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:: Die Tagesshow: Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht
Wenn sich das Land um 20 Uhr vor den Fernseher setzt, dann zelebriert die Mediengesellschaft ihre Kommunion. Niemand schaut die Tagesschau, um die Welt zu begreifen.
Niemand schaut die Tagesschau, um die Welt zu begreifen. Man kann sagen: Die Sendung verwandelt die Realität in eine Art endlose "Lindenstraße". Die Tagesschau (genau wie andere Nachrichtensendungen) versteht sich jedoch nicht als Fiktion, sondern als informative Dienstleistung.
Diesen Mythos nimmt Walter van Rossum nach allen Regeln der Kunst auseinander. Er kontrastiert eine Reportage aus der Tagesschau-Redaktion in Hamburg (mit all den hochherzigen Intentionen der Macher) mit der minutiösen Analyse einer einzigen 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau:
- Welche Ereignisse werden wie und in welcher Reihenfolge und in welcher Länge dargestellt?
- Und wieso um Himmels Willen bleibt die Welt trotz aller guten Absichten der Macher auch nach 15 Minuten unbegreiflich?
- Was hat das zu tun mit den Riten des medialen Apparates, den Hierarchien, täglichen Konferenzen der Chefredakteure etc.?
- Und was wird in der Tagesschau nicht berichtet?
- Welche realen Ereignisse werden zu "Nachrichten" - und was geschieht dabei mit den Ereignissen?
- Und schließlich: Wie sähe ein Nachrichtenjournalismus aus, der dem Zuschauer die Möglichkeit gäbe, zu den Fakten der Welt eine Haltung zu entwickeln, gar eine kritische?
“Man präsentiert uns die Welt als eine Folge simulierter Ereignisse, eine Realität, die keinerlei Wert auf unsere Beteiligung legt, ein pausenloses Fait accompli. Das Reale ist stets ein Prozess. Die Tagesschows stellen das Reale still, frieren es in Ereignissen ein, die keine sind. Ereignisse, in denen das Reale Audienz gewährt: ein Blick auf den Kabinettstisch voller verschlossener Akten, eine Pressekonferenz bei Porsche oder Telekom, wo Wirtschaftskapitäne Kurs nehmen, aber der Besatzung das Ziel verschweigen, …”
W. van Rossum analysiert minutiös eine Tagesschau-Ausgabe und zeigt auf, wie die Tagesschau desinformiert statt informiert. Wichtigen Fragen wird nicht nachgegangen, unsinnige Informationen unkritisch in die Welt posaunt.
Über den Autor
Walter van Rossum, Jg. 1954, lebt in Köln und Marokko. Studium der Romanistik, Philosophie und Geschichte in Köln und Paris. Promotion 1989. Seit 1981 freier Autor für WDR, Deutschlandfunk, Die Zeit und Freitag. Für den WDR moderierte er unter anderem die »Funkhausgespräche«. 1988 erhielt er den Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik. Buchveröffentlichungen u.a.: »Simone de Beauvoir & Jean-Paul Sartre. Die Kunst der Nähe«, 1998; »Meine Sonntage mit 'Sabine Christiansen'. Wie das Palaver uns regiert«, 2004.
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