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:: Die „afghanische Krankheit“

Über die bewegende Geschichte, die Afghanistan mit uns Westlern vollführt. Zu einem Buch von Ulrich Ladurner. Von Rupert Neudeck

Es ist ein geheimnisvoll gutes Buch geworden. Das ist endlich der Autor, der nicht das Bedürfnis erfüllt eine klare patente Antwort zu haben, sondern die betörende Vielfältigkeit und Anders-oder Fremdheit des Landes stehen zu lassen. Noch nie hat uns jemand die merkwürdige Geschichte erzählt, wie wir Westler oder die NATO oder die Bundeswehr oder die Helfer in diesen Krieg und dieses geheimnisvolle Afghanistan, dieses „schwarze Loch“ Afghanistan hineingeschlittert sind. Was für Vorurteilsschablonen wir alle an der Stirn trugen. „Keine Macht der Welt schien dem Westen widerstehen zu können“, schreibt der Autor, nicht mit seinen Waffen und nicht seinen Werten, „die er zu vertreten vorgab. B-52 Kampfbomber plus Menschenrechte plus Rechtsstaat plus Demokratie ist gleich das Paradies auf Erden“.

 

Beflügelt wurde dieser Glaube noch von den Neocons in den USA: Für sie waren die Attentate vom 11.9.2001 ein „Anlass zur Umwälzung der internationalen Ordnung“. Ladurner: „Das alles machte Afghanistan zum neuen Gegenstand eines gewaltigen Experiments der Beglückung.“

 

Das Buch ist deshalb so gut beschrieben, weil der Autor ständig von der Ebene seiner subjektiven westlichen Wahrnehmung zu den Afghanen hinüberschwenkt, die er mit viel einfühlsamer Mühe verstehen will. Ein Buchhändler in Kabul hilft ihm gleich nach der Eroberung der Stadt durch die Nordallianz und all die anderen. Auch wieder einer dieser findigen Afghanen, die schnell begriffen, dass die Gäste des Intercontinentals in Kabul nach Literatur über Afghanistan gierten. Er kaufte sich eine Karte aus dem Jahre 1972, der letzte, der über Kabul publiziert wurde. Als der „hippie trail“ hier noch Station machte.

 

Ladurner hat eine ganz eigene einfühlsame Sprache gefunden, um uns das Geheimnisvolle der „maladie afghane“ nahezubringen. Er hat in diesem Stadtführer, der einen modrigen Geruch ausströmt, geradezu die Gespenster Afghanistans gefunden und erinnert sich daran, dass die russischen Besatzer die afghanischen Mujaheddin „duchi“ nannten, Geister, und das wieder um war eine Verballhornung des Wortes Duchmani, das hieß: „Die Feinde“.

 

Der Autor geht die Stationen des zeitgenössischen Afghanistans durch. Er beschreibt die imprägnierte Haltung der Consultants und Helfer-Bataillone, die hier mit einem imperialen Optimismus hinkommen, um alles neu zu machen, aber von Afghanistan wenig verstehen und immer sehr gut bis bestens bezahlt werden. „Weder nach links noch nach rechts blicken – den Auftrag erfüllen, der Rest wird sich von alleine ergeben“. Die tragende Idee der westlichen Hilfe war Quantität, materielle Überlegenheit. „Es scheint logisch, dass die dreiundvierzig Länder der Welt mittels massiver Hilfe eines der ärmsten Länder der Welt wiederaufrichten können.“ Das sei der Optimismus der Milliarden.

 

Besonders beispiellos die US-Amerikaner: „Wir müssen von Null anfangen“, in einem Land, in dem Alexander der Große und der Mönch Hsüan-tsang schon vor unserer Zeitrechnung Spuren hinterlassen haben.

 

Und alles bestärkte uns ja anfangs in diesem Glauben. Für die Rüstungsindustrie war Afghanistan eine Goldgrube (und – möchte ich hinzufügen - ist es bis heute). „Kriegführen schien nur mit sehr geringen Schmerzen verbunden zu sein. Software ersetzte das Blut“.

 

Spannend die Frage, ob es anders geworden wäre mit Afghanistan, wenn der bei den Franzosen hochgerühmte Tadschike Shah Ahmed Massoud nicht am 9. September 2001 ermordet worden wäre – wie ein Vorbote des 11.9.01 in New York: der heroische Verteidiger der Panschirtales. Die Legende des Siegers vom Panschirtal ist unübertreffbar: Insgesamt ist das Tal gerade mal 90 Kilometer lang. Aber es ist trotz dieser Kleinheit aus strategischen Gründen von gewaltiger Bedeutung. Wer den Panschir erobert, kontrolliert Kabul, kontrolliert den Salang Pass: Der Salang Highway, auf dem der höchst gelegene Tunnel der Welt liegt, ist die schnellste Nord-Süd Verbindung Afghanistans.

