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:: Energiewende nach Fukushima

Deutscher Sonderweg oder weltweites Vorbild?

Zu Fukushima und den Folgen sind schon eine Reihe von Büchern erschienen, solche aus unmittelbarem Erleben vor Ort, solche über die japanische Mentalität und die Art und Weise des Umgangs mit dieser Dreifach-Katastrophe: dem Erdbeben, dem Tsunami, der Kernschmelze.

 

Dies hier ist ein Buch über deren Folge- und Fernwirkungen, über den Ausstieg aus der fossil-atomaren Energieversorgung bei uns, den Umstieg in ein klimaverträgliches Energiesystem ohne Atomstrom und den Einstieg in eine Vielfalt von Erneuerbaren Energien – über das, was dazu schon geschehen ist, was möglich ist und geschehen sollte, über den möglichen Dominoeffekt von Fukushima. Das Buch kommt also zur rechten Zeit.

 

Zwei Autoren mit großer fachlicher Kompetenz und schriftstellerischer Begabung haben es geschrieben, der langjährige Präsident des Wuppertal-Instituts, Peter Hennicke, und der Präsident des Europäischen Instituts für Internationale Beziehungen, Paul J. Welfens. Sie haben den Text voll gepackt mit historischen Fakten, ökonomischen Daten, politischen Machtspielen und strategischen Überlegungen – und in der Absicht, so die Perspektiven einer Energiewende in Deutschland  festzumachen sowie nach den Multiplikatoren einer globalen Energiewende Ausschau zu halten. Es geht ihnen um die „Große Transformation“ ins post-fossile Zeitalter ohne Atom – um den Übergang ins Solarzeitalter.

 

Das Buch hat einen Untertitel mit einem Fragezeichen. Man verrät aber kein Geheimnis, wenn man behauptet, dass es den Autoren keineswegs um einen Sonderweg Deutschlands geht – sie wollen Deutschland vielmehr zu einem Vorbild für die globale Energiewende machen. Einen semantischen Erfolg in dieser Richtung kann man auch schon vermelden: die New York Times macht neuerdings keinen Versuch mehr zur Übersetzung des deutschen Begriffs - „Energiewende“ ist inzwischen in den amerikanischen Sprachschatz aufgenommen worden, so wie „Kindergarten“ und „Rucksack“.

 

Die Autoren sind aber Realisten – und so haben sie auch zweifelnde Fragen, ob die Energiewende wirklich gelingen wird in Deutschland,  und ob die Nachbarn im Westen (Frankreich), im Osten (Polen) und auch im Fernen Osten (Japan) mitziehen werden. Sie geben sogleich eine Antwort auf mögliche Zweifel: „Ein einsamer Sonderweg Deutschlands in eine Sackgasse nützt am Ende wenig; gesucht wird vielmehr ein Königsweg für eine globale Energiewende: finanzierbar und mittelfristig effizient, organisatorisch gut vorbereitet und ohne zwischenzeitlichen Zusammenbruch der Stromversorgung“.

 

Den Wendeskeptikern, den Kohlelobbyisten und den Atomfreunden legen sie eine provokante These in den Weg: Die weltweite enorme Unterversicherung, die mangelnde risikogerechte Haftpflicht der Atomkraftwerke und die weitreichende Nicht-Internalisierung der sozialen und ökologischen Kosten der fossilen Energieträger Kohle und Gas seien historische Gauklertricks gewesen.

 

Ja, die Autoren sprechen im einen Fall gar von einer Lebenslüge: Die Förderung der Atomtechnik sei der größte Selbstbetrug in der Wirtschaftsgeschichte (S. 19). Ohne die künstliche Verbilligung des Atomstroms (und des Kohlestroms) bedürfte es auch keiner Subventionierung erneuerbarer Energien.

 

Sir Nicholas Stern’s These von 2006, der Klimawandel symbolisiere das größte Marktversagen der Geschichte, hat einen enormen Impuls für die internationale Klimaökonomie und Klimapolitik  gegeben. Ob die These der Professoren Hennicke und Welfens von 2012 über den größten Selbstbetrug der Wirtschaftsgeschichte einen ähnlichen Impuls für die internationale Energiedebatte geben wird?

 

Nun, dazu müsste das voluminöse Buch, in Kleinbuchstaben gesetzt und damit fast doppelt so lang als in Seiten ausgewiesen, erst einmal von vielen Wissenschaftlern und Laien gelesen und möglichst auch ins Englische übersetzt werden.

Quelle:

Professor Udo E. Simonis 2012

Erscheint in: UNIVERSITAS, 67. Jg., Heft 9, 2012

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