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:: Angekommen in Deutschland - Der Preis der Integration

Als Palästinenser hat man schon so seine Probleme in Deutschland. Zu dem Buch von Aref Hajjaj über seinen Preis der Integration. Von Rupert Neudeck

Das ist ein inhaltsreiches Buch, auf das wir gewartet haben. Der aus Jaffa stammende, 1944 dort geborene  Palästinenser Aref Hajjaj erzählt über eine von außen gesehen erfolgreiche Integrationskarriere in Deutschland. Aber er erzählt, wie schwer es war, ein Deutscher zu werden und das noch für einen Palästinenser: „Der Preis der Integration“ ist nicht nur von der Ankunftsgesellschaft zu zahlen, auch von dem, der sich gern engagieren will. Er schaffte es immerhin bis zum Dolmetscher im Deutschen Auswärtigen Amt (AA).

 

Nun ist der bürgerlich-palästinensische (klingt das nicht schon ein Widerspruch an: Palästinenser reimt sich deutsch auf radikal-islamisch) Autor klug genug, das Ganze nicht als seine Biographie zu schildern, sondern als die des Iskander Faris, hinter dem sich -wie unschwer zu erkennen ist – der Autor verbirgt. Damit hat er durch die scheinbare Fiktion alle beamtenrechtlichen Gründe ausgeräumt, unter denen er das Buch so nicht hätte schreiben dürfen.

 

So wie seinerzeit ein deutscher Vorgänger, der Staatsminister im Auswärtigen Amt (AA), Paul Frank ein wunderbares Buch schrieb: „Entschlüsselte Botschaft – Ein Diplomat macht Inventur“, in dem er alles schrieb: Aber nicht unter Paul Frank, sondern unter dem Pseudonym Caspar Hilzinger (DVA Stuttgart 1981).

 

Der 18jährige Palästinenser kommt 1961 nach Iserlohn im Sauerland und lernt dort deutsch am Goetheinstitut. Er macht dort auch „seltsame, ja unerfreuliche Erfahrungen“. Iskander fiel auf, wie sehr sich die „Menschen an den Wochenenden dem Rausch übermäßigen Alkoholkonsums hingaben und entgegen ihrer sonst kühlen Art dann zu übertriebener, mit Lautstärke getränkter Heiterkeit neigten“.

 

Als Palästinenser in Diensten des AA wird er später immer beobachtet. Als er die Hauptstadt der später untergegangenen DDR besucht, hält er sich bei zwei jungen Arabern auf, die an der Humboldt Universität Medizin studieren. Danach wurde er von einem Bonner Sicherheitsmann befragt: Man habe ihn beobachtet, wie er sich in der Hotellobby angeregt mit zwei Mitarbeitern der PLO-Vertretung  unterhielt. Später seien diese beiden Männer in einen Wagen gestiegen. „Dieser Wagen sei nachweislich in den Anschlag auf das Berliner Nachtlokal La Belle verwickelt gewesen“. Es ergab sich aus diesen dramatischen Nachforschungen nichts. Aber er wusste, hätte sich die Verdächtigung auch nur im Ungefähren erhärtet, hätte dies gewaltige berufliche Konsequenzen (Erntlassung) für ihn gehabt. Gleichermaßen wird er später von den Beamten des BKA in Meckenheim verhört.

 

Man überreicht ihm ein Schriftstück, in dem es um „mehrere Steuerungsanlagen des Typs Teleperm M AS 235 und OS 265 von der Firma Siemens geht, die drei deutsche Staatsbürger nach Libyen geliefert haben zur Produktion von Giftgas in einem Tunnelsystem bei Tarhuna, 65 Km südlich von Tripolis23“. Er war - wie er den Ermittlern sagte - im „Vorstand der Deutsch-Arabischen Gesellschaft“ aktiv, „der auch respektable deutsche Politiker angehören“. Aber er hatte eben auch mal Kontakte mit dem libyschen Botschafter.

Der Ermittler hob „als Beweismittel für eine gewisse Erpressermentalität Iskandars subtil dessen ethnisch-kulturellen Hintergrund hervor“.

