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:: "Exit" - Meinhard Miegels Streitschrift gegen den Wachstumswahn
Total unzeitgemäß – und gleichzeitig berstend vor Aktualität. Die Parteien sollten das Buch von Meinhard Miegel nicht lesen, sonst sind sie geliefert. Von Rupert Neudeck
Das ist ein frontaler Angriff auf die heiligsten Güter unserer Gesellschafts- und Geistesverfassung im 21.Jahrhundert. Meinhard Miegel beschreibt den „Untergang unserer Wachstumsordnung“, um an den Titel von Oswald Spengler nach dem Ersten Weltkrieg zu erinnern. Er beschreibt diesen Untergang genau so dramatisch wie der exaltierte Untergangsphilosoph Spengler.
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Aber der Unterschied ist: Miegel ist überhaupt kein akademischer Spinner, wie das wohl Spengler war. Er gehört auch nicht zu esoterischen Zirkeln, nicht mal zu den Grünen. Miegel war Mitarbeiter des CDU Politikers und Vordenkers Kurt Biedenkopf, er hat sich immer mehr auf der Seite der politisch Konservativen als der Revolutionären aufgehalten. Nun hat er aber ein Buch geschrieben, das uns alle in allen Parteien und Richtungen und Tarifgruppen in den Bauch tritt: „Du musst Dein Leben ändern!“ müsste der Titel nach Rilke heißen, hätte den nicht Sloterdijk für eine seiner philosophischen Eskapaden okkupiert.
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Er formuliert so lange vorsichtig und klug-akademisch, bis wir als Leser verstehen: Tua res agitur. Wir sind eine „zerbrechliche Gesellschaft“, heißt eine Überschrift. Aber die Analyse wird schmerzlicher. Wir sind sogar eine morbide Gesellschaft. Wir sind kinderlos. „erstens weil wir keinen geeigneten Partner haben, zweitens weil wir auch ohne Kinder zufrieden sind, und drittens, weil Kinder unsere Konsummöglichkeiten beeinträchtigen“. Und unsere Karriere.
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Dieses Kapitel hat mich gepackt: Der letzte Jahrgang, der sich in Deutschland durch die Zahl seiner Kinder regenerierte, war 1881!! Heute werden jedes Jahr 150.000 Kinder zu Scheidungswaisen. 2,2 Mio. Kinder wachsen in Deutschland entweder ohne Vater oder ohne Mutter auf. 17 Prozent aller Kinder im Westen, 26 Prozent im Osten.
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Das Buch ist gnadenlos hart, aber gediegener geschrieben, so dass man den Fausthieb erst immer am Ende des Kapitels bemerkt. „Staat, Du musst das verhindern“. „Staat mach du“, das sind die hilflosen, aber selbstverständlichen Rufe nach oben, wenn etwas schief läuft. Man kann die ersten drei Hauptteile als Variationen des immer gleichen Themas lesen: Wir sind auf einem Holzweg mit dem Wachstum.
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Das Dramatische ist, dass dieses Buch gelobt, gepriesen, geehrt wird, aber in der Politik überhaupt keine Wirkung hat. Die Wachstumsverblödung geht über die Politik und die Talkshow Politik hemmungslos weiter, sie umfasst auch eine Größtkoalition, weil darin die Arbeitgeber und die Gewerkschaften total einig sind. Der erste Hauptteil ist überschrieben: „Wachstumswahn“. An einigen Stellen gelingt Miegel eine Sprache, die der relativen Tragödie angemessen ist, nach der wir mit absichtlicher Blindheit in unseren Abgang hineinstolpern. Es geht auch um das Ende des Gottesglaubens in unseren Gesellschaften. Der tiefste Grund, weshalb ein interreligiöser Dialog bei uns nicht mehr gelingen kann, hat damit zu tun, dass uns der Gottesglaube abhanden gekommen ist.
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Nicht ohne Grund wird die wachstumsfokussierte Gesellschaft von der Sorge getrieben, „die ganze Industrie-, Dienstleistungs- Erlebnisgesellschaft samt Raumflügen und Abwrackprämien könnte sich in Nichts auflösen, wenn ihr Daseinszweck ’Wachstum’ entfällt.“ Das reine Nirwana geradezu.
