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:: Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel

„Oben sagt mir mein Verstand: Quatsch, in der Mitte sagt es: ‚Gott kann helfen, und so unrecht ist meine Haltung gar nicht’ und zugleich: ’Behalte die Bereitschaft zum Tode, sonst kommst Du in Anrechtungen’. Und ganz unten heißt es: ‚Leben wir, so leben wir dem Herren, sterben wir, so sterben wir dem Herrn, darum wir leben oder sterben, sind wir des Herrn’. Und diese tiefste Schicht ist leider nicht immer Herrscher über die beiden höheren“. Dieses Buch wird uns helfen, uns als Volk besser auszurichten. Von Rupert Neudeck

So am 28. Oktober 1944 aus Tegel Helmuth James Moltke an seine Frau Freya. Bewegend wie ein unablässiges Drama liest man sich durch diese täglichen Briefe, die wir Deutsche jetzt als Vermächtnis zweier ganz großer Menschen unserer Nation lesen können.

 

Ein einziges Drama, es sind Liebesbriefe der schönsten und tiefsten existentiellen Schicht, es sind Widerstandsbriefe von zwei der besten, die unser Volk gekannt hat, es sind eben Briefe, die genau auf diesen theologischen Aphorismus des französische Mathematikers und Mystikers Blaise Pascal passen: „Le coeur a des raisons que la raison ne connait pas“ (Deutsch: Das Herz hat Gründe, die die Vernunft nicht kennt). Freya sagt das in einem Brief „Mein Verstand versteht nicht“.

 

Dieses Bangen über die leise kleine Möglichkeit, doch an dem Erhängen, dem Strick und der animalischen Angst davor vorbeizukommen, die Bemühungen Briefe zu schreiben Gnadengesuche an den A.H. (Adolf Hitler) oder den H.H. (Heinrich Himmler) oder den SS-General Heinrich Müller. Und dennoch nicht die felsenfeste Gewissheit zu verlieren, auch den Tod als Gnade und Fügung Gottes hinzunehmen und den auch vorzubereiten in dem dauernden Wechselgespräch. Das Brief-Gespräch mitzulesen ist eine erfüllende Lektüre, die den Leser ganz reich macht. Dieses Lese-Glück ist durch den Preis für das Buch gar nicht abzugleichen.

 

Zwischendurch gibt es einen acht Seiten Brief, in dem der gefesselte (und für wenige Stunden auch ent-fesselte) Gefangene Graf Moltke die vier Schichten von Altem und Neuem Testament beschreibt (Erste Schicht Hiob, Psalmen, Sprüche, Prediger, Salomos Hohelied; 2. Teil der Rest des A.T.: 3. Teil die Evangelien, 4. Teil die Apostelbriefe und die Offenbarung). Eine exegetische Abhandlung hat er verfasst noch kurz vor dem Grenzerlebnis eines existentiellen Mutes, den die Mehrzahl der Menschen nie haben wird. „Über die Bergpredigt“. Der ethische Höhepunkt des N.T. sei die Bergpredigt. Sie sei häufig hingestellt worden als „utopisch, „als unrealisierbare Ideologie, als Idealvorstellung“.

 

Aber der Graf in seiner Tegeler Zelle, zwischen Bombenangriffen, der Fesselung und der Entfesselung seiner beiden Hände und Arme  und der Erwartung, dass ihn die Nazi Schergen ermorden lassen: So dürfe man sich nicht aus der Klemme ziehen. Die Bergpredigt enthalte ganz konkrete und ganz reale Forderungen. Und sie kenne die menschlichen Schwächen: „Ärgert dich dein rechtes Auge, so reiß es aus“. Moltke: „Ich meine, man müsse die Bergpredigt genau lernen, wie man die 10 Gebote lernt, und man muss sie so genau beachten, wie man die 10 Gebote beachtet“. Man verstoße dagegen, täglich, stündlich, aber man weiß, dass dieser Verstoß Sünde sei und der Vergebung bedürfe.

 

Das Buch ist ein kleines zeitgeschichtliches Wunder: Es hat die Kraft, uns Deutsche noch mal ganz neu zu vereinigen und uns in der Trauer über das gewesene Nazi Unglück und die Freude über so großartige Widerstandsleute zu einem neuen begründeten Selbstbewusstsein zu verhelfen. Alle, mit denen ich spreche, die dieses dicke Buch zu lesen beginnen, sind sich einig: Das ist das Buch, das in jede Schule, in jede Volkshochschule, in jede Akademie gehört. Das ist d a s Referenzbuch der Deutschen.

