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:: Die Welt wird auch im Umweltschutz weiter betrogen

Zu einem neuen Buch über Landgrabbing. Von Rupert Neudeck

Über all in Lateinamerika, Asien, Afrika werden Menschen vertrieben, aber es wird behauptet, dass es keine Vertreibung gibt, weil die Länder leer und unbewohnt sind, aus denen sie vertrieben werden.

 

Das sog. Palästina-Argument taucht in dem Buch von Fred Pearce sehr häufig auf: Ein Volk ohne Land für ein Land ohne Volk. Zwanzig Jahre – so der Autor in seinem spannenden Buch – nach dem Erdgipfel gibt es einen Trend zum reinen Naturschutz.

 

Einen Schritt zurück also zur Philosophie des „Naturschutzes als Festung“, wie ihn Anton Rupert und Prinz Bernard und vor ihnen Aldous Huxley und Bernhard Grzimek vertraten. In Wahrheit geht das große Geld immer wieder an Projekte, die die Einheimischen im Namen des Naturschutzes ausschließen. Und auf  die höchsten Preise, die man mit dem Verkauf von Naturschauspielen verdienen kann. Daher die vielen riesigen privaten Naturparks und Schutzzonen überall auf der Welt. Von Patagonien bis Tansania.

 

Der weiße Südafrikaner Anton Rupert war 2006 – als er starb – Milliardär. Er schuf sich im Apartheidstaat Südafrika das Tabakreich Rembrandt, kaufte die britische Zigarettenmarke Rothmans und wurde Mitglied im geheimen Broederbond, der im Süd-Afrika der Apartheid großen Einfluss ausübte. Er war aber auch zwei Jahrzehnte Chef der großen  Umweltschutz-Organisation der Welt, des WWF.

 

Er war das auch in der Zeit, als der WWF viele Schutzgebiete kontrollierte und verwaltete. Der WWF entwickelte sich zu einer Organisation, die ganz besonders den Luxus Tourismus protegierte. Dazu gab es auch eine paramilitärische Streitmacht. In Kenia bezahlte der WWF Kampfhubschrauber, von denen aus Wilderer abgeknallt wurden. Bei einer Übung namens Operation Lock waren WWF- Mitarbeiter beteiligt, zusammen mit dem britischen Söldnerunternehmen David Stirlings, um  Elfenbeinjäger und Händler in Namibia und Mosambik zur Strecke zu bringen. Die Söldner waren in den Schmuggel involviert.

 

Man bekommt ein differenziertes Bild vom Umweltschutz. Man war sich einig, dass das eine Neuauflage von westlichem Imperialismus war. Der Umweltschutz war genauso eigennützig wie die Imperialisten von einst. Es waren weiße Rassisten, die über ein Areal von einer halben Million Hektar des kongolesischen Garamba Park herrschten, um das Breithornnashorn zu schützen. Der Afrika Chef des WWF zu dem Autor: „Jetzt möchten wir, dass die Kongolesen in Garamba und anderswo selbst bestimmen“.

 

Der Autor macht mit einer Migration bekannt, die wir bisher nicht kennen. Südafrikanische Buren-Bauern gehen in andere Länder Afrikas. Es sind 70.000 Mitglieder in der Organisation Agri SA, das sind meistens Buren, hartköpfige und dickschädelige, die jetzt ihre Unentbehrlichkeit für Afrika in anderen schwarzafrikanischen Ländern beweisen wollen. Die Regierung in Pretoria unterstützt die Landansiedlung von alten Buren in Ländern von Sambia bis Libyen mit 450 Mio US Dollar.

 

Das Buch kommt immer wieder darauf zurück: Der Präsident von Kongo-Brazzaville, Denis Sassou Nguesso hat selbst einen lukrativen Immobilienbesitz an der französischen Rivieira. Er ist sehr erpicht darauf, weiße Südafrikaner in seinem Land zu übernehmen und hat ihnen 10 Millionen Hektar angeboten, „eine Fläche so groß wie der US-Bundesstaat Kentucky“.

