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:: Ein (gescheiterter) Held unserer Zeit
Eine Biographie über Michail Gorbatschow von György Dalos. Von Rupert Neudeck
Am 26. April 1986 erreicht um halb Fünf ein Anruf das Ehepaar Gorbatschow: „Man teilte mir mit“, hat er 20 Jahre später in einem Interview erklärt, dass es im Tschernobyler Atmkraftwerk „einer ernsthaften Havarie und einem Brand gekommen sein soll, aber dass der Reaktor unversehrt geblieben sei.“ Wie konnte so etwas in der ruhmreichen Sowjetunion passieren? Hatten doch die Wissenschaftler dem damaligen Generalsekretär der KPdSU erklärt, „dass der Reaktor absolut ungefährlich sei“. Der Atomenergieexperte Anatolji Alexandrow dreifacher Held der sozialistischen Arbeit, hatte behauptet, den Hochleistungsreaktion RBMK könnten wir auf den Roten Platz stellen, „es gehe nicht mehr Gefahr von ihm aus als von einem Samowar“.
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Damals war Gorbatschow erst am Anfang seiner Zeit, die zur Transparenz, genannt Perestrojika führen sollte. So galt die erste Sitzung des Politbüros am 28. 4.1986 der Suche nach einem Sündenbock und Abwiegelung. Erst nach dieser Sitzung sah man sich gezwungen an die eigene Öffentlichkeit zu geben, aber verharmlosend. Tass meldete sich am 30. April: “Im Tschernobyler Atomkraftwerk hat sich eine Havarie ereignet…Es werden Maßnahmen ergriffen, die Folgen der Havarie zu beseitigen. Den Leittragenden wird Hilfe geleistet“. Dass es sich dabei um eine Explosion und Freisetzung von Radioaktivität handelte und es erste Todesfälle gab, blieb alles unerwähnt. Es wurde nicht mal, so berichtet dieses sehr genaue Buch von Dalos, das Atomkraftwerk mit seinem ruhmreichen Namen W.I. Lenin genannt. „Offenbar wollte man den Gründer des Sowjetstaates nicht mit der Katastrophe in Verbindung bringen“.
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Drei ganze Tage brauchte man, um über den SUPERGAU zu berichten. Gorbatschow lernte die Wichtigkeit der Information kennen: „Man muss schneller informieren, verzögern ist unmöglich“.
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Doch war das ganze System auf Verzögern und Triumphalismus eingestellt. So ließ Gorbatschow die bevorstehenden Maikundgebungen nicht absagen. Die Feiern dauerten an diesem Wochenende sogar 72 Stunden, weil der 1. Mai auf einen Freitag fiel. Für die Sowjetunion, die Gorbatschow übernommen hatte, war das Verschweigen einer Katastrophe – normal. Der Gesellschaft wurden schlechte Nachrichten vorenthalten. Selbst Flugzeugunfälle, Kriminalfälle, Selbstmorde bekannter Persönlichkeiten wurden nicht gemeldet. Die Reaktorpanne 1959 in Tscheljabinsk wurde nicht gemeldet, die hatte wohl mehr Opfer als Tschernobyl gefordert.
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Damals wurde auch Andrej Sacharow über Tschernobyl von den Physikern J.L. Feinberg und Zeitljin informiert, die aus Moskau am 21. Mai gekommen waren zu seinem Geburtstag an seinen Verbannungsort. Dalos schreibt in seinem Buch zu recht: Es wäre anachronistisch gedacht, von Sacharow damals schon eine Distanzierung von der Kernenergie zu erwarten. Das ökologische Bewusstsein befand sich in der UdSSR noch in einer Schwundphase und richtete sich gegen die Verschmutzung des Baikalsees oder gegen die Wahnidee, den Lauf einiger sibirischer Flüsse umzukehren.
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Es war eine wahnwitzige Zeit, in die er als gläubiger Kommunist zum Generalsekretär der mächtigsten Partei der Welt und der zweiten Supermacht berufen wurde. Er musste mit dem Erbe des noch von seinem Vorgänger Breshnjew vom Zaun gebrochenen Afghanistan Krieges fertig werden, er musste mit dem totalen wirtschaftlichen Verschulden und Aderlass sich auseinandersetzen, der mit der Stützung der gesamten sozialistischen Hemisphäre zu tun hatte. Für Vietnam nach dem Krieg hatte die Sowjetunion 10 Milliarden Dollar, für Angola 2 Milliarden US Dollar gegeben, für Äthiopien 2,8 Mrd. Für die Kriege, die die Kubaner in Afrika als Stellvertreterkrieg führten, musste ebenfalls die Sowjetunion zahlen.
