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Buch-Tipp 544 von 916

:: Fünf beherrschen die Welt

Wer Macht und Einfluss hat, kann nach dem neuen Buch von Stephanie Cooke auch Atomwaffen besitzen und damit drohen. Von Rupert Neudeck

„Wir fünf beherrschen die Welt, warum sollten wir etwas daran ändern?“, so zitiert die Autorin Nabil Fahmy, den ägyptischen Botschafter in Washington. Fahmy brachte damit die Grundeinstellung der fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates auf einen Punkt.

 

Diese Staaten bestimmen auch über die globale Atompolitik. Sie verfügen, welche Länder den („schon arg ramponierten“) Atomwaffensperrvertrag unterzeichen müssen, wer nicht. Da hat die US Regierung unter George W. Bush Indien einfach wieder in Gnaden aufgenommen, von Israel ganz zu schweigen, da ist die Gnade schon ein politisches Abonnement. Wenn Indien, warum dann nicht auch Pakistan, der Iran oder sogar Brasilien? Das Buch macht deutlich mit seiner weitausholenden Expertise, wie verdreht unsere Diskussion über die Atombombe und die Mächte läuft, die sie haben. Die Autorin hält am Ende des Buches fest: Der Atomwaffensperrvertrag war 1968 ein Kompromiss und ein besserer war kaum erreichbar. Aber statt sich zu entwickeln, erstarrte er.

 

Man muss für die etwas heuchlerische Debatte der Welt festhalten: Genau Fünf Staaten halten Kernwaffen für eine legitime Form ihrer Landesverteidigung. Für alle anderen gilt das nicht.  Indien, Pakistan, Israel, Nordkorea und die in absehbarer Zeit zu erwartenden neuen Atommächte zählen nicht. Damit, so Stephanie Cooke, sei die „Weltlage heute viel gefährlicher als in den Zeiten des Kalten Krieges“. Es wäre absurd anzunehmen, „dass es bei den gegenwärtigen Verhältnissen bleibt, zumal wir einen deutlichen Ausbau der Kernenergie erleben“.

 

Das ist ein gewaltig gründliches Buch (592 S.), das man auch nicht einfach weglesen kann. Es enthält wohl das dramatischste Kapitel in dem über den GAU in Tschernobyl am 26. April 1986 und das Herumlügen der westlichen Regierungen (nicht nur der östlichen) und Verschweigen der Gefahren, von denen die Zuständigen schon längst wussten, dass man sie alle nicht mehr bewältigen konnte. Wie gefährlich die Welt durch Atomkraftwerke sein kann, das kann man nun nachlesen: Sie schildert, wie die Leute  der Pripjater Feuerwehr in Weißrussland einer nach dem anderen starben. Sie schildert den Fall eines Mannes, der in einem speziellen Sauerstoffzelt unter einer durchsichtigen Folie lag, der 25 bis 30 mal in 24 Stunden Stuhlgang hatte mit blutigem Schleim.

 

Die Frau dieses Mannes stand diesem bei und erzählt: „Wenn ich seinen Arm hob, schwang der Knochen hin und her, das Fleisch löste sich schon. Teile der Lunge und der Leber kamen ihm aus dem Mund heraus. Er erstickte fast an den eigenen Innereien. Ich wickelte eine Binde um die Hand uns schon die Hand in seinen Mund, um das alles herauszuholen“. Das könne man nicht erzählen. Dem Mann passte keine Schuhgröße. „Er musste barfuss in den Sarg gelegt werden!“

 

Die Nuklearindustrie ist an den militärisch-industriellen Komplex gebunden. . Dem Rüstungskomplex der USA fließen jährlich mehr als 6 Mrd. US Dollar für die Modernisierung alter und Planung neuer Atomwaffen zu.

 

Immer wieder zitiert die Autorin den US-Präsidenten Dwight S. Eisenhower, der als US-Präsident wahrscheinlich am weitesten in der Einschätzung der Gefährlichkeit von Rüstungsindustrie und Aufrüstung gekommen war. In seiner Rede über Atome für den Frieden sagte Eisenhower: „Es genügt nicht die Atomwaffen den Militärs aus den Händen zu nehmen, wir müssen sie auch in die Hände von Humanisten legen, die wissen, wie man sie entschärft und für die Kunst des Friedens nutzt.“

 

Das Buch beginnt mit der Erfindung der Kernenergie und dem Abwurf der beiden Bomben auf Hiroshima und Nagasaki aus der Entscheidung der US-Regierung: Planung und Organisation von Crossroads – war ein erster medienwirksam inszenierter Kernwaffentest der Nachkriegszeit. Besonders eindringlich ist das Kapitel über „Goldas Besuch im Weißen Haus“, In dem Atomreaktor Dimona, den schon John F. Kennedy beim Aufbau argwöhnisch beobachtet hatte, brauchte man 1968 neuen Rohstoff für die Plutoniumserzeugung. Wie man den sich besorgte? Man ließ den Mossad „bei einer der bis heute dreistesten Nuklearoperationen in Europa gut 200 Tonnen Natururan klauen“. Bei der Euratom stellte man irgendwann fest, dass das Uran fehlte. Es dauerte dann noch fünf Jahre bis sich der Anfangsverdacht erhärtete, dass Israel hinter dem Diebstahl steckte. Schon damals wurde deutlich, wie viel Aufwand die US-Regierung betrieb, um Israel zu decken.

 

Nixon traf dann 1969 Golda Meir und setzte sich über die Empfehlungen des Außenministeriums hinweg. Israel sollte nach Meinung der Administration auf folgende Haltung gebracht werden: „Israel werde keine Kernwaffen zu entwickeln versuchen, den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnen und keine Raketen aufstellen“. Doch Nixon beschloss, der Israelischen Führung alles zu geben, was sie wollte: Lieferung der Phantom Raketen ohne Bekenntnis zum Atomwaffensperrvertrag. Nixon hatte das mit Golda Meir abgesprochen, nicht mal Henry Kissinger war informiert.

