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:: Ein ganz anderer Blick auf die Weltgeschichte
Eine Herausforderung für unsere Europäische Arroganz. Von Rupert Neudeck
Wenn man am Ende dieses produktiven und unkonventionellen Buches die biographische Angabe liest, wird dem Leser vieles klar: Autor Tamim Ansary wurde 1948 in Kabul geboren und wuchs in Afghanistan auf. Seine Mutter war Amerikanerin mit finnisch-jüdischen Wurzeln. Der Autor, schon bekannt geworden durch „West of Kabul, East of New York“, gibt uns einen unverstellten Blick in die „Globalgeschichte aus islamischer Sicht“.
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Wie stark er von seinen afghanischen Wurzeln zehrt, wird am Schluss deutlich. Er geht zu den Wahlen nach Afghanistan, aber nicht nach Kabul, sondern nach Paghman. Dort trifft er einen typischen Dörfler mit Turban und Bart. Der Autor konnte sich den Mann nicht in einer Wahlkabine vorstellen.
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Er beschreibt, was er bei dem tat, was wir Westler für eine Wahl halten:„Wissen Sie, das sind ein paar Städter mit Zetteln gekommen und haben uns erklärt, wie wir Zeichen auf diese Zettel machen sollen. Wir haben ihnen zugehört, denn sie sind von weit her gekommen und wir wollten nicht unhöflich sein.“ Aber sie hätten diese Westler nicht gebraucht, um zu wissen, „wer unser Mann ist“.
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Das ist Agha-i-Sayyaf. Das ist die Familie, die seit den Tagen von Dost Mohammed hier lebt und für sie alle sorgt. Am Ende des Ramadan schenkte er den Kindern Süßigkeiten und „fragt nach unseren Probleme. Und wenn jemand Hilfe braucht, zieht er Geld aus der Tasche und gibt ihm alles, was er dabei hat“. So gesättigt durch Kenntnis dieser Welt ist das gut geschriebene Buch.
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Wunderbare ausgeruhte Kapitel sind in chronologischer Reihenfolge, über die Zeit der Gelehrten und Philosophen, die das griechische Wissen bis in die Moderne tradiert haben, wie jener Averroes und Avicenna (oder wie er für die Muslime heißt: der Ibn Sina), von denen ich das erste Mal von dem marxistischen Philosophen Ernst Bloch erfuhr. Die Türken, und das anschließende Chaos mit der Emphase der westlich-christlichen Kreuzzüge. Dann die Mongolenstürme und die Wiedergeburt.
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Ansary nimmt den eingebildeten Europäer an die Hand und führt ihn durch die globale Geschichte des Islam, von der wir überzeugt waren, dass nur wie Euro-Christen so etwas hätten wie eine Globalgeschichte vor der modernen aktuellen Globalisierung. Dazu kommt noch eine Prise bezwingende Ironie, die dem Westler auch gefällt, weil das hat er mit dem Islam ja nie verbunden: Humor. Bei der Beschreibung des hochkomplexen Verwaltungsapparates der Osmane, wendet er sich direkt an den Leser mit der Bitte, er soll er gar nicht versuchen, „dieses komplexe Geflecht zu durchdringen“. Es sei nämlich viel komplizierter als „ich es hier mit einfachen Worten darstellen kann. Ich möchte ihnen einen oberflächlichen Eindruck vermitteln“.
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Auch gibt es wie in großen Geschichtswerken immer mal wieder die Volte: was wäre gewesen wenn? Wenn die Muslime Konstantinopel auf der Höhepunkt der islamischen Expansion eingenommen hätten und dieses Konstantinopel Hauptstadt der Abbasiden gewesen wäre. Und dann kommt er ins Schwärmen: Die Kalifen hätten die Meerenge Bosporus, sie hätten das Mittelmeer kontrolliert, genügend schiffe verfügbar dazu gehabt. „Wenn man die bekannte Schlagkraft zu Lande dazunimmt, ist es durchaus vorstellbar, dass ganz Europa Teil des Islamischen Reichens geworden wäre“.
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Der Autor belegt die Brüche in der Rezeption dessen, was der Religionsbegründer gesagt oder gemeint hat. Nicht von allem Anfang an war die Frau so zurückgedrängt wie wir das aus islamischen Ländern unserer Zeit als größtes Begegnungshemmnis kennen: Chadidscha, die erste Frau des Propheten, war eine mächtige Geschäftsfrau und anfangs Mohammeds Arbeitgeberin. Aischa, die jüngste Frau führte sogar eine Armee, und niemand schien sich zu wundern, dass eine Frau diese Rolle übernahm. Die Kirchenväter oder die Koranväter hält der Islam so in Ehren wie die Christen den Augustinus und Ambrosius.
