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:: Der verstrahlte Westernheld und anderer Irrsinn aus dem Atomzeitalter

Atom-Blasphemie. Zu einem Buch über die Gefahren, denen wir ausgesetzt waren und von denen wir wenig wussten. Von Rupert Neudeck

Das Buch könnte auch Blasphemie überschrieben sein. Was alles wir uns in der modernen Zeitgeschichte an Gotteslästerung haben einfallen lassen, ist ungeheuerlich. Die Oberen der Atomic Energie Commission wollten Atombomben nur zünden, um Aufschluss über praktische Fragen zu bekommen – z.B. wie groß ein nuklearer Sprengsatz sein musste, um auf Knopfdruck einen tiefen Krater zu schaffen.

 

Die Idee in Alaska mit Atombomben herumzuhantieren statt in dem US-amerikanischen  Staat Nevada hatte den Grund, weil da in Alaska nur allenfalls ein paar versprengte Eskimos herumlaufen würden. All men are created equal, so heißt es so schön pathetisch, aber im Zweifelsfall sind Eskimos nicht so wertvoll. Aufmerksam geworden war man auf die Gefahren, die durch erhöhte Radioaktivität sich ergaben, durch die Mitglieder eines Filmteams betroffen sein würden, die den monumentalen Geschichtsschinken „The Conqueror“ in der Wüste gedreht hatten.

 

Die Hauptdarstellerin Susan Hayward erlag 1975 einem Hirntumor, der Hauptdarsteller John Wayne starb 1979 an Lungenkrebs.

 

„Milrow“ war der erste Test, der im 50. Bundesstaat durchgeführt wurde. Man suchte nach geeigneten Standorten für den ersten unterirdischen Nuklearbomben-Versuch der USA. Gebiete aber, in dem sich Ureinwohner und Pelztierjäger bewegten waren zu riskant.

 

So wich man auf eine abgelegene Insel der Alaska vorgelagerten Aleuten hinaus: Amchitka. Diese 308 km2 große Insel war so phantastisch und paradiesisch gelegen, dass der US-Präsident Taft sie 1913 zum ersten Naturschutzgebiet der USA machte. In einer Denkschrift wurde 1950 festgehalten, abgelegene Testgebiete wie Amchitka und die Pazifik Insel Eniwetok würden sich besonders gut für Teste eignen, weil „die radiologischen Gefahren über dem liegen, was in den USA vertretbar wäre“.

 

Das Manhattan Projekt 1942 kannte, so der Autor, noch kaum eine Moralfrage. Auf der einen Seite war Hitler, der auch eine Reihe von eigenen Wissenschaftlern daran arbeiten ließ, die Bombe zu bauen. Auf der anderen Seite versammelten sich die zivilisierten Staaten, die gegen die Hitler Tyrannei kämpfen wollten. Die beiden Bomben auf Japan, „Little Boy“ und „Fat Man“, waren noch nicht mit den Skrupeln der späteren Zeit belastet.

 

Im Jahre 1958 tauchte Edward Teller, einer der Väter der Bombe, in Alaska auf und hatte einen Plan: Ein 610 m langer und bis zu 90 m tiefer Kanal sollte zu einem breiten Becken führen und zwar durch Einsatz von fünf Kernwaffen. Der Name des Projektes war auch schon klar: „Project Chariot“ (Unternehmen Streitwagen). Die Sprengkraft der Bomben sollte etwa 2,4 Mio Tonnen von konventionellem TNT besorgen.

 

Aber es gab Einspruch: Neun Monate lag der Hafen unter Eis. Und es gab einen Schönheitsfehler, wie das Buch sagt: Das Gebiet läge „weitab jedes bewohnten Gebiets“. Aber nur 50 Km entfernt lebten 317 Menschen vom Stamm der INUPIAT. Ihr Dorf hieß Point Hope. Selbst bei einer nur halb so großen Atomsprengung waren laut Aussage des Leiters ein Sicherheitsabstand von 112 Km nötig.

 

Es gab eine Besprechung mit den Inupiat, die am 14. März 1960 stattfand. Ein Parasitologe erklärte, es bestände keine Gefahr für Menschen und Tiere. Schon nach wenigen Monaten wäre alle Gefahr aus dem Gebiet verschwunden. Die Inupiat konnten nichtüberzeugt werden. Am 30. April 1962 wurde das „Project Chariot“ eingestellt. Es gab ähnliche Projektvorschläge für Panama und für Mexiko.

 

Mit dem Test „Sedan“  wollte man ein großes Loch in der Wüste bohren. Die Leute des zivilen Atomprogramms Plowshare wollten die bis dahin größte Kernbombe in den USA zünden. Man rechnete mit einer sog. ‚sauberen’ Explosion, bei der das verstrahlte Erdreich wieder in den Krater zurückfallen würde.

 

Doch Sedan erzeugte eine gigantische Staubwolke, die über den USA herummäanderte. In Salt Lake City wurden hohe Radioaktivitätswerte und krebserregendes Jod131 in Milch und Babynahrung festgestellt. Es wurde aber immer gelogen in der Atomwirtschaft. Die Kommission sage: „Alles lief wie geplant“.

 

Es kam zu einer blasphemischen Gigantomachie besonders in der Zeit von Edward Teller, der andauernd an ‚sauberen’, taktischen und ‚normalen’ Kernwaffen herumbastelte, Unglaubliche Gigantenprojekte ohne Rücksicht auf Menschen und Tiere wurden erdacht und manche auch durchgeführt. Die Bombe war eben nur zum Töten und Zerstören da. Das Gas, das bei den Tests freigesetzt wurde, war so radioaktiv, dass man es nicht verkaufen konnte. Es gab die wahnsinnigsten Projektideen, die uns wieder mal zeigen, wie wenig man dem Homo faber vertrauen kann in uns.

