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:: Beschädigte Vegetation und sterbender Wald

Wie war das mit dem Waldsterben? Wer hat es zuerst entdeckt? Waren es die Wissenschaftler? Oder die Medien? Und wie kommt es überhaupt, dass aus einem beobachteten ökologischen Phänomen ein umweltpolitisches Thema wird?  Eine Rezension von Udo E. Simonis

„Es ist nicht die Umwelt, die ein Problem mit ihrer Veränderung hat, sondern die Menschen, die in ihr leben. Umweltprobleme sind daher Konstrukte, die auf gesellschaftlicher Kommunikation über bestimmte, in der ‚natürlichen Umgebung‘ des Menschen beobachtete Phänomene beruhen“ (S. 17).

 

Auf Basis dieser Grundannahme beschreibt und erklärt Martin Bemmann, wie und warum sich die Interpretation ein und desselben Phänomens im Laufe eines Jahrhunderts änderte – nein, ändern musste.

  • Wann wurden immissionsbedingte Schäden  an der Vegetation und insbesondere am Wald erstmals beobachtet und als Problem erkannt?
  • Wie veränderte sich die Problemsicht darauf und warum?
  • Wer beschäftigte sich damit und aus welchen Gründen?
  • Und ab wann sah man in diesen Schäden ein weitreichendes, ernsthaftes Umweltproblem?

Der Autor will mit der Beantwortung dieser Fragen einen Beitrag zur Entstehungsgeschichte der heutigen Umweltbewegung und der heutigen Umweltpolitik leisten. Am Beispiel von fünf  Debatten zwischen Kaiserreich und früher Bundesrepublik Deutschland untersucht er, wie und warum es zu einem Wandel kam, und wie dieser in die sozioökonomischen, politischen und ideologischen Wandlungsprozesse der deutschen Gesellschaft eingebettet ist. Erst wenn beobachtete Phänomene, so der Autor, als Umweltprobleme interpretiert werden, wird Umweltpolitik zu deren Lösung erforderlich, wird einer Umweltbewegung ein Tätigkeitsfeld eröffnet.

 

Ausgangspunkt ist also die Annahme, dass es außerhalb der menschlichen Wahrnehmung keine Probleme geben kann. Ein beobachtetes Phänomen muss vielmehr erst zu einem Problem ‚gemacht‘, das heißt als solches interpretiert werden. Dies geschieht, indem die jeweiligen Beobachter aufgrund von Wissen in diesem Phänomen einen unerwünschten und veränderungsbedürftigen, vor allem aber einen prinzipiell veränderbaren Zustand erkennen. Nur wer weiß, dass ein Phänomen real existiert, kann dieses als ein Problem interpretieren.

 

Das Dilemma aber ist, dass das, was jemand für ein Problem hält, noch lange nicht von jemand anderem oder von der Mehrheit der Gesellschaft als solches angesehen und anerkannt werden muss. Umweltprobleme sind demnach auf beobachtete Phänomene bezogene gesellschaftliche Interpretationen.

 

Man braucht nur an den Atomausstieg und die ‚Energiewende‘ zu denken, um zu erkennen, wie fundamental wichtig Theorie und Methodik  sind, um zu neuen Sichtweisen zu gelangen. Die Fähigkeit, ein beobachtetes Phänomen als Umweltproblem zu interpretieren, bedarf allerdings gewisser Kapazitäten, die ökonomischer, wissenschaftlicher oder politischer Art sein können.

 

Der Autor negiert solche Kapazitäten nicht, doch ihm geht es zuerst und vor allem um die gesellschaftlichen Kommunikationsprozesse, die bestimmte neue Deutungs- und Argumentationsmuster hervorbringen, die eine Interpretation beobachteter Phänomene als Umweltprobleme ermöglichen und Umweltpolitik erfordern. Solche Deutungs- und Argumentationsmuster sind Resultat gesellschaftlicher Kommunikation, die gleichzeitig Denken und Handeln der jeweiligen Zeitgenossen strukturieren.

 

Auf Basis dieses Grundverständnisses (dieser Theorie) hat der Autor einen wohl begründeten Untersuchungszeitraum (1893 bis 1970) gewählt, der zwei starke symbolische Eckwerte hat. Der Ausgangspunkt (1893) ist durch die Publikation eines Buches über immissionsbedingte Waldschäden bestimmt, das im Rahmen eines Gerichtsprozesses entstand und eine heftige, mehrjährige Kontroverse auslöste: Der „Monstre-Prozess“ in Oberschlesien war der Beginn der ersten Debatte in Deutschland, die nicht auf den unmittelbar beteiligten Personenkreis begrenzt blieb, sondern gesellschaftlich relevant wurde.

 

Der Endpunkt (1970) ist in anderer Weise symbolhaft: In diesem Jahr fand in Essen eine Tagung über immissionsbedingte Waldschäden statt, auf der die anwesenden Experten ihr Untersuchungsfeld erstmals explizit als Umweltproblem und damit als gesellschaftlich relevantes Thema definierten.  Sie erklärten ihre Arbeit zu einem Teil des kurz zuvor ‚erfundenen‘ Umweltschutzes.

 

Wer sich auf  diese voluminöse, theoretisch begründete, empirisch belegte und zugleich sorgfältig dokumentierte Studie von Martin Bemmann einlässt, wird reich belohnt und viele (solcher und anderer) Überraschungen erleben. (Wer sich 540 Seiten Text nicht zutraut oder zeitlich nicht leisten kann, sollte wenigstens die sorgfältig geschriebenen Fazits zu den einzelnen Kapiteln lesen). Nach dem Kapitel über die Verhandlung immissionsbedingter Schäden im Monstre-Prozess Mitte der 1890er Jahre folgen Kapitel über die Bedrohung rentabler Forstwirtschaft im Königreich Sachsen (1906  bis 1916), über sterbende Wälder an der Ruhr (1920er Jahre), über immissionsbedingte Waldschäden im ‚Dritten Reich‘ und in der Bundesrepublik Deutschland (1954 bis 1970).

 

Das letzte  Kapitel gilt dann der Frage, warum die Waldsterbensdebatte in Deutschland - trotz aller historischen Vorkommnisse und Vorkenntnisse - erst zu Beginn der 1980er Jahre begann.

 

Der Autor beantwortet die Frage so, wie sie in seinem theoretischen Grundverständnis angelegt war – und das ist noch einmal im Zusammenhang sehr lesenswert. Der Rezensent aber wurde an eine andere Frage und eine andere Antwort erinnert – und möchte auch diese zur Lektüre empfehlen.

 

Im Jahrbuch Ökologie 1992 (S. 292-307) hat Hans-Jochen Luhmann die Frage ein wenig anders gestellt und so beantwortet: „Warum hat nicht der Sachverständigenrat für Umweltfragen (Sru), sondern der Spiegel das Waldsterben entdeckt“ – Fragezeichen, Ausrufezeichen.

Quelle:

Udo E. Simonis 2012 ist Professor Emeritus für Umweltpolitik am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und Kurator der Deutschen Umweltstiftung

 

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