 

Es ist darüber hinaus ein Buch, das die schönsten und bewegendsten Liebesbriefe in deutscher Sprache enthält. Liebesbriefe, die noch dadurch schöner und bewegender werden, weil sie von zwei Menschen ausgetauscht werden, die schon wissen, dass der andere ermordet wird von einer schrecklichen Mordorgie, die da die Besten der deutschen Nation herausholt und erhängt.

 

Am 1. Oktober 1944 schreibt James Graf Moltke seiner Freya: Ja, mein Herz, unser Leben ist zu Ende. Die volle Dankbarkeit für dieses Leben habe ich erst in diesem Jahr gelernt. Wie war es möglich, dass ich es nicht immer schon wusste?“ Neun Monate ist der Kreisauer Großgrundbesitzer schon in Haft, jetzt aber soll es zum Äußersten kommen, er soll mit den anderen gehängt werden. Harald Poelchau spielt eine große Rolle, weil er unter Lebensgefahr viele dieser Briefe wie Kassiber in seiner Tasche herausschmuggelt.

 

Es sind Liebesbriefe, es sind zugleich auch Glaubensbriefe

Selten habe ich in meinem Leben Zeugnisse von so starkem, festen, unverrückbaren Glauben gelesen wie in diesen Briefen. In den schönsten Briefen werden die Liebes- und Glaubensbriefe noch in eins gewendet. So wenn Freya an ihren in Tegel einsitzenden Helmuth James schreibt: Sie sitze mit dem Sohn auf dem Schoß und sie könnte nur an ihn denken voller Liebe und Sehnsucht, „und das tat weh.

 

Dabei hatte ich das Gefühl, ich müsste es alles, das Schöne, in mich saugen (einen milden zartfarbigen Herbsttag von Kreisau), um es Dir in aller Süße schildern zu können, selbst wenn Dir das weh tut, so wirst du doch empfinden, wie schön es war. Ach mein Herz, ich werde mich immer, immer an Deiner Seite über die Felder gehen sehen. Wo war meine Hand, wo wolle sie immer hin, wie schön war das. Ich mag nicht nur an die Vergangenheit denken, ich will dich lieben, mein Herz, ich will Dich weiter lieben dürfen, auch wenn ich allein bleiben muss“. So geben Sie sich tagtäglich mit diesen wunderbaren Briefe Kraft, Nahrung, Vertrauen, Menschen -und Gott-Vertrauen.

 

„Wir haben ja aufgegeben“ – schreibt Freya in demselben Brief, „uns zu sehr zu sorgen.“ Gleichzeitig sorgt sie durch die Fahrten nach Tegel, wo es ihr erstaunlicherweise mehrmals gelingt, ihn noch zu besuchen, sie bringt Kaffee, Eier, Semmeln, Schokolade, Hemden, Unterhosen mit, damit er sich nicht mit der jämmerlichen und schlecht schmeckenden Griessuppe begnügen muss. Sie bereden auch noch Verwaltungssachen auf dem Gut Kreisau.

 

Und es wird immer wieder politisch. Moltke kann immer wieder beweiskräftig darauf hinweisen, dass er nicht an der Goerdeler Verschwörung und auch nicht an den Attentatsplänen beteiligt war. Im Gegenteil er hat sie bekämpft. War das Nicht-Melden der Staatsstreichpläne Hochverrat? Es stehe ja fest, dass er gegen jede Änderung der Regierungsform war und dass die ganzen Pläne auf Kreisau „Nachkriegspläne waren“. Seiner ganzen Vergangenheit und Haltung nach sei er „kein Reaktionär und gehöre wirklich innerlich nicht zu den Leuten des 20. Juli“.

 

Daraus wollen sie noch mal eine Verteidigungsstellung aufbauen, deshalb bittet James Moltke die Freya noch mal an bekannte Anwälte heranzugehen oder auch zu Sturmbannführer Neuhaus. Aber Moltke hängt nicht so sehr am physischen Leben, dass er daran seine ganzen Hoffnungen hängt.

 

Moltke kämpfte immer gegen deutschnationale Tendenzen. Er wies der reaktionären Haltung der Elite einen großen Teil von Verantwortung für die Machtergreifung Hitlers zu, Er war gegen die Restauration, wie er auch nach dem Kriege gegen die Restaurationstendenzen vorgegangen wäre. Im Vorwort des Buches heißt es: „Die konservativen Hitler Gegner standen in der Tradition der alten Eliten aus dem nationalkonservativen und antirepublikanischen Lager der Weimarer Republik“. Sie liefen für den Grafen Moltke darauf hinaus, einen totalitären Staat durch einen anderen autoritären Staat zu überholen.