 

Es gab Vorschläge, mit Atomexplosionen Polarhäfen frei zu schmelzen, Flüsse umzuleiten und durch atomare Verdampfung von Meerwasser – Trinkwasser zu gewinnen. Es wurde dann auch bis zum Ende der „Operation Pflugschar“ 1974 27 mal gebombt. Einige der dabei entstandenen Spaltprodukte sind langlebig: Stromtium-90, hoch krebserregend, habe eine Halbwertszeit von 25 Jahren, die von Cäsium 137 liegt noch mal 8 Jahre länger. Und Plutonium 239 strahlt ganze 24.110 Jahre, bis sich die Menge halbiert habe.

 

Die UdSSR wie die USA waren bei diesem Wettlauf a frere cochon, sie nahmen auf die Umwelt keine Rücksicht, auch nicht auf Menschen, die in der Gegend eines Testgebiets lebten. Der Unterschied war: Teller und seine Leute mussten überzeugen, die kommunistischen Atomvertreter konnte ohne Rücksicht auf Verluste sprengen.

 

In Ägypten agierte ein ehemaliger Mitkämpfer von Feldmarschall Rommel, der Darmstädter Professor Friedrich Bassler. Die Qattara Senke - 80 km vom Mittelmeer entfernt - sollte durch einen Kanal mit dem Meer verbunden werden. Der Tunnel, der das Mittelmeer mit der Landschaft verbinden würde, die 1390 m unter dem Meeresspiegel liegt, würde mit Turbinen gestoppt, bei denen eine Strommenge erzeugt werden könnte, die 75 Prozent des Atomkraftwerks Biblis erzeugen würde. Bassler hatte auch solche blasphemischen Ideen, wollte den Kanal mit 200 vergrabenen Wasserstoffbomben freisprengen. Dafür brauchte man ‚nur’ 25.000 nicht sesshafte Beduinen evakuieren.

 

Man erfährt ganz viel über die Gefahren, die uns allesamt zu unseren Lebzeiten bedroht haben und die irgendwie noch gerade an uns vorübergegangen sind. Als die Milow Testzündung geschah, die am 2. Oktober 1969 detonierte, wurden der Landschaft einige schwere Narben beigebracht. Am Nullpunkt versinkt der Boden viereinhalb Meter in die Tiefe, zwei Seen wurden trockengelegt und Fische mit zerfetzten Schwimmblasen zappelten auf der Erde. 1971 gab es noch einmal den größten unterirdischen Test, den die USA he unternommen hatten. 5 Mio Tonnen TNT wurden freigesetzt.

 

Damals gab es schon eine Vorhut von denen, die heute längst mehrheitsfähig sind: Umweltschützer, die über diese Ergebnisse so entsetzt waren, dass sie Geld sammelten. Der Versuch, das Schiff „Cannikin“ zu stören, misslang, weil der Test verschoben worden war. Trotzdem machte der billige Kutter Geschichte. Er hieß nämlich „Greenpeace“ und wurde später das Maskottchen der weltweiten Umweltschutzorganisation.

 

Immer kommt es zu dieser verfluchten Schätzung von Menschen, die nicht so wertvoll sind wie wir. Im Australien Kapitel macht der Autor das in seinem Buch noch mal sehr gut deutlich: Großbritannien wollte nach 1945 in den Club der Atommächte aufgenommen werden. Es gab sogar zwei Atomwissenschaftler, die schon1940 – zwei Jahre vor dem Beginn des Manhattan Projekts - der Regierung von Winston Churchill die Möglichkeit aufgezeigt hatten, eine Atombombe zu bauen: Rudolf Peierls und Otto Frisch.

 

Aber danach machte London seine Versuche in Australien. Dass dabei Aboriginals verstrahlt wurden, begründete man schön christlich und menschenrechtlich: Die Aboriginals seien damals rechtlos gewesen. Die Tatsache, dass die Interessen der Aboriginals nicht respektiert wurden, sei „der allgemeinen Situation zuzurechnen, die auch vorher schon bestanden hatte“.

 

Man war darauf gekommen, als die Aboriginal-Familie von Eddie Milpuddie sich zu einem Walkabout 1957 auf den Weg machte. Die Reise der jungen Aboriginal-Frau hatte in den Everard Ranges begonnen und wollte die Siedlung Ooldea im Süden erreichen. Diese Reise führte durch den Outback Irgendwann kamen sie an Bretter, auf denen auf Englisch stand: „WARNUNG. Sie nähern sich einem radioaktiven Gebiet“.

 

Aber sie konnten kein Englisch und verstanden das nicht. Sie lagerten am Abend in einer Senke. Als sie sich schlafen legten, wurden sie von Soldaten abgeholt, die in der Barackensiedlung sie unter die Dusche zwangen. Sie wurden danach mit Geigerzählern abgeschwenkt. Eddie Milpuddie verlor ihr Baby, ihr zweites starb nach zwei Jahren an einem Gehirntumor, das dritte war eine Frühgeburt und überlebte knapp. Die Regierung in London hatte das Gebiet als Testgebiet ausgeguckt, der Outback galt als Menschen-leer. Dass ein Aboriginal Pfad direkt durch die Bombenzone führte, hatte niemand bedacht.

 

Viele Probleme, schreibt der Autor am Schluss seines lapidar eindrucksvollen Buches, die wir uns beschert haben, werden die Menschen noch Jahrtausend beschäftigen. So viel sei sicher: Der Nachlass des kalten Krieges hänge uns wie ein Mühlstein um den Hals. „Welche Kapitel dem Zeitalter atomarer Unvernunft hinzugefügt werden, steht in den Sternen“.

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