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Miegel gibt etwas zu erkennen, womit er gegen die heiligsten Güter deutscher und euroatlantischer Politik heftig sündigt. Der real existierende Sozialismus wäre heute noch dominierend, wenn er wirtschaftlich ähnlich erfolgreich gewesen wäre wie der kapitalistische Westen. Der Westen soll sich nur keine Illusionen machen: Gesiegt hat nicht ein sog. Wertesystems des Westens, sondern seine materielle Überlegenheit. „Der Freiheitsdurst der meisten hält sich in Grenzen, wenn ihre Mägen voll und die Dächer über ihren Köpfen dicht sind und vor der Haustür ein schmuckes Auto steht“. Wären vor 20 Jahren die Menschen im Westen frei, aber arm, im Osten gegängelt aber wohlhabend gewesen – dann hätte der Sozialismus gesiegt. Miegel schreibt zwar noch vorsichtig „vermutlich“ dazu, aber seine Beweisführung ist nicht zu umgehen.
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Der zweite Teil geht um die Ausbeutung der Ressourcen. Die Welt kann auch 10 Milliarden ernähren, aber nur, wenn die sich auf das Niveau der Inder bewegen. Wenn alle soviel essen, trinken, konsumieren müssen wie die US-Bürger, kann die Welt auf Dauer nur 2,5 Milliarden ernähren. Der Mensch des Industriezeitalters kommt nicht umhin, sich einzugestehen, dass er von der Substanz lebt. Der 3. Teil des Buches geht um die Bilanzen, Um Luft, Wasser, Nahrungsmittel, Rohstoffe, Energie. Es ist die Wiederaufnahme des Club of Rome-Berichtes  von 1972 über die „Grenzen des Wachstums“, aber unerbittlicher.
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Das Wohltuende ist der Ton des Buches. Nie wird Miegel zum Prediger, weder zum islamischen noch zum christlichen oder liberalen. Er bleibt dabei zu beschreiben, wie wir die Sintflut schon vorwegnehmen in unserem westlichen Denken und unserer Wachstumsbesoffenheit. Ganz in die Nähe von Oswald Spengler kommt er am Ende dieses Teils, wenn er diagnostiziert: Große Teile der Bevölkerung seien „beinahe lebensuntüchtig geworden“.
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Die Gesellschaft betrüge sich gern selbst, mundus vult decipi, wenn sie das immer verdrängt. Er beschreibt leider sehr konkret die überforderte Gesellschaft, die nur noch am Arbeitsplatz überlebt, weil an jedem Freitag kleine Ferien und drei mal im Jahr große Ferien beginnen. Nichts kann die Rolle der Kirchen heftiger ersetzen als die Tourismus-Veranstalter, mit einer Art Seelsorger an der Seite, der die älteren Personen da betreut. „Am Arbeitsplatz angekommen, freuen sich viele nicht auf das bevorstehende Tagewerk“, sondern sie sehnen sich nach dem Feierabend oder dem Wochenende. Stress ist das Haupt- und Magenthema meiner Gesellschaft. Von 40 Mio. Erwerbstätigen halten 0,8 Mio. ihr Tagewerk nur durch bei regelmäßiger Einnahme von Psychopharmaka, Weitere zwei Millionen benutzen sie gelegentlich und 8 Mio. finden es in Ordnung, von Zeit zu Zeit danach zu greifen. Dazu kommen große Mengen an Alkohol, um den Arbeitsstress abzubauen. Wobei es kaum noch Handarbeit gibt. Am Schluss hat er seine Diagnose noch mal zu der harten Alternative aller real existierenden  Politik formuliert: „Wie wir besser leben können!“
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Es müsse ein Gleichgewicht hergestellt werden zwischen der Zahl der Erdbevölkerung, die 2030 auf 9 Milliarden anwachsen wird und den Kapazitäten der Erde. „Für die Völker der frühindustrialisierten Länder bedeutet dieses, dass Ihr materieller Lebensstandard vorerst nicht mehr steigen, sondern eher sinken wird“. Das muss kein Wohlstandsverlust sein, wenn wir wieder lernen, was uns während der Menschheitsgeschichte dauernd bewusst war: „Wohlstand und Wachstum sind keine siamesischen Zwillinge“. Der Wohlstand beginnt erst, wo das Wachstum endet. Das Jahrhundert wird scheitern, wenn wir diesen Wechsel in der Politik, weg von Wachstum hin zu Wohl-Fahrt nicht leisten.
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Diejenigen, die für Bundestagsabgeordnete dieses Buch lesen müssen, werden eine schwierige Aufgabe haben, denn die Abgeordneten aller Parteien wollen weiter Wachstum. Dieses Buch aber will die Politik radikal ändern. Wer wird es wagen, diese Botschaft bis vor die Tore der Bundestagsfraktionen zu tragen? Ich verrate ein Geheimnis: Keiner.
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Deshalb müssen die außerparlamentarischen Kräfte wieder aktiv werden.
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