 

Als Palästinenser muss man in Deutschland mehr an politischer Korrektheit und Distanz zu möglichen Terroristen aufbringen als ein normaler Deutscher.

 

Wie gut und auf halber Strecke zwischen Literatur und politischer Enthüllungsdokumentation dieses kleine Büchlein geschrieben ist, hier die Kostprobe: „Diese gesamte Vernehmung kam Iskandar kafkaesk vor, und er dachte sich, die Handlung des von ihm so bewunderten Romans ‚Der Prozess’ am eigenen Leibe erleiden zu müssen. Aber es war für ihn von fundamentalem Unterschied, ob er nun eine spannungsgeladene Situation literarisch genießen oder aber persönlich erfahren würde.“

 

Im Studium fühlt sich Iskandar alias Aref Hajjaj im Milieu der Heidelberger UNI „sauwohl“. An der UNI erlebt er die Lobpreisung alles Israelischen und die Dämonisierung der arabischen Staaten auf der anderen Seite. Gerade dieser Autor ist aber genau so in der Lage die „dilettantische und kopflose Vorgehensweise der arabischen Führer in der Palästina Frage tief“ zu verabscheuen. Von dieser Mischung aus Verrat, Schlampigkeit und Tollpatschigkeit profitiere vor allem Israel selbst.

 

Glänzende Passagen gibt der Autor über seine Tätigkeit als Sprachmittler im Bonner Auswärtigen Amt. Iskandar erlebt, wie ein deutscher Minister im Gespräch mit seinem Amtskollegen aus einem arabischen Land  einfach einschlief. Ein anderes Mal war er dabei, als der Chef eines wichtigen Erdölstaates im Gespräch mit einem SPD- Bundeskanzler eine Exkursion in die neue deutsche Zeitgeschichte wagte - nach Art des berühmten Elefanten im Porzellanladen. Durfte er das wörtlich übersetzen oder musste er den Chef des Ölstaates schonen durch nur zusammenfassende Übersetzung?

 

Auch das Private fehlt nicht in dem glänzend geschriebenen Buch. Der Autor ist mit einer Schweizerin aus dem Tessin verheiratet. Alles das liest sich durchsichtig auf die deutschen und israelisch-palästinensischen Verhältnisse und manchmal entdeckt man Personen der Zeitgeschichte, die nur bedingt verdeckt geschildert werden.

 

Besonders wertvoll, die Vernunft des Autors bringt ihn dazu, auch eine Unart seiner Landsleute am Schluß zu kritisieren, die mir immer besonders auf den Geist gegangen ist. Er macht die Neigung seiner Landsleute aus, „alles, wirklich alles mit Hilfe von Verschwörungstheorien deuten zu wollen“.

 

Das finge mit Adolf Hitler an, der durch die Vernichtung der europäischen Juden den Zionisten den Weg zur Gründung des eigenen Staates in Palästina geebnet und später Nachkriegsdeutschland dem Staat Israel gefügig gemacht habe. So erfährt Iskandar von der weiteren Verschwörung, dass der frühere ägyptische Präsident Nasser den Juni Krieg 1967 konspirativ entfacht und verloren habe, weil er auch im Auftrag des israelischen Geheimdienstes gestanden habe. Natürlich seien auch der PLO Führer Arafat und der frühere syrische Präsident Hafes Al-Assad nichts anders als verkappte Zionisten gewesen.

 

Ein Buch, das uns zu den Themen Israel/Palästina in Deutschland die Augen öffnet. Er kommt nach einem Ausflug in einem arabischen Land wieder froh ins Rheinland zurück: Das Land – aus dem er mit seiner Frau wieder zurückkommt nach einer Auszeit - nennt er: „Wadi Al Arab“. Er landet mit seiner Frau Chiara und wird von den erwachsenen Kindern abgeholt. „Die Sonne strahlte prächtig über die Weinberge, während das sattgrüne Rheintal wie eine Bilderbuchgalerie aus vergangenen mythischen Zeiten aussah.“ Iskandar sagt zu seinen Kindern und damit ist das spannende Buch zu Ende: „Zuhause ist es doch am schönsten“. Und fügt süffisant hinzu: „Jedenfalls ist das hier das kleinere Übel“.

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