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:: Der Mathematiker und der Global Marshall Plan

Zum neuen Buch von Franz Josef Rademacher "Welt mit Zukunft - Überleben im 21. Jahrhundert". Von Rupert Neudeck
Das ist die Programmschrift der Bewegung Global Marshall Plan Initiative. Die Bewegung ist noch geheimnisvoller und unscheinbar mächtiger denn die Illuminaten, die Freimaurer oder ATTAC. Sie hat eigentlich kein Gerüst, sie besitzt keine Struktur, wahrscheinlich in Deutschland noch nicht einmal ein vereinsrechtliches Fundament. Sie vermeidet den Fehler, den uns die Franzosen immer ankreiden. Der Deutsche meint, die Frage „Was sollen wir tun?“ Sei identisch mit der Frage: „Was können wir organisieren?“
 
Man möchte denen, die das verachten, gern zurufen: Unterschätzt diese explosive Botschaft nicht. Sie ist wahrscheinlich die einzige Form der Rettung des Weltgefüges und geht auch weit über die bisherigen Formen der Kritik an der Marktwirtschaft und der Entwicklungspolitik hinaus.
 
Sie hat Vorläufer: Der Club of Rome beispielsweise, mit dem sich der Autor Franz Josef Rademacher besonders identifiziert. Aber auch sein eigenes Institut in Ulm, das einen monströsen Namen trägt: Das „Institut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung“ (FAW) in Ulm. Rademacher ist ein extrem politischer Kopf, wahrscheinlich kann die Global Marshall Plan Initiative ohne ihn nicht auskommen. Und er ist (überraschend, wie er selbst einschränkend sagt) Mathematiker. Er rechnet aus.

Das ist bei der Überzahl derer, die in den Kreisen der Akademien wie der Parlamente immer noch von den Geisteswissenschaften oder der Wirtschaft, aus den Beamten- und Lehrerberufen kommen, erstaunlich. Aber vielleicht braucht die Menschheit und brauchen die Europäer und die Deutschen im nach-ideologischen Zeitalter jetzt Naturwissenschaftler und Kalkulatoren. Immerhin haben wir ja auch eine Physikerin als Bundeskanzlerin.
 
Der zweite, ohne den alles nicht laufen würde, ist ein Charismatiker und Manager, Frithjof Finkbeiner, noch mal jemand, den man in unseren Kreisen der Systemumstürzer sonst nicht findet. Diese beiden sind sowohl Umstürzer wie auch Schritt für Schritt Vorangeher. Sie leben davon, dass ihnen andere zuarbeiten, oder ihnen Fragen stellen.

So ist die Global Mashall Plan Initiative immer noch nicht eine Bewegung, eher eine zusammengewürfelte gemeinsame Emotion. Aber sie baut sich auf. Das neueste Buch von Rademacher ist ein Bericht an die Global Marshall Plan Initiative. Also an die vielen, die sich anschließen oder anschließen wollen sind noch so wie der Johannes der Täufer, der sagen muss: „Ich bin es nicht. Aber ich weis euch auf jemanden hin, der da kommen wird!“
 
Der Mathematiker wird plötzlich politisch sensationell: Das Demokratieproblem auf diesem Globus bestehe nicht darin, dass China, Saudi Arabien und Nordkorea noch keine Demokratien seien, sondern darin: „dass ein Land mit 300 Mio Einwohnern einen Präsidenten wählt, aber 6,5 Milliarden Menschen mit ihm leben müssen.“
 
Man muss diesem Öko-Mathe-Politiker zubilligen, dass er Fragen stellt, die nicht einfach, sondern nur klar und mutig zu beantworten sind. Diese Fragen werden demnächst in der Politik die Antworten produzieren, die Rademacher vorgibt. 
  1. Der Staat besteuert den, der nicht weglaufen kann. Dagegen zahlen die geschicktesten globalen Akteure nichts und verhalten sich damit völlig legal. 2. Nichts erhöht so sehr den Gewinn, wie wenn wir gar keine Steuern zahlen.
  2. Der Markt kann die Lösung nicht sein. Denn die unsichtbare Hand des Marktes hat uns den Zustand beschert, mit den 80 Prozent der Menschheit, die nur über 20 Prozent des Welteinkommens verfügen und den täglich 24.000 Toten.
  3. Das „Gefangenendilemma“. In der mathematischen Spieltheorie werden Konstellationen, bei denen die Beteiligten derart verstrickt sind und sich gegenseitig blockieren, mit diesem Begriff bezeichnet. Das Wort erinnert mich an den Satz aus John Miltons „Lost Paradise“, das der andere große Sozial-Ökologe, Carl Amery, so oft zitiert hat: The Gates of Hell are locked within“, „Die Pforten der Hölle sind von innen versiegelt“.
  4. Wir leben jetzt schon von der Substanz. Systemwissenschaftlich - so Rademacher – sprechen wir vom Overshoot. Leider können wir keinen Handel mit einem anderen Planeten treiben, um damit Handel zu treiben.
 