 

Ladurner: Das Panschirtal sei der schlagende Beweis, dass es in Afghanistan ausreicht, ein paar zentrale Stellen zu kontrollieren. Das sei die eigentliche Bedeutung des Landes ohne Zugang zum Meer: „Wer hineingeht, begibt sich in einen Sack, der mit ein paar präzisen Handgriffen an wenigen Stellen zugemacht werden kann“. Afghanistan sei eine „Falle mit wenigen Ausgängen“.

 

Der geborene skeptische Reporter bleibt skeptisch dem Mythos Shah Ahmed Massoud gegenüber. Ich bin da weniger skeptisch. Ladurner beobachtet noch die Dreharbeiten des Franzosen de Ponfilly über den „L’Eoile du Soldat“ im Jahre 2005 sogar mit russischen Schauspielern. Für die Franzosen war Massoud das Symbol der „Resistance“. Es ist für immer unwiederbringlich, dass Massoud am 9. September 2001 ermordet wurde. Ich bin überzeugt, dass unter Massoud, dem gebildeten Gläubigen, der seine Mujaheddin und seine Bevölkerung liebt und der Fehler eingestehen konnte, Afghanistan eine andere, glücklichere Richtung genommen hätte. Die Ärztin Laurence l’Aumoniere, die ich damals in Afghanistan auch treffen durfte, hat es auf den Punkt gebracht: Massoud sah aus „wie eine Mischung aus Bob Dylan und Che Guevara“.

 

Ladurner beschreibt den Kampf innerhalb der afghanischen Welt und Mentalität: Will Afghanistan nicht mehr kämpfen, sondern seine eigene Welt aufbauen und seiner Kultur treubleiben – oder will es den Kämpfer- und Waffen-Mythos weiter bedienen? Nachdem, was Ladurner in Sang e-Talkh erlebt, ist das noch offen. Er trifft den Jakubi, einen der neuen Führer, der dazu beitrug, dass in Sang e- Talkh Frieden einkehrte. Aber das ist auch schon Vergangenheit, weil in Afghanistan immer gekämpft wird. Nun mehr mit den Kriegsherren der Schiiten, die sich in Kabul gute Positionen gesichert haben: Abdul Khalili und Mohammed Mohaqiq. Es geht um eine Klinik Eröffnung, an der Ladurner die ganze Ambivalenz des afghanischen Lebens nach 2001 bis 2010 deutlich werden lässt.

 

Ladurner geht in seiner Selbstkritik so weit, zuzugeben, wie er von der völlig ausgegrenzten Welt der ISAF Kasernen eine Gehirnwäsche bekommt. Er geht in das Lager in Kundus. Er war beim Eingang in das Lager von der Aussichtslosigkeit der Bundeswehr-Präsenz überzeugt. Doch dann traf er die Deutschen, die ihn voll redeten. Das Bild von Kundus hellte sich auf. Es gab noch dunkle Punkte, aber sie wurden vom hellen Licht deutscher Suggestionskraft überstrahlt. Und jetzt kommen die Sätze, die man in der Regel von Journalisten nicht hört, die zur Selbstkritik meist unfähig sind: “Als ich schließlich das Lager verließ, war es mir, als träte ich aus einer gigantischen Waschmaschine. Ich war mit schmutzigen, nach Hoffnungslosigkeit riechenden Kleidern gekommen. Die Maschine entließ mich mit strahlend weißen Gewändern“. Er fügt noch in dieser schonungslosen Sprache hinzu: „Ich stank nach Optimismus“.

 

Das hielt nicht lange an. Und als er sich bei den NATO Verbänden erkundigte nach dieser Chiffre, die uns jeden Abend von der Tagesschau um die Ohren gehauen wird: Taliban, was die denn seien, bekommt er die Antwort: „Wer immer auf uns schießt, ist ein Taliban.“

 

Das Buch gehört in die Hände aller, die weitere Bundeswehr und Drohnen Einsätze in Afghanistan beschließen werden. Es ist das Buch von jemanden, der seinen Euro-Vorurteilen nicht blind folgt. Der auch der „maladie afghane“ anheimgefallen ist. Ich würde für die zweite Auflage den Titel ändern: „Afghanische Krankheit“ würde ich das Buch nennen.

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