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Buch-Tipp 307 von 918

:: Die neue Armut in der Konsumgesellschaft

Ist eine bessere Welt unternehmbar? Und: Kommt die Armut bald ins Museum? Zu einem Buch von Kathrin Hartmann. Von Rupert Neudeck

 

Ich kann mit großer Empathie dem Buch und dem Kampf der Autorin folgen für die zunehmende Zahl von Menschen, die sich ihrer Armut schämen und die sich nicht mehr als volle Bürger der Bundesrepublik, einem Sozial- und Rechtsstaat fühlen. Die Kapitel des fülligen Buches (416 Seiten) kann der man ganz unterschreiben.

 

Die Autorin erzählt aus den Welten, aus denen sie heraus stammt. In „Kultiviertem Hass“ beschreibt sie, wie die Konsumgesellschaft ihren Bestand durch Ausgrenzung sichert und die Mittelschicht sich nach oben orientiert, während  sie nach unten tritt. Allerdings gehört Kathrin Hartmann ebenso dazu wie Rupert Neudeck. Treten wir alle notgedrungen?

 

Das zweite Kapitel beschreibt die zunehmende Bedeutung von Armen-  Speisung, zumal von Älteren: „Wie die Tafeln arbeiten und was sie bewirken“.

 

Das dritte Kapitel widmet sie den Städten, in denen Arme durch Wohlhabende verdrängt werden und warum die Politik dies befördert. Sie beschreibt die Macht der Eliten, zu denen ich auch gehöre, vielleicht auch die Autorin des Buches: „Warum sich die Reichen aus der Gesellschaft verabschieden und wie sie um ihren Vorteil kämpfen!“

 

Im Fünften Kapitel beschreibt sie die „Bürgerkinder in den Redaktionen“, die Autorin hat die Frankfurter Rundschau als festangestellte verlassen und arbeitet frei. Sie beschreibt darin eindrucksvoll den Helden von Solln, Dominik Brummer als einen Mediencoup. Das Ende von Solidarität und wie die Politik zugunsten der Wirtschaft Arbeit zerstört und Menschen bricht, behandelt das sechste Kapitel.

 

Im siebten Kapitel geht die Autorin dann aus unserer Gesellschaft heraus und traut sich leider ein Urteil über die Mikro-Kredit-Errungenschaften seit 1977 von Mohammed Yunus zu, das einfach falsch und schlecht begründet ist. Der Mohammed Yunus ist nicht der Superstar, „Salonlöwe“ und Messias der Marktwirtschaft, er ist einer der persönlich bescheidensten und vorbildlichsten Menschen, die mir und vielen anderen je begegnet sind. Nahbar in des Wortes bester Bedeutung, zum Anfassen. Ich habe 2011 noch einige Dörfer in Bangladesh besucht, die von Mohammed Yunus und seiner gewaltigen Grameen-Bewegung verändert worden sind, wahrscheinlich am heftigsten in dem Zusammenhalt, den die Dorfgemeinschaften aufweisen.

 

Da ist die Autorin in eine Falle hineingeraten, die gegenwärtig kräftig bedient wird. Der Sturz von Mohammed Yunus vom Posten des Chef und Vorstandsvorsitzenden der Grameen Bank ist eine absichtliche Intrige der Ministerpräsidentin von Bangladesh Hasina. Sie verfolgt den berühmtesten Bangladeshi wahrscheinlich, weil er der einzige im Lande ist, der Erfolge vorweisen kann.

 

Das Buch lebt in diesem Kapitel von der Recherche, die einem Feature von Stefan Klas zugrunde lag, das im Deutschlandfunk lief und ganz viele Nachahmer fand. Das gibt es ja bei Institutionen, Verbänden und Bewegungen, dass man zehn bis fünfzehn Jahre ein solches Unternehmen ganz toll findet und plötzlich macht jemand die Anti-Geschichte und schon fallen alle Experten in den gleichen Ton und Duktus ein.

