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:: Afghanistan, ein Land ohne Hoffnung?

„Keine Zeit, mutlos zu sein.“ Eine deutsche Krankenschwester außerhalb des Mandatsbereichs der Bundeswehr. Von Rupert Neudeck

„US-Soldaten sind in unser Krankenhaus gekommen, um nach Extremisten unter den Patienten zu suchen. Eigentlich sind sie nicht gekommen, sie haben die Türen eingetreten und den Pförtner gefesselt“. Das berichtet Karla Schefter, die mutige Krankenschwester und Leiterin des Hospitals in Chak in der afghanischen Provinz Wardak, in Dortmund  als sie sich im2009 wieder auf den Weg nach Afghanistan machen will.

 

Das Buch ist eine Beschreibung des großartigen humanitären Engagements der Krankenschwester, die sich wirklich auf die Liebe, die Versorgung und die Hilfe für die Afghanen ganz eingelassen hat. Aber allein aus dem, was sie berichtet, erfährt der Leser mehr als aus jeder Bundestagsdebatte: Sie hat gelernt, dass es wenig bedeutet, Soldaten dorthin zu schicken, die keinen Respekt haben vor der Kultur der Afghanen. Als ein Türke sie fragt, was sie denn von den US-Soldaten halte, sagt sie: „Gar nichts“.

 

Und der türkische Partner bestätigt sie: Die US-Soldaten kennen die Menschen nicht, „sie kennen die Mentalität der Afghanen nicht. Sie wissen nichts über ihre Traditionen. Und dennoch wollen sie sie verändern“.

 

Humanitäre bewegen sich am besten in alten zerbeulten Corollas oder sonstigen nicht sauber jeden Tag gewaschenen Autos. Die vornehmen UN-Organisationen machen schon immer den Fehler, dass sie in klimatisierten, funkelnagelneuen und gepanzerten wagenauffällig durch die Gegend kutschieren und zum mindesten Neid und Missgunst erregen.

 

Sie beschreibt in ihrem Buch, wie es von Jahr zu Jahr schlechter geworden ist in Afghanistan.  Je mehr Soldaten der Westen dorthin geschickt hat, desto schlechter wurde die Sicherheit. Sie beschreibt den für sie schwarzen Tag, an dem sie sich entschied, in ein Büro in Kabul umzuziehen, weil die deutsche Botschaft ihr angeraten hatte, nicht mehr einfach in ihr Hospital nach Chak zu gehen.

 

2008 wurde es auf Grund der Tatsache, dass die Soldaten sich immer mehr einigelten und die Sitten der Afghanen nicht beachteten, immer schlimmer. Ihre Strategie war es: sich aus den politischen Angelegenheiten herauszuhalten, sich von der Regierung zu distanzieren, ganz gleich, wer an der Macht war.

 

So eine Frau weiss besser als alle Redner des Bundestages, was in Afghanistan los ist. Sie weiß auch mehr als 90 Prozent aller deutschen Journalisten, die in Hundertschaften über die Bundeswehr-Airlines nach Afghanistan kommen. Diese Journalisten meinen, sie waren in Afghanistan, wenn sie in der „splendid isolation“, in den Festungen abgeschottet bei der Bundeswehr in Kunduz, Mazar i Sharif oder Fayzabad gewesen sind. Sie berichten den Bürgern hier, dass sie in Afghanistan waren. Dabei waren sie nur in dem Mandatsgebiete der Bundeswehr und dann noch meist nur in den Kasernen der Bundeswehr, die perfekt aufgebaute deutsche Dörfer mit Tüv, Post, Bar und Mülltrennung sind.

 

Dann wäre es zu dem hanebüchenen Unfug, der zudem noch kontraproduktiv ist für die eigene Sicherheit, nicht gekommen. 2008 bekam Karla Schefter einen Bescheid, die Bundesregierung würde ihr den Zuschuss von 50.000 Euro nicht mehr geben. In dem Bescheid hieß es: Etablierte Krankenhäuser wie das Krankenhaus in Chak dürften nicht mehr unterstützt werden, nur noch Nothilfemaßnahmen.

 

Hinzu käme, dass Karla Schefter sich mit ihrem Hospital nicht im Bereich der deutschen Schutztruppen befinden würde. Das Hauptargument war die Tatsache, dass die Organisation von Schefter sich nicht im Mandatsbereich der deutschen Bundeswehr aufhielt. Für 2008 und 2009 bekam Schefter noch das Geld. „Seitdem war es mit den Geldern aus der Bundesrepublik vorbei. Weil wir kein Militär zulassen, weil wir mehr für die Menschen getan haben als Bataillone von Soldaten und zwar ohne sie“.