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Die Geschichte mal mit den Augen eines Muslim zu lesen und zu sehen, ist ein aufregendes Unterfangen und deckt  unsere bisherigen Defizite auf. Zumal wir Westler uns ja für die Weltmeister in der universalen Anwendung der Menschenrechte halten. Das Buch überzeugt zudem, weil es eher beschreibt, weniger verurteilt. Der Leser soll sich seine Schlüsse selbst machen. Das Buch macht klar, das wir unsere Perspektiven und unseren „point de vue“ auf diese Länder verändern müssen.
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„Die Europäer eroberten Persien nicht und führten nie einen Krieg gegen das Land“, das könnten die USA und Israel allenfalls 2010/11 tun. Sie kamen, „um zu kaufen, zu verkaufen, zu arbeiten und zu ‚helfen’“. Die Westeuropäer – so der Autor weiter – kamen aus unterschiedlichen Ländern, und „für sie waren die Perser keineswegs der Feind, sondern einfach nur Kulisse“.
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Wie Ahnungslosigkeit uns Westler schon immer ausgezeichnet hatte, nicht erst in der Hochzeit der Kolonialkriege und der Zeit des Kalten Krieges. Auch schon im 19. Jahrhundert. Die englischen Truppen, die Afghanistan 1842 nicht erobern konnten, waren in der Mehrheit Hindus und Muslime. Für die Hindus waren Kühe heilige Tiere, und für sie ging es nicht, wenn ihnen befohlen wurde, die Patronen mit Rindertalg einzureiben.
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Den Muslimen galten wiederum die Schweine als unreine Tiere, sie ekelten sich vor Schweinefett. Ansary berichtet: Eines Tages weigerte sich ein Sepoy Regiment, die Waffen zu laden. „Der Offizier der Briten ließ alle ins Gefängnis stecken“. Daraufhin gab es Unruhen. Den Briten war es nie klargeworden, dass sie ihre Sepoys beleidigten, wenn sie ihre Patronen mit Rinder oder Schweinefett imprägnieren sollten. Damit – so Ansary - einigten sie sogar Muslime und Hindus. Der Sepoyaufstand entwickelte sich zum großen Indischen Aufstand 1857 und 1858, wobei Muslime und Hindus gemeinsam britische Kolonialquartiere überfielen in ganz Indien.
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Dieses Buch gehört eigentlich in die Taschen derer, die in Länder mit muslimischer Bevölkerung hinausgehen, seien sie Diplomaten, Wirtschaftsleute oder humanitäre Helfer. Bis weit in die Renaissance und Aufklärung hinein war der Islam keine Alternative oder Option für die Europäer. 1517 machten sich nur wenige Christen in Europa darüber Gedanken, dass der Islam eine überzeugendere Botschaft vertreten könnte als das Christentum. Die Europäer kamen als Kolonisatoren „nur mit ihrer eigenen Zivilisation im Gepäck“, sie verkauften auch ihre Ansichten als letztgültige Wahrheiten. „Sie forderten den Islam allerdings nicht heraus, sie ignorierten ihn einfach – wenn man einmal von den Missionaren absieht, die aber auch nur ein Interesse hatten, die Muslime zu bekehren“.
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Der Autor gibt einen sehr gut erzählten und nicht zu komplizierten Überblick über die Entwicklung des Islam und islamischer Weltsicht und Kosmogonie. In klar gegliederten Kapiteln geht es erst um die Entstehung der Hidschra, dann die Geburt des säkular-spirituellen Kalifats. Dann erläutert das Buch die islamische Spaltung (Schia und Sunna), um dann das Reich der Umayyaden, dann das der Abbasiden zu behandeln. Ganz groß und übermächtig wurde das osmanische Reich, in dem die Türken eine gewaltige Rolle spielten. Dann aber kommt es zu Reformbewegungen innerhalb der islamischen Welt und des Erdkreises, in dem Muslime zu Hause waren.
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Immer wieder wurden westliche Ideen rezipiert, wie z.B. der Nationalismus und die Entwicklung zu materiellem Wohlstand, aber es gab immer auch religiöse Gegenbewegungen. So z.B. die Muslimbruderschaft des Hassan al Banna. Der ägyptische Aktivist gründete 1928 einen Verein Muslimbruderschaft, der nach Ansary ursprünglich eine Art Pfadfinder Club war, der aber eine gewaltige Bedeutung für den islamischen Erdkreis bekommen sollte. Vielleicht bis heute.
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Die Muslimbrüder lehnten den Nationalismus ab. Sie waren auch damals bei der Phase der Dekolonisierung dagegen, dass kleine Regionen wie Syrien, Libyen, Ägypten u.a. eigenständige Nationale Staaten wurden. Sie riefen die Muslime auf, eine große, grenzüberschreitende Umma zu bilden und ein neues Kalifat zu errichten, das alle Muslime vereinte.
