen Gruppen: Die Christen (Maroniten) sind im Libanon nicht minder gefährlich wie jene schiitische Miliz, deren Gefahren und Risiken uns schon deshalb so einleuchten, weil sie versucht, Israel Paroli zu bieten und eine gute Sozialarbeit zu machen. An Ägypten zeigt er den schreienden Gegensatz zwischen einer gewissenlosen Luxusschicht und einem düsteren Szenario von armen Landarbeitern und Bettlern in der unregierbaren Hauptstadt. Gegen den Anwar el Sadat, den Lieblingsaraber des Westens, standen die Menschen lange vor der Arabellion auf, am 17. Januar 1977. Es war eine einzigartige Brotrevolte. Im Namen des Präsidenten Sadat schlug die Armee die Revolte mit einer Brutalität nieder, die sich in den Tagen des November 2011 wiederholte auf dem Tahrir Platz. Sadat machte Politik für die Geschichtsbücher, nicht für die einfachen Ägypter. “Streng blickend wie Ramses ließ er sich möglichst im Profil ablichten“.

 

Kienzle war bei manchen Gelegenheiten da, und hatte gefährliche Bilder im Kasten. Hier auch in Kairo, als Sadat die Studenten und die Presse einlud. Plötzlich meldete sich ein junger Student und sagte: „Präsident, du bist ein Kretin. Dein Volk leidet, aber ich sehe, Du trägst italienische Maßschuhe. Dein Volk kämpft ums Überleben, aber du kümmerst Dich mehr um Deine Maßanzüge!“ Kienzle beschreibt, wie er nicht aus dem Palast des Präsidenten herausgelassen wurde, ohne die Bilder abzugeben, die zu gefährlich waren für das Regime.

 

Für Sadat war der Ruhm des Oktoberkrieges verblasst, jetzt stürzten ihn die Brotunruhen in eine tiefe Krise. Sadat hatte noch eine Karte im Ärmel: Frieden mit Israel. Am 19. November 1977 landete er tatsächlich in Tel Aviv und trat vor der Knesset auf und bot Anerkennung des Existenzrechts Israels sowie Frieden an. Zu den Journalisten in Ägypten sagte er: „Ihr Journalisten werdet noch merken, dass ihr das eine Thema verloren habt, an das ihr euch die ganzen Jahre geklammert habt. Jetzt ist alles gelöst.“ Nach Kienzle war Sadat sicher, dass er das „arabische Jerusalem, die Westbank, den Gaza streifen - wie er sagte - in der Tasche“ habe. Auch das Palästinenserproblem schien für ihn lösbar.

 

Kienzle hat einen Blick für weltpolitische Wandlungen. Der Irak, der für die Amerikaner zum Leuchtturm der Demokratie werden sollte, wurde für ihn zum Ende ihrer Weltmacht. Bis heute können die USA und ihre Führung, aber auch die Bevölkerung dieses Ende noch nicht verdauen. 4.000 US Gis starben mehr als 100.000 Iraker fielen dem Krieg und dem Terror nach dem Krieg zum Opfer. Der Irak sei auf dem besten Wege ein iranischer Vasallenstaat zu werden. Der Krieg hatte Amerikas Status als alleinige Supermacht begründen sollen. In Realität war er das Zeichen, dass diese Zeit vorbei ist. Kienzle: Amerika sei pleite und habe mit dem Irak Krieg seine exklusive Rolle als alleinige Supermacht verloren“.

 

Immer verweist er auch auf die ganz aktuelle Version der Aufstände. So auf die jungen Leute auf dem Tahrir Platz im Januar 2011. „Sie fordern Arbeitsplätze, Ende der Korruption, Demokratie. Nicht den islamistischen Gottesstaat und nicht die Zerstörung Israels“. Die Menschen in Ägypten wollen ankommen im 21. Jahrhundert. „Kefaya“, so heiße ihre Parole: „Es reicht!“ Ob er die Araber nun verstanden habe? Da wird der arabophile Kienzle lächeln, dieser Versuch wird nie aufhören. Sicher ist für ihn: Dass wir mit diesen großen Ländern rechnen müssen, die sich zu Teilen aus der Tyrannei jüngst selbst befreit haben.

 

Man liest sich fest in diesem aufregend gut geschriebenen Buch, das Kienzle immer auf dem Höhepunkt der Ereignisse zeigt.

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