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Buch-Tipp 176 von 631

:: Blutmilch - Wie die Bauern ums Überleben kämpfen

Stolz darauf zu sein, als Bauer zu leben. Wie wichtig Natur, Nahrung, Milch, Heimat und Bauern sind - auch in Deutschland. Von Rupert Neudeck

Das ist ein Buch, das mir den Kopf wäscht. Das habe ich mir noch nie so klar gemacht, wie es mir mit dem Buch „Blutmilch“ aufgezeigt und aufgeschrieben ist. Geschrieben hat es jemand, der mittlerweile für sich und mindestens 30.000 andere Bauern den Stolz seines Standes, Berufes und Lebensstiles zurückgewonnen hat: Romuald Schaber. Er bewirtschaftet einen der immer seltener werdenden Familienbetriebe- einen 35 großen Grünlandbetrieb mit 40 Kühen. 1998 wurde er einer der Mitgründer des – interessanterweise BDM genannten „Bundesverbandes der deutscher Milchviehhalter“. Für mich (Jahrgang 1939) hat die Drei-Buchstaben Annotation immer noch einen nachwirkenden Beigeschmack aus der Nazizeit: „Bund Deutscher Mädchen“.

 

Das ganze Buch ist ein Werben um den Bauernstand, der mehr ist als ein genormter Berufszweig, in dem es Angestellte, Landarbeiter und Tarifverträge gibt. Arbeiten in der Landwirtschaft sei ja nicht wie Arbeiten bei Infineon oder BMW oder in irgendeinem Ministerium. „Da gehst Du nicht woanders hin, schaffst und kommst abends wieder heim.“ Auf dem Hof sei – noch alles eins: „Produktionsstätte und Wohnbereich, Leben und Arbeiten“.

 

Ich habe viel gelernt in diesem Buch über Widerstand, und wie man ihn in einer durchregulierten Gesellschaft erst unter Zittern und Bangen durchbringen kann. Es kommen zwei Gefühlsäußerungen immer wieder vor: Es werden Tränen vergossen, vor Wut oder vor Freude über erreichte Ziele, und es geht einem eine Erfahrung an die „Nieren“. Die Untertitelung eines Kapitels lautet dann auch ganz bildlich: „Dir zittert die Hand, wenn Du den Milchhahn aufdrehst“.

 

Dieses (9.) Kapitel darüber, „wie Bauern kämpfen“ scheint mir das stärkste in einem starken Buch zu sein, dass sich gerade für Städter, Bleichgesichter, Politiker zu lesen lohnt. Denn wir werden alle nicht geschont, die wir uns keinen Begriff machen, wie wertvoll die Milch vom Bauern ist, die wir trinken und mit der wir aufwachsen. Als die völlig ungewöhnliche Erfahrung für den konservativsten Berufsstand in Europa sich Bahn bricht, dass man streiken und boykottieren muss, heißt die Parole im Frühjahr 2008: „STREIK!“ Der Bauer fragt seine Frau, die sagt: „So kann es nicht weitergehen. Dreh auf“. Das beschreibt Schaber wirklich sehr eindrucksvoll: Hunderte, dann Tausende, dann Zehntausende schütten ihre Milch weg.

 

Der Streik hat einiges erreicht: Die Bauern sind wieder stolz auf sich und darauf, dass sie gemeinsam etwas durchsetzen konnten. Sie sind enttäuscht von Ihrem Bauernverband und von der Politik, zumal der in Europa. Der Bauernverband hat den 30.000 Milchbauern des BDM nicht den Rücken gestärkt, sondern ist wie ein Brüsseler Lobbyist aufgetreten. Am dritten Tag lässt der Bauernverband verlautbaren: „Morgen bricht der Streik zusammen“. Der Bauernverband erklärt die alte Mär: Warum wir Milch wegschütten, obwohl in anderen Ländern Afrikas Kinder verhungern. Die alternativen Milchviehbauern erklären: Diese Kinder in Afrika krepieren, weil die EU mit ihren subventionierten Exporten heimische Märkte kaputt gemacht hat. Und die Bauern erklären, dass es als Demo besser ist, die Milch wegzuschütten als die Kühe zu vernachlässigen und die Menschen zur Verzweifelung zu bringen, weil kein Geld mehr da ist.