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Nationalistische Emotionen waren in der islamischen Welt überall vorhanden. Doch die neuen Nationalstaaten waren Kunstprodukte. Afghanistan war von Großbritannien und Russland geschaffen. Der Iran war ein Reich, aber keine Nation geworden. Die Türkei wurde gewalttätig ein Nationalstaat, weil der Staatsgründer es so wollte.
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Die Zeit zwischen den Kriegen war auch verhängnisvoll, weil der Völkerbund die alte überfordernde Patronage Europas fortführte. Die erste UNO erklärte die Araber zu unmündigen Kindern, die von den großen Europäern so lange versorgt würden, wie sie selbst erwachsen werden.
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Der Autor beschreibt die Katastrophe, die Nakba, die für die Araber und damit auch für die Weltmuslime durch den Zusammenprall von Juden und Muslimen-Arabern dort in Palästina entstand. Er berichtet durchaus mit Verständnis für die Juden, die nach Palästina einströmten. Aber eben auch für die emanzipierenden Bestrebungen, die in Ägypten und im Iran besonders heftig wurden. Als Gamal Abdel Nasser – eine der wirklich großen Führer der arabischen Welt – den Assuan Staudamm bauen will, klopfte Nasser erst in den USA an. Die USA wollten den Bau machen, der die Ackerfläche verdoppeln und das Land mit ausreichender Elektrizität versorgen würde. Aber im Kleingedruckten las Nasser: Als Gegenleistung für diese „Hilfe“ sollte er den USA Militärbasen im Land und die Aufsicht über die Staatsfinanzen erlauben. Das lehnte er ab.
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Dann aber kam ihm die völlig legitime Idee. Er könnte das aus den Suezkanal Einnahmen bezahlen, die sich pro Jahr auf 90 Mio US Dollar beliefen, von denen Ägypten bis dahin nur 6,3 Mio US Dollar bekam. Daraufhin brach über diese Unbotmäßigkeit eines nicht mehr gehorsamen Arabers (wie schon im Iran unter Premier Mossadegh) ein Sturm der Entrüstung los. Gott sei Dank gab es den US-Präsidenten Eisenhower, der noch so gerade die Bombardierung von Kairo verhinderte, die man gemeinsam mit Israel plante.
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Wie gefährlich das Wort „entwickeln“, „Entwicklung“ für islamische Ohren klingen muss, macht Ansary in seinem Buch an vielen Stellen deutlich. Das waren auch die Hasenscharte und der Fehler des jüdischen Projektes. Es war imprägniert von einem europäischen Bewusstsein: Wir bringen das zurückgebliebene Land in Ordnung. 1914 schrieb Chaim Weizmann in einem Brief an den „Guardian“: In den nächsten 20 Jahren könnte eine Mio Juden dort leben. „Sie würden das Land entwickeln, ihm die Zivilisation zurückgeben und einen Schutz für den Suezkanal“.
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Theodor Herzl hatte schon 1862 geschrieben: Der Staat, den die Juden in das Herz des Nahen Osten bringen würden, würde “für Europa ein Stück des Walles gegen Asien bilden und den Vorpostendienst der Cultur gegen die Barbarei besorgen“.
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Ganz klar ist der Autor und ohne Übertreibung: Der Sechs Tage Krieg des Jahres 1967 bestätigte den Veracht der Muslime weltweit, dass die USA einen neuen Imperialistischen Angriff planten und Israel als ihren Brückenkopf installiert hatten. Das war in der islamischen Welt vorher überhaupt nicht so gesehen. Die USA waren unter den Präsidenten Wilson und Roosevelt die Anti-Kolonialisierer gewesen und die Förderer der Unabgängigkeit.
Spannende Fragen wirft der Autor auf, manche aber werden auch unzureichend beantwortet.
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Die große 100.000 Dollar Frage, weshalb es bisher im arabisch-muslimischen Raum keine Demokratie gegeben hat, erklärt der Autor zu läppisch: „Zeit und die Umstände“ hätten die Entstehung von demokratischen Strukturen verhindert. Die Muslimischen Gesellschaften wären vom „Gespenst ihrer verlorenen Größe“ verfolgt gewesen. Die Eliten brauchten eine moderne Infrastruktur nur, um dieses Gespenst wieder in der Realität aufzurichten. Das überzeugt nicht.
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Tamim Ansary
Tamim Ansary, geboren 1948 in Kabul, wuchs in Afghanistan auf, der Heimat seines Vaters. Seine Mutter war Amerikanerin mit finnischen Wurzeln. Der interkulturelle Blick war Ansary damit bereits in die Wiege gelegt. Sein Buch »West of Kabul, East of New York« wurde zum Bestseller. Tamim Ansary hat zwei Töchter und lebt mit seiner Frau in San Francisco.
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