Rademacher hat ein erkenntnisleitendes historisches Beispiel, das er in diesem Buch gut ausführt. An einem Ostersonntag 1722 entdeckte der holländische Seefahrer Jacob Roggeveen eine völlig abgelegene Pazifikinsel. Diese Osterinsel bot ein Bild der Verwüstung. Es waren viele der auf ihr gebauten Statuen umgeworfen, die wenigen Einwohner führten ein kümmerliches Dasein auf einem baumlosen Geröllhaufen. Die Bewohner der Osterinsel hatten vor tausend Jahren an solchen imposanten Statuen und Figuren gebaut. Der Wald auf der Insel schmolz dahin. Damit auch die Seevögel, Regenwasser floss nun – Erosion – ungehindert über die Insel. Holzstämme für den Kanubaum gab es keine mehr. Die Zivilisation der Osterinsel brach einfach zusammen.
 
Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen? Vermutlich wegen des Machthungers der Häuptlinge der Polynesier, die hier 1000 Jahre vor den Holländern angekommen waren. Auf der Osterinsel lebte ein Dutzend von Sippen oder Clans, unter denen ein Wettbewerb ausgebrochen war: Wer  macht die größten Kultfiguren? Jeder Häuptling, der „die kleineren Statuen hätte bauen lassen, um die Wälder zu schonen, wäre abgesetzt worden. Die Eliten waren in der Konkurrenzspirale gefangen“.


Die Parallelen zwischen der Osterinsel und unserem Planeten liegen klar zu Tage: Beide sind isoliert, ob die Insel im Pazifik oder wir im Weltraum. Welche Auswirkungen unsere Eingriffe in die komplexen und lebenerhaltenden Regelwerke der Natur letztlich haben, weiß niemand genau. Aber was wir genau wissen, und deshalb muss die Global Marshall Plan Initiative künftig mehr sein als Rademacher und Finkbeiner, als Club of Rome und Club of Budapest, als ein ex Vizekanzler Rieger in Österreich und ein Ex-MdB Prof. Pinger in Deutschland, als Franz Alt und Hermann Scheer – der Planet steht unter Stress. Es würde schon jetzt 1,2 Jahre brauchen, um das zu reproduzieren, was die Menschheit heute in einem Jahr konsumiert. 
  • Sie schlägt mehr Holz als nachwächst.
  • Sie fängt mehr Fischer als die Fischstöcke hergeben.
  • Sie entläßt mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre als die ökologischen Systeme problemlos absorbieren können. Auf unserem Globus leben immer mehr Menschen die immer mehr konsumieren.
Und Rademacher: „Dabei essen wir Öl. Hinter jeder Kalorie, die wir an Lebensmitteln zu uns nehmen, stehen bis zu zehn Kalorien an fossiler Energie, die für den Kunstdünger, für Traktoren, für die Kühlung, für den gesamten Transport aufgebracht werden müssen“.
 
Und wir sind in der Erfindungskraft dabei noch nicht am Ende. 200 Kilo Leberkäse wurde jüngst mal für ein Bataillon der Bundeswehr unter irrwitzig teuren Kühlbedingungen aus Oberbayern nach Hahn in Eifel, über Dubai nach Kabul in zwei gecharterten Ilyushin 76 transportiert, um dann noch in Kühlcontainern durch den Salang Tunnel bis nach Mazar i Sharif in Nord-Afghanistan gefahren zu werden.
 
Arbeit für die Zerstörung des Planeten. Wenn wir so weitermachen, zerstören wir die Zukunft. Aber wir können es auch ganz anders machen. Rademacher, sagt uns wie, stellt schon die richtigen Fragen, auf die nur richtige Antworten möglich sind. Und: Er ist kein Abraham a Santa Clara.
 
Vielleicht müsste der Rademacher mal für eine Legislaturperiode ins Parlament, in unseren Bundestag, sowie wie es Ernst-Ullrich von Weizsäcker ja auch getan hat, dann aber doch auf eine Professur in den USA abgedriftet ist. Aber erst dort würde er spüren, wie es ist, wenn man die Osterinsel in Mitteleuropa und auf dem Globus verhindern will.
Quelle:
Rupert Neudeck 2007
Grünhelme 2007
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