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Buch-Tipp 193 von 865

:: Eine Organisation und eine Frau bleiben einmal gesetzten Zielen treu

Das vorliegende Buch ist der Andheri-Hilfe gewidmet. Man erfährt sehr viel über die sozialen Verhältnisse in Indien, die sich zwar ändern, aber nicht so schnell wie der Europäer in uns das will. Die Mädchentötungen, die Diskriminierung und Ächtung der Leprösen, die Kinderarbeit, die Witwenverachtung sind Phänomene, von denen man annehmen möchte, dass sie in der modernen Welt des 21. Jahrhundert wenn schon nicht beseitigt so doch geändert worden sind. Von Rupert Neudeck

Es werden Verhältnisse von Rosi Gollmann berichtet, die einem den Atem stocken lassen. So in dem bewegendsten Kapitel: Der Friedhof der toten Mädchen. Es werden vierzehn Methoden aufgezählt, ein Baby Girl zu töten. Die einfachste ist: man verweigert dem Baby die Nahrung, bis es verhungert. Oder man gibt dem Kind statt Muttermilch den giftigen Saft einer Pflanze. Oder es wird dem Mädchen kochend heiße Hühnersuppe eingeflößt, bis es innerlich verbrüht.

 

Und weiter: „Man wickelt den kleinen Körper in eiskalte Tücher, dann erfriert das Kind. Es gibt auch Frauen, die träufeln Gift in die Ohren, und sobald es in das Kleingehirn gelangt, stirbt das Mädchen. Auch toxische Substanzen in die Dünne Kopfhaut eingerieben, sind tödlich. Ein unerwünschtes Mädchen unter einem Kissen zu ersticken sind weitere Praktiken.

 

Die Andheri Organisation baute Selbsthilfegruppen auf, die die Ursachen dieser lang anhaltenden Tradition hinterfragen sollte. In diesen Gruppen wurde lange Zeit das heikelste Thema nicht angesprochen. Erst wenn das gegenseitige Vertrauen groß ist, kann das Tabu gebrochen und das Hauptziel angegangen werden: Die Rettung völlig unschuldiger Mädchenleben.

 

Auch hierbei ist Förderung der Bildung die entscheidende Antwort, auch da setzte die Andheri Hilfe an. Es wurde ein Ausbildungszentrum für junge Mädchen und Frauen eröffnet. Für Näherinnen und im Computerbereich. Nach der Ausbildung hilft man den jungen Zöglingen mit der Vermittlung einer Arbeitsstelle, bei der Errichtung eines kleinen Geschäfts, einer kleinen Schneiderei oder eines Beauty Salons. Damit erringen Frauen Selbst- und Fremdachtung, sie erweisen sich als „nützlich“, bringen Geld nach Hause, statt nur zu kosten.

 

Die Organisation hat im Laufe der Jahre seit 1960 eine große Menge geleistet: So wurden 150 Dörfer als Mädchentötungsfrei erklärt werden. Nach fünfzig Jahren Arbeit hat sich ein sozialer Wandel eingestellt, die Mädchen werden nicht mehr alle getötet. Töchter sind kein „genetischer Defekt“ mehr. Die Autorin berichtet von einem Fest, das jetzt in einem Dorf zur Feier der Geburt eines Mädchens gefeiert wurde. Zur Geburt der Tochter übergeben die Frauen der Gruppe zwei junge Ziegen und drei Krokussetzlinge als Sparbuch gleichsam für die Zukunft der kleinen Tochter.

 

Gleiches galt von der Witwenverachtung, die Frau Gollmann in Indien an vielen Orten mitbekam. Stirbt der Ehemann, dann galt auch das Leben der Frau als beendet. Ein Grund dafür war, dass man der Ehefrau die Mitschuld am Tod des Mannes gibt.

 

Die Autorin beschreibt (mit Hilfe einer Koautorin-Journalistin) in den vielen Kapiteln die große Bereitschaft der deutschen Gesellschaft, sich für humanitäre Ziele, für die konkrete Lage von Menschen in Lebensgefahr und Not einzusetzen. Das Buch ist dabei auch ein großes Kompendium des Dankes an die vielfältigen und großzügigen Bürger, Freunde, Mitchristen, die Spender waren und die Arbeit ermöglichten.

 

Die Andheri Hilfe setzte als eine der ersten Organisationen in Deutschland auf die Wirksamkeit der Kleinkredite und auf die unternehmende und unternehmerische Phantasie und Kraft einfacher Menschen in den Dörfern. Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft: Die Arbeit sollte am besten und am wirksamsten in den Dörfern beginnen. Die Kleinkredite werden den Bewohnern der Dörfer gegeben für Einkommen schaffende Maßnahmen. Eine Hühnerhaltung kann z.B. eine sehr gute Einnahmequelle werden, wenn man sie wirklich managt.

 

Immer wieder aber setzt die Autorin nicht auf die unendliche Fortsetzung der Nabelschnur für die Indischen Dörfer. Auch für die Waisenkinder sagt sie: Es bleibt immer der Anspruch, dass die Kinder besser dort aufwachsen, wo sie hineingeboren sind, in d er eigenen Familie. Deshalb überlegte sie, wie man die Mütter so ausrüsten kann, dass sie ihre Säuglinge  nicht mehr aussetzen oder die Kleinkinder an der Waisenhauspforte abliefern müssen. Heime sind keine Lösung für Waisenkinder und Lager keine Lösung für Flüchtlinge. Waisenhäuser schaffen manchmal sogar Waisenkinder.

 

Was ich vermisse in dem Buch: Das Beispiel eines Projektes, in dem es ein Scheitern oder ein Teil-Scheitern gab. Denn Erfolg (und gar immerwährender Erfolg) ist keiner der Namen der humanitären und Entwicklungshilfe. Die Beschreibung, wie man mit einer Sackgasse oder einer kulturellen Barriere, die man vorher nicht bedacht hatte, fertig oder nicht fertig geworden ist, würde dem Buchkompendium gut bekommen.

 

Das würde die Bilanz sowohl der vorzüglichen Arbeit der Andheri Hilfe wie auch die Bilanz eines großen Lebens im Dienst dieser Hilfe schmücken und noch glaubwürdiger machen. Denn wie im Leben eines Menschen so auch einer Organisation oder Partei oder Firma, selbst einer Kirche gibt es Ereignisse und Begebenheiten, in denen mal etwas nicht gelingt.

 

Die große Qualität einer Organisation wie der Andheri Hilfe zeigt sich auch, dass sie unter einem zwischenzeitlichen Projekt, das nicht so gelingt, wie man sich das beim Stifter gedacht hat, sich bewährt und daraus lernt. Vielleicht kann die Autorin das bei einer weiteren Auflage, die man dem Buch wünsche möchte, ergänzen.

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