 

Kreisau, so wie die Moltkes die Bewegung verstanden, wollte ein Deutschland, das mit seiner obrigkeitsstaatlichen Tradition radikal brechen würde und politische wie wirtschaftliche Ungleichheiten überwinde. Befriedigend war es für ihn, dass er und der Jesuitenpater Alfred Delp nicht für den „Goerdeler Mist“ angeklagt wurden, sondern „für etwas umgebracht wurden, was wir a. getan haben und was b. sich lohnt“.

 

Da die beiden grenzwertig noch Wochen, ja Monate auch um das Leben und das Überleben des Helmuth Graf Moltke kämpfen, aber auch wieder ahnen, dass sie sich auf ein Leben nach dem Tode ausrichten müssen, schreibt der Graf Briefe an die beiden Söhne, sie tauschen Bibelstellen aus, Sie schreiben sich jede Seelenbewegung: Neulich in Kreisau, schreibt Freya am 12. 10.44 wacht ich auf ein paar Sekunden und schlief gleich weiter. „In den wenigen Sekunden überkam mich ein starkes Glücksgefühl: wir waren ganz nah beieinander, wir waren unzertrennlich.“ Bleibe ruhig und sicher! „Das ist der Teufel, der dich plagt! Schmeiß ihn heraus!“

 

Und sie antwortet auf eine Bitte, Ihres Mannes, der immer gut angezogen sein wollte und eine Krawatte haben wollte: „Ich darf Dir ja keine Krawatte bringen. Ich könnte sie höchsten dem Anwalt geben, damit du sie zur Verhandlung hast“. Es sind immer wieder Bibelstellen und Psalmen, die sie sich mitteilen und kleine Gedichte.

 

So am 13. Oktober 1944 die vierte Strophe aus dem Lied „Endlich bricht der heiße Tiegel“ von dem württembergischen Pfarrer Karl Friedrich Hartmann (1743-1815):

 

„Leiden sammelt unsere Sinne, dass die Seele nicht zerrinne

In den Bildern dieser Welt,

Ist wie eine Engelswache, die im innersten Gemache

Des Gemütes Ordnung hält.“

 

Man muss sich als Leser an manchen Stellen der Tränen nicht schämen über so viel Großherzigkeit, Glaubensstärke, Liebe, die sich auf den Wegen von der Zelle nach Kreisau und von Kreisau in die Zelle, nicht austrinken und verdorren lässt. Von der man als Leser das starke Gefühl bekommt: So ähnlich möchte die Welt bewegt werden wie die beiden zum Tode verurteilten, die sich über vier Monate noch Kraft wünschen.

 

Immer wieder ahnt der Graf, dass er ermordet werden wird, trotz allerletzter, aber nicht hektischer Bemühungen. Immer gibt er den Söhnen Anweisungen: Dennoch sei die „Ehrfurcht wirklich der Angelpunkt aller Erziehung und muss es bleiben, wenn Menschen Menschen bleiben“ Freya hat den lateinischen Augustinus Spruch auf ihrem Schreibtisch stehen: „Nos fecisti ad te et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te“.

 

Sie schreibt, die Relativität der Zeit vermag man schon hier zu spüren. „Mein Jäm“, das ist der Kosename, den man von ihm lernt, was werde alles von uns verlangt, „damit wir lernen, den Materialismus zu überwinden, damit wir wissen, dass wir Gottes Kinder sind.“ Sie macht sich Sorgen, dass Freisler ihn anbrüllt. Dix sagt ihr, der Freisler sei eigentlich ein faszinierender und gebildeter Mann. Aber er fängt immer an zu brüllen. Und sie sagt ihm in dem Brief: „Wenn er brüllt, dann brülle wieder. Ich finde es doch wichtig, dass du groß aus der Sache hervorgehst. Du wirst mit Kühnheit sicher mehr bei ihm erreichen.“

 

Und es gibt Sätze, die sind in unsere dürftige Zeit 2011 gesprochen: In seinem Brief an die Söhne Kaspar und Konrad (11.10.44) schreibt Moltke: „Ich sage es Euch, damit ihr wenigstens einen Bestandteil von mir kennt, und vor allem, damit ihr vor diesem Glauben, auch wenn ihr ihn nicht teilt, Ehrfurcht habt. Man muss vor jedem Glauben seiner Mitmenschen Ehrfurcht haben, denn das ist der wichtigste Punkt in jedem Menschen“. Heute hätte der Graf auch gesagt, vor jedem Glauben, auch vor dem Islam.

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