 

Israel erdreistete sich dann später, eine Serie von Atomtests mit dem Apartheidland Südafrika durchzuführen. Auch daran nahmen die USA keinen Anstoß. Am Morgen des 22. September 1979 brach die vorher geschlossene Wolkendecke auf, so dass ein US Vela Satellit zwei gewaltige Blitze registrierte. Seit Nixons Geheimabkommen mit Golda Meir waren da zehn Jahre vergangen. Nach dem Gesetz von 1977 hätten die USA Sanktionen gegen Israel verhängen müssen. Aber auch dazu kam es nicht.

 

Das Buch porträtiert den israelischen Kämpfer gegen die Proliferation von Nuklearwaffen: Mordechai Vanunu. Vanunu hat es aber nicht zum Helden der Anti-Atom-Bewegung gebracht hat. Warum, fragt sich der Leser etwas verstört. Für Israel gelten auch bei der europäischen Linken andere Gesetze. Mordechai Vanunu hatte fast zehn Jahre als Techniker im Machom 2 verbracht, einem geheimen unterirdischen Bunker im Bezirk Dimona, in dem das Zubehör für die Atomwaffenproduktion entstand. Er wurde 1985 entlassen, aus Kostengründen. Sicherheitsdienste hatten Vanunu längst als unsicheren Kantonisten aufgespießt wegen seiner Kontakte zu arabischen Studenten der Universität in Beersheba.

 

Dann ging er nach Australien. Dort traf er einen Reporter der Sunday Times, dem er die Geschichte der Produktion von Atomwaffen mit Fotos und Dokumenten erzählte. Am 30. September 1986 verschwand Vanunu plötzlich, fünf Tage, bevor der Artikel erschien. Man hatte eine attraktive Agentin auf ihn angesetzt, ließ ihn nach Rom kommen und entführte ihn auf dem Seeweg nach Israel. Er wurde wegen Landesverrat zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. Von diesen 18 Jahren verbrachte er elf Jahre in Isolationshaft. Nur Amnesty Internation und kleinere Friedensinitiativen setzten sich für ihn ein. 1987 bekam Vanunu den alternativen Nobelpreis.

 

Nach der Haftentlassung 2004 gewährte ihm die anglikanische St. George Basilika in Jerusalem Asyl. Er steht unter Hausarrest, mit empfindlichen Auflagen, darf kein handy und Internet benutzen, nicht mit Journalisten sprechen und das Land nicht verlasen.

 

Dieses Buch schildert all die Fälle, um den Lesern stellvertretend für die Menschheit die Botschaft zu vermitteln, dass man mit diesen apokalyptischen Versuchen aufhören muss. Der berühmte Mit-Erfinder der Bombe Robert Oppenheimer sprach 1953 von „zwei Skorpionen in einer Flasche, die beide einander nur auf Kosten des eigenen Lebens hätten vernichten können.“

 

Die neue Superbombe hatte die 800 fache Wirkung der Hiroshima Bombe, selbst einigen abgebrühten Forschern ging das damals zu weit. Ab ungefähr 100 Megatonnen würde die Superbombe „einfach einen Teil der Atmosphäre, mit einem Durchmesser von etwa fünfzehn Kilometern, herauslösen und in den Weltraum schleudern.“

 

Moralische Fragen tauchten nur am Rand auf. Dennoch gab es, wie die Autorin registriert, auch Widerstand. Bei einer Sitzung 1949 des General Advisory Committee unter Leitung von Oppenheimer gab Hartley Rowe – der schon als Ingenieur beim Panama Kanal mitgearbeitet hatte – zu Protokoll: „E i n Frankenstein reicht uns wohl nicht“. Und er fügte hinzu: Er möge ein Idealist sein, er könne nicht verstehen, „wie ein Volk von einem Vernichtungsapparat zum nächsten, tausend Mal so verheerenden übergehen und dabei noch ein normales zu anderen Ländern und zum Frieden pflegen will“.

 

Immer ging es auch um den Alptraum – der eigentlich schon die Vision der Terroristen und Selbstmordattentäter erreicht – mit Präventivschlägen den Erstschlag der anderen Seite zu verhindern, weil man ihn ja nicht mehr defensiv bewältigen kann. Deshalb war auch der später berühmte Vater der „containment“(Eindämmungs-) Strategie gegen die Sowjetunion George Kennan gegen den Einsatz von Atomwaffen im Kriegsfall. Das würde bedeuten, „weit hinter die Werte der westlichen Zivilisation zurückzufallen und Verhältnisse einreißen zu lassen, wie sie ehemals bei asiatischen Horden herrschten“. Der US-Außenminister Dean Acheson sagte ihm dann das, was Realpolitiker so sagen, wenn ihnen moralisch auf den Zahn gefühlt wird: „Wenn Sie das Ganze so sehen, sollten sie besser eine Mönchskutte anlegen“.

 

Bis heute hat die Anti-Atombewegung den Israeli und Kämpfer gegen die Atomwaffen Mordechai Vanunu noch immer nicht als einen der besten geehrt.

 

Wenn immer noch mal jemand uns kommt und sagt, die Wirkungen der Nukleartechnik seien förderlich für das Wohl und die Zukunft der Menschheit, dem sollte man dieses Buch um die Ohren hauen. Es hat immerhin so viel Gewicht, dass man – nach den Worten des Marburger Philosophen Odo Marquardt – sogar einen Rezensenten damit physisch erschlagen kann, um wie viel mehr einen Produzenten und Propagandisten von Nukleartechnologie.

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