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Auf der Gegenseite war kein gerade sehr kongenialer Führer, sondern ein Star-Filmschauspieler zum Präsidenten gewählt, der in punkto Leichtsinn alle aus der Bahn schlug. Dalos zitiert das, was der Schauspieler Präsident Ronald Reagan bei einer Mikrophon-Sprechprobe sagte, der Text wurde der US-Öffentlichkeit zugespielt: „Liebe Amerikaner! Ich freue mich, euch mitteilen zu können, dass ich soeben das Gesetz unterzeichnet habe, das Russland für ewig außerhalb des Gesetzes stellen wird. In fünf Minuten beginnen wir die Bombardierung“. Dalos: „Eine Supermacht mit Hiroshima und Nagasaki im Hintergrund hätte auf den Humor ihres Präsidenten besser achten müssen“.
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Zu allem Unglück waren sich die Seiten einig, eine neue Phase des Rüstungswettlaufes einzuläuten, was für die sowjetische Wirtschaft zu Beginn der Führerschaft von Gorbatschow eine irrwitzige Belastung wurde. Aber diese sozialistische Weltmacht verfügte nur „über eine Garnitur von kommunikationsgestörten, buchstäblich nicht mehr bewegungsfähigen oder an Infusionsschläuchen hängenden Parteiführern sowie über einen Außenminister,“ der sich bei uns den Namen „Mr. Njet“ erworben hatte. Es war für den Ausstieg aus der totalen politischen, intellektuellen und wirtschaftlichen Sackgasse ein Mann mit Mimik, charmantem Lächeln, schnellen Repliken notwendig. „In diesem Sinne hätte man den ehemaligen Parteichef der Region Stawropol, wenn es ihn nicht schon gegeben hätte, geradezu erfinden müssen“.
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Das Buch ist keine Hagiographie. György Dalos, ein Ungar, der russisch kann und alle Dokumente studieren konnte, die man heute lesen kann, hat mit spürbarer Sympathie eine große erste Gorbatschow-Biographie geschrieben, die auch am Ende eine Tragödie ist. Denn der Prophet und auch der große Politiker Gorbatschow galt nichts in seinem Lande. Ein Versuch, mit einer eigenen sozialdemokratischen Partei noch einmal ein politisches Comeback zu versuchen, scheiterte so kläglich (insgesamt erhielt er 400.000 Stimmen), dass der große Mann, der am 2. März 2011 80 Jahre alt wird, es nie wieder versucht hat. Zehn Kapitel hat das glänzend geschriebene Buch. Nach dem Prolog beschreibt er die Herkunft der beiden, Michail und Raissa Gorbatschow. Der dritte Teil gilt seinem Aufbruch, der vierte schildert die Fragen, die sich ihm nach Tschernobyl gebieterisch stellten. Der fünfte Teil beschreibt die dramatischen Bewegungen, als der Prozess hin zu Glasnost und Perestrojka nicht mehr aufzuhalten ist. Dazwischen die Episode, die man auch schon nach der Wende vergessen hat, als am 29. Mai 1986 der junge verrückte Deutsche Matthias Rust auf dem Roten Platz landete durch alle Abwehrschirme der mächtigen UdSSR hindurch.
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Das Buch gibt in den drei folgenden Kapiteln die Herkulesarbeit wieder, die Gorbatschow leistete bei der nicht gewollten Auflösung der internationalen multiethnischen Sowjetunion, die Kämpfe mit dem zynischen und machtgierigen Boris Jelzin, die immer stärker werdende Dichotomie des Bildes von Gorbatschow bis heute: Im Westen einer der beliebtesten und geschätzten Politiker, im Osten verfemt, weil er die ruhmreiche, von den Russen beherrschte Sowjetunion als militärische und politische Supermacht hat niedergehen lassen.
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Mit seiner Stiftung versucht Gorbatschow in diesem Jahrhundert noch ökologische Pflöcke einzuschlagen. Das Buch ist glänzend geschrieben, ein würdiges und nicht unkritisches Dokument unserer Tage. Immer wieder von auch ironischen Einschüben bestimmt. Die Welt, aus der Gorbatschow kam, um sie zurechtzubringen, wird in einem Volkswitz deutlich, den man damals erfuhr: „Was geschieht, wenn man den Sozialismus in der Wüste Sahara einführt? Drei Jahre lang geschieht nichts, dann aber kommt es zu einem Engpass bei den Sandlieferungen“.
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