 

Es ist aber viel mehr zu erfahren, ja zu lernen in diesem Buch Es ist auch ein Buch, das uns den Kopf wäscht, weil wir in unaufhaltsamen Vormarsch zum technisierten Umgang mit der Natur sind und damit Natur und Heimat verlieren. „Wir können nicht auf Heimat und Natur verzichten.“ Schaber hat einen manchmal schnoddrigen, aber dafür klaren Stil: Wir alle dürften es nicht zulassen, „dass unser Land vertickert wird, nur weil eine Handvoll sog. Marktwirtschaftler behauptet, dass nach ein bisschen Strukturwandel der Käse beim Aldi noch billiger wird.“

 

Der Autor hat die süßen Sirenentöne durchschaut, mit denen wir plattgemacht werden. Da ist einmal das Dogma von der „Privatisierung“. Aber damit sei nicht gemeint, dass das Privateigentum von kleinen Erzeugern und kleinen Landwirten geschützt wird, sondern: Dass der Staat alle wichtigen Aufgaben an private Betreiber verkauft. Für uns Bauern – sagt Schaber - bedeute das: Die Ernährung der Bevölkerung übernimmt die Milchindustrie. „Aus der Landwirtschaft wird eine Industrie“.

 

Das zweite Sirenenwort klingt auch harmlos: „Deregulierung“. Für die Milchbauern heißt das: Weg mit der Milchquote. Der Autor ist ganz mutig und zieht Vergleiche, die nicht gehen: In der DDR habe es geheißen: „Junkerland in Bauernhand“. Heute heiße es: „Bauernland in Firmenhand“. Sehr eindringlich beschreibt Schaber die Verhältnisse auf seinem Hof. Die beste Kuh sei nicht die Turbo-Kuh, sondern die sorgsam gepflegte und behandelte langlebige. Er beschreibt, wie man in dem Teufelskreis der Bürokratie, der Beamten, der Regulierer die Milch direkt vom Euter der Kuh gar nicht mehr trinken soll. Die Milch, die man zu kaufen kriegt, sei mit der Milch direkt vom Hof nicht mehr zu vergleichen. Die Milch des Milchbauern vom Schaberhof hat 4,2 Prozent Fett und 3,5 Eiweiß. Das hat die gekaufte nicht mehr.

 

Wenn der Schaber Romuald diese Milch abgeben will, müsste er ein Schild an Hof anhängen: „Rohmilch – zum Verzehr nicht geeignet!“

 

Das sei der Segen der Standardisierung. Frische Kuhmilch, höchstwertiges Lebensmittel ist zum Verkehr nicht geeignet! „Da muss man erst drauf kommen. Denn Milch ist zum Verzehr geeignet. Erst später in der Molkerei wird das Fett herausgenommen. D. h. auch: Milchstoffe und damit Geschmacksstoffe“. Da kommt dann wieder der schöne, verstehbare Stil des Romuald Schaber: „Kann man machen. Aber besser wird sie halt nicht, nur einheitlicher.“

 

Das macht für mich das Buch so reizvoll, weil es die Verluste unserer überbordenden Gesundheits-versessenen und Zivilisations-trächtigen Welt beschreibt. Eine Kuh, die 12.000 l Milch im Jahr gibt statt 4.500 Liter, habe einfach Schwierigkeiten, das alles hineinzupacken, was gut ist. Milch sei etwas Individuelles.

 

Das lerne ich in dem Buch wie vieles anderes. Aus den Bergen ist die Milch anders als im Flachland, bei Grünfütterung anderes als bei Silagefütterung. Erst wenn wir sie an der Molkerei abgeben, wird sie vereinheitlicht.

 

Das Buch ist auch für meine Generation wichtig, ich gehöre noch zu der Generation, die 1968ff studiert hat und davon beeinflusst worden ist. Wir haben uns alle die Augen wundgelesen in den Pamphleten, die uns einiges über die räuberischen Produktionsverhältnisse im Kapitalismus sagten. Das war und ist auch dann nicht falsch, wenn es jemand wie Karl Marx oder Friedrich Engels bemerkt hat. Aber eines war ganz fruchtbar falsch, hat aber unsere Generation und die Politik stark beeindruckt. Karl Marx sprach auch im 19. jahrhundert von der „Idiotie des Landlebens“, der man je eher je besser entfliehen muss. Davon haben mich die letzten Jahre schon geheilt. Aber richtig zurecht gebracht hat mich dieses Buch.

 

Dafür kann man dem Autor nur gratulieren, weil ich vermute, dass eine solche Konversion viele Leser erfahren können. Am Schluss wird der Autor von einem Freund gefragt: „Romi, was machst du, wenn du den Kampf gewonnen hast?“ Antwort: „Ich werde eine Wallfahrt machen!“

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