 

Und die Begründung für die weißen burischen Landwirte. Das Land sei leer. Er hat sich die Agri SA geholt und deren Verbandspräsident Theo de Jaeger ist gekommen. Ein Großteil des Anwesens sei nach wie vor in gutem Zustand. Die Landwirte werden die Häuser beziehen, die auf dem Gelände stehen. Seit die staatliche Farm aber aufgegeben wurde, sind die früheren Bewohner wieder dorthin zurückgekehrt und bauen Maniok und Erdnüsse an. Also, wieder stimmt es nicht, dass in Afrika Land verkauft wird, das leer steht. Es gab Menschen in fünf Siedlungen, die überhaupt nicht konsultiert wurden.

 

Andere Staaten versuchen auch die Burensöhne mit Steuer- und Pacht-Erleichterungen zu gewinnen. Sambia will, dass sie auf zwei Farmblöcken mit insgesamt 300.000 Hektar Mais anbauen. Der Sudan gibt Land und Wasserrechte, damit sie dann an den Nilufern Zuckerrohr anbauen. Das weite Namibia, das erst 1988 von den weißen Südafrikanern sich befreien konnte, ruft jetzt nach den – wie Pearce schreibt – „Burensöhnen“, um an den Ufern der Flüsse Oranje und Kunene Felder zu bewässern. Angola hat zwei Plantagen mit 140.000 Hektar, Uganda mit 170.000 Hektar angeboten. Es geht um Biodiesel Ethanol und um Zucker.

 

Der erhöhte Nachfrage nach Zucker hat den Zuckerpreis in die Höhe sausen lassen. Viele Staaten und Firmen aus Europa und Asien kaufen Land. So die Associated British Foods, die ABF. Das ist der zweitgrößte Zuckererzeuger der Welt. In Großbritannien übernimmt ABF schon die gesamte Ernte von 4000 Zuckerrübenbauern.

 

Biodiesel oder Öl aus der giftigen afrikanischen Pflanze Jatropha wollte 2011 die deutsche Fluglinie Lufthansa abnehmen. Richard Morgan hatte 9 Mio. US-Dollart investiert und auf 3.000 100 Menschen angestellt, um den Biotreibstoff zu produzieren. Es sah wie ein Durchbruch aus. Die Linienflüge von Frankfurt nach Hamburg der Lufthansa sollten mit Kerosin fliegen, dem Jatropha-Öl beigemischt ist. Allein die Lufthansa braucht 400 Mio Biokraftstoff pro Jahr. Doch drei Monate später war die Firma Sun Biofuels abgewickelt und insolvent. Die Unternehmen gieren nach dem schnellen Geld. Doch  die Wunderwaffe Jatropha befand sich noch in der Testphase.

 

Es gab andere Unternehmen wie das kanadische Energem, das dem berüchtigten Südafrikaner Tony Texeira gehörte. Texeira hatte Verbindung zur UNITA und den Blutdiamanten in Angola gehabt. Er beschäftigte Simon Mann, den Offizier der britischen Spezialeinheit SAS. Doch das sind Raubritter, auch Energem stellte irgendwann seinen Betrieb ein. Es hatte eine Anlage zur Erzeugung von Ethanol in der kenianischen Provinz Kisumu gekauft, die vordem dem kanadischen Premierminister Raila Odinga gehörte. 2007 wurde sie in das Alternative Investment Market in London aufgenommen. Es konnte noch 60.000 Hektar Konzessions-Gebiete zum Aufbau von Jatropha auf Weideland in Mozambiks südlicher Provinz Gaza gewinnen. Doch Mitte 2010 stellte Energem plötzlich die Lohnzahlung ein. Anfang 2011 meldete die Firma Insolvenz an ohne es den Anteilseignern mitzuteilen. Mit Afrika kann man es ja machen.