 

Sie beschreibt in dem Buch auch, wie besinnungslos die deutsche Politik von Taliban spricht, bei allem, was da schief läuft. Dabei gibt es mindestens genau so viel Kriminelle und Banditen, die unter dem Deckmantel der Taliban ihre Geschäfte machen. „Die meisten von ihnen hätten keine Heimat mehr, sind Inlandsflüchtlinge und verdienten sich mit Kidnapping ihr Geld.“

 

Die Beschaffungs- und Entführungskriminalität hatte in allen Teilen Afghanistan – das war auch meine eigene Einschätzung überall zugenommen-. Dass das alles sog. Taliban sein sollen, ist zweifelhaft. Es sind Banditen, es sind Rebellen-Banditen und es sind alte Rechnungen aus der Zeit der Mujaheddin, also des Kampfes gegen die sowjetischen Besatzer.

 

Schefter berichtet, wie alles korrupter wird, gerade diejenigen schikaniert und behindert werden, die sich nicht nur für diese Menschen einsetzen, sondern die sich auch auf ihr Niveau herunterbegeben. Das was Karla Schefter über den Luftangriff auf die zwei Tanklastwagen in der Nähe von Kunduz am 4. September 2009 sagt, ist auf zwei Seiten besser als ganze dicke Expertisenbücher von Leuten, die von Land und Leuten keine Ahnung haben, weil sie nur in Kabul oder in den Kasernen der Bundeswehr herumhängen.

 

In Afghanistan kann nie eine klare Linie gezogen werden, zwischen den Menschen, die Taliban sind, und jenen, die wir als Zivilisten ansehen. Bei einem Angriff mit 140 Toten wie damals in Kunduz „halten die Familien zusammen, die Söhne helfen ihren Vätern, die Väter den Söhnen. Keiner wird seinen Bruder, Sohn oder Vater verraten, auch wenn die eigene Familie noch so sehr gegen sein Dasein als extremer Taliban“ eingestellt sei. Derartige hysterische Angriffe der ausländischen Militärs bedeuten nur weitere Zerstörung.

 

Die Korruption grassiert und wird von der Weltgemeinschaft geschürt. Die US-Militärs kaufen die Extremisten. „Wenn ein amerikanischer Konvoi unterwegs ist, bezahlen sie in manchen Gegenden pro Auto 1000 Dollar Schutzgeld, damit dieser nicht angegriffen wird. „Mit Geld geht alles“. Unter Westerwelle dachte man sich sogar ein Programm aus, die Taliban zurückzukaufen: „Erkaufte Gutmenschen“. Das Land ist durch die US-Methode, mit der hier andauernd Kommandanten gekauft wurden, kaputt gemacht worden. Diese Leute, die bezahlt werden, bleiben nur so lange ruhig, wie  und solange das Geld fliegt. „Würde man denen den Hahn zudrehen, würde alles wieder von vorne anfangen“.

 

Sie hat mit ihrem common sense für die Nöte und Sorgen der überwiegenden Mehrheit der Afghanen mehr Sinn und Verständnis als ganze Bataillone von Helfern wie z.B. der GTZ und des DED und der Botschaft, die alle nur noch kaserniert, abseits der Afghanen sich bewegen dürfen. „Nach zwei Anschlägen auf die deutsche Botschaft wurde ein Haus auf dem Gelände der Botschaft gebaut, in dem alle Botschaftsangehörigen wohnen müssen. Einen privaten Bereich gibt es dann nicht mehr.

 

Diese Ausländer können nie das andere Afghanistan erleben. Es gibt immer auch – wie auch bei unserer Arbeit in Herat –die wunderbaren Menschen, die sich nicht zu schade sind, jeden Tag bei praller Sonne auf den einstündigen Weg zu machen, um ein einem Kurs für Gesundheitsheferinnen teilzunehmen. Sie beschreibt eine Frau die passend zur blauen Burka rote Stöckelschuhe trug. Sie machte einen Kurs mit, um später einmal Dorfhebamme zu werden, kam aus Mardu.

 

Einzig zwei kleine Anmerkungen, da das Buch ja durch ein Lektorat gegangen ist. es gibt mehr Regionen, in denen man arbeiten kann, nicht nur das Panchirtal, das im Buch erwähnt wird. Es gibt auch die Provinz Herat, in der man in einigen Distrikten vorangehen kann – ohne bewaffneten Schutz, der natürlich kein Schutz ist.

 

Einmal steht auf einer Seite der Name des berüchtigten Führers der Hezbi-i-Islami mit Hekmatar und das andere Mal richtig mit Hekmatyar. Die Brüder der Christusgemeinschaft sind die evangelische Ordensgemeinschaft der „Christusbrüder“, die sich großen Respekt erobert hat.

 

Die Frage des Schutzes für Menschen wie Karla Schefter erledigt sich, wenn man vor Ort begreift, dass es gar keinen Isaf Schutz gibt, weil unsere Soldaten in der Regel nicht aus der eigenen total geschützten Kasernenfestung herausdürfen. Sie hat, wie sie selbst schreibt wegen der vielen anstehenden Aufgaben im Hospital Chak „keine Zeit, mutlos zu sein!“

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