 

Zuzustimmen ist der Autorin bei ihrer instinktiven Abneigung gegenüber dem Statthalter, den Mohammed Yunus weiter hier in Deutschland aushält. Das sind Leute, die sehr gut davon leben, dass sie in Deutschland Mohammed Yunus und auch die Grameen Bank vermarkten. Das gilt für den Statthalter, bei dem Mohammed Yunus Station macht, dem Unternehmensberater Hans Reitz, der in Wiesbaden Grameen-Creative-Lab gegründet hat und deutsche Unternehmen zu Social Business berät.

 

Reitz war auch an der Gründung der Joint Ventures von BASF, Adidas, Otto mit der Grammen Bank Initiative von Yunus beteiligt. Das Büro und das Haus von Hans Reitz hat die Autorin besucht und hat einen richtigen Instinkt. Man muss dem Mohammed Yunus das sagen, damit er sich einen Statthalter hier sucht, der ähnlich bescheiden bleibt, wie er selbst: Yunus.

 

Die Autorin beschreibt das Ambiente von Reitz: „Reitz Büro ist im schnörkeligen Philippe Starck Stil eingerichtet. In seinem Regal steht der Bildband ’The Power of the Dignity. The Grameen family’. Auf dem Cover sieht man eine Frau im Sari vor einer Blechhütte. In der geldbeleuchteten Nische des weißen Regals wirkt das fast wie ein Bildnis der Jungfrau Maria vor dem Stall von Bethlehem“.

 

Die Autorin hat das richtig durchschaut, aber sie hat vor lauter Wut auf die großen Firmen keine Ahnung, was der Bangla Deshi Wirtschaftsprofessor alles für seine Bevölkerung bei völlig feindseligen politischen Verhältnissen geleistet hat.

 

Die Idee der Mikrokreditbank ist eine, mit der Menschen etwas erobern, was sie nicht mehr abhängig sein lässt: Ihre Selbständigkeit und ihre Würde. Das kommt in das Buch gar nicht hinein und das macht einen Teil des Buches angreifbar. Die Autorin bedient das Vorurteil, dass Mohammed Yunus ein Salonlöwe sei, und das ist er nachweislich nicht. Sie beschreibt, wie man auf ihn gewartet hat bei dem Musikfestival der Globalisierungskritiker am Rande des G-8 Gipfels 2007 in Heiligendamm.

 

Die Autorin erwähnt, dass Yunus dort gar nicht hineingepasst hätte, weil er mit seinen Meinungen eher ins Hotel Kempinski gepasst hätte.

Das Buch ist voller Hass und Ablehnung gegenüber einer Bewegung, die die Autorin nur  im Ansatz kennengelernt hat.

 

Die Idee der Mikrokredite ist seit Ende 2010 erstmals schwer in Misskredit geraten, als sich in Indien 54 Menschen das Leben nahmen, die ihre Schulden nicht mehr bezahlen könnten.

 

Das hat mit dem Original der Grameen Bank und Ihrem Gründer soviel zu tun wie Gustav mit Gasthof: gar nichts.

 

Dass Konzerne, wenn sie vom Ruhm und der Ehre des Nobelpreisträgers etwas mitbekommen wollen, ihre Werbegags und Sprüche machen, wen verwundert’s? Dass der französisch-algerische Fußballstar Zinedine Zidane sich nur zwei Tage sich in Bangladesh aufgehalten hat und nicht in Bogra war, wo die Danone Fabrik stand, wen kümmert’s?

 

Da hat die Autorin sich an Informanten gehalten, die nicht ausreichen. So bei der deutschen Initiative Netz Bangladesh. Die Mitarbeiter kennen das Danone Projekt nur aus der Zeitung. Das spricht nicht gegen die Initiative?

 

Sie ist auch in Bangladesh mit dem Vorsatz unterwegs gewesen, sich selbst das Urteil und Vorurteil zu beweisen, was dem Kapitel vorsteht: „Mikrokredite: Wahnsinn mit Methode“.

 

Das alles mindert nicht die ersten sechs großen Kapitel. ´Hier aber ist Überarbeitung nötig.

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