 

In Tansania dasselbe Bild: Eine 81.000 Hektar große Jatropha Plantage aus den Niederlanden namens Bioshape musste Insolvenz anmelden.

 

Auch die Firma Flora ExcoPower, die 2007 sich in München mit den israelischen Brüdern Alon und Ayal Hovev zusammentaten, um Konzessionsgebiete in Äthiopien und in Madagaskar zu bewirtschaften. In Äthiopien gab es wieder das Palästina Spiel: Nach den Satellitenfotos zu urteilen schien in der Nähe der östäthiopischen Stadt Harar alles unbewohntes Land zu sein. In Wirklichkeit lebten dort Viehhirten. Der Wald, den sie rodeten, sei die Heimat von Elefanten und sogar den Mähnenlöwen, dem Nationalsymbol Äthiopiens. Sie bauten aber eine Ölraffinerie 2008, ernteten den ersten Rizinussamen, wollten 72.000 Hektar dazupachten und Premierminister Meles Zenawie - mittlerweile gestorben – kam zu Besuch. Im April 2009 tauchten die Brüder Hovev plötzlich ab und waren nicht mehr gesehen. Die Mitarbeiter warten bis heute auf den Lohn für 5 Monate – die Banken auf die Rückzahlung der Kredite.

 

Jatropha und der Biokraftstoff in Afrika waren eine Blase. Der schlichte Glaube, die Verbrennung von Biokraftstoff führe automatisch zu einer Reduktion von CO2 Ausstoß erwies sich als Irrtum. „Durch Rodung von Wäldern und Trockenlegung der Moore gehen gewaltige CO2 Speicher verloren. Kalkulieren wir dieses ein, so ist der Fußabdruck von Biodiesel aus Palmöl oft größer als der von fossilen Kraftstoffen“.

 

Das Buch ist unerschöpflich reich, im Detail präzise, luzide und transparent aufgebaut. Im ersten Teil geht um die Kriege um Land: Äthiopien, Chicago/USA, Saudi Arabien und Südsudan. Der zweite Teil ist den Weißen in Afrika gewidmet. Dann geht der Autor um den Globus von der Ukraine bis nach Patagonien. Er beschreibt und befährt Chinas Hinterhof: Indonesien, Kambodscha, Süd-Ostasien.  Er besucht die unendlichen Weiten der Cerrados im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso und anderswo. Man staunt, zu lesen, welche riesengroßen Flächen für die Landwirtschaft Russland, die Ukraine und Kasachstan bereithalten. Kasachstan hat im Gegensatz zur Ukraine viele seiner Staatsbetriebe behalten und privatisiert, ohne sie aufzutrennen. In der Ukraine hatte der damals noch lebende Oberst Gaddafi einen Deal über die Pacht von 100.000 Hektar ausgehandelt, auf denen für Libyen Weizen angebaut und mit Öl und Rüstungsgütern bezahlt werden sollte. Der Vertrag wurde dann durch Gaddafis Sturz hinfällig.

 

Der Landwirtschaftsminister Alexeij Gordejew (von Wladimir Putin) sagte 2008  zur Überraschung nur derer, die die dortige Lage nicht kennen: „Allgemein halte der Rest der Welt Russland für eine große Militärmacht. Das sei sie natürlich auch. Aber Russland sei vor allem und in viel stärkerem Maße eine „Agrarmacht“. Michel Orlov, aus altem weißrussischen Adel, hat sich nach Ende des Kommunismus hier wieder niedergelassen, er leitet das Moskauer Büro von Carlyle Group. Adolf Lundin aus Schweden wie die RAV Agro – Pro, geführt von dem israelischen Immobilien und Getreide Mogul Roni Yitzhaki sind ebenfalls dabei, Schwarzerdegebiet in Russland aufzukaufen.

 

Das Motto des Buches wirkt so frisch und erkenntnisheischend wie das ganze Buch: „Kaufen Sie Land. Es wird keines mehr gemacht!“ (Mark Twain)

 

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