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:: Für die Tonne - Wie wir unsere Lebensmittel verschwenden

Das ist ein Buch, das kein einziges Zeichen und keinen Satz an konservativem Kultur- und Zivilisationspessimismus kennt. Das auf der Höhe aller Technologie ist. und dennoch die Grenzen des Wachstums und die allgemeine Vermüllung und den Raubbau an den Ressourcen peinlich genau benennt.

Technikfreaks – sagt der junge Autor im ersten Hauptteil - hätten bereits Kühlschränke entwickelt, die den Besitzer von Lebensmittel dann (dank des Strichcodes der Lebensmittel) warnen, wenn sie sich dem Ende der Haltbarkeit nähern.

 

Der Autor weiß aber auch, dass wir es uns mit unseren Überreaktionen noch schwerer machen. Er zitiert den Lord Haskins, der an der Erfindung von Haltbarkeitsdaten beteiligt war. Es wurde durch die Erfindung ein Vermarktungswettlauf in Gang gesetzt, den die große Firma Marks und Spencer mit dem Slogan bestritt: „Die Frische erkennen Sie am Haltbarkeitsdatum.“

 

Heute, so Lord Haskins seien die verwendeten Daten „überzogen, eine Überreaktion und lächerlich unnütz“. Eine Revision dieses Systems könnte zu einer drastischen Reduktion des Abfalls führen. Rohes Fleisch kann z.B. durchaus auch nach Ablauf des Datums gegessen werden. Wenn man es nur richtig zubereiten würde.

 

„Wenn Fleisch fünf oder sechs Tage abgelaufen ist, sehe ich es ihm normalerweise an und esse es wahrscheinlich, wenn ich es im Kühlschrank aufbewahrt hatte. Milchprodukte wie Yoghurt, die einen Monat abgelaufen und deren Geruch und Aussehen okay sind, würde ich essen. Einerseits“, sagt der Lord,  „gehen die Hersteller davon aus, dass wir alle Idioten sind, und andererseits ist die Öffentlichkeit schön blöd, dass sie diese Daten ernst nimmt.“

 

Der Autor kennt sich in dem kapitalistischen Hersteller-Gros sehr gut aus. Er hat sie alle befragt und nicht immer verlässliche Daten bekommen. Bei Waitrose zitiert er eine Initiative bei Bananenerzeugern auf den Inseln über dem Winde; dort konnte man das Abfallaufkommen von 40 Prozent der Ernte auf weniger als drei Prozent reduzieren 2008, was zeigt, dass enorme Einsparungen möglich sind. Tatsache aber sei, dass Waitrose wie andere Hersteller, wie die anderen Supermarktketten, unnötige Mengen an guten Lebensmitteln wegwirft. Das Unternehmen behaupte, dass es sich bei dem vernichteten Abfall um Artikel handele, die ungenießbar geworden seien.

 

Dazu sagt der Autor und macht damit auf eine weitere Qualität des Buches aufmerksam: Nachdem er über ein Jahr lang von Nahrungsmitteln aus den Müllcontainern dieses Unternehmens gelebt habe, „kann ich mich dafür verbürgen, dass die Mehrzahl der Sachen, die ich finde, zum menschlichen Verzehr geeignet und oft von höherer Qualität ist als das, was ich in den Regalen der meisten Supermärkte sehe“. Morrisons und Asda würden sich sogar weigern, überschüssige Nahrungsmittel der eigenen Handelsmarken karitativen Organisationen zu spenden. Morrisons sei der einzige Supermarktfall, der sich weigere Überschüsse an FairShare zu spenden.

 

Das Buch gliedert sich in drei Hauptteile. Der erste handelt von den umkommenden Nahrungsmitteln, also den Besitztümern, die untergehen. Es geht dabei um die Haltbarkeits-Mythologie und um die Aufforderung, den Boden nicht zu verschwenden, denn das hat auf Dauer verheerende ökologische Auswirkungen.

 

Der zweite Teil betrifft die Ernten, die vergeudet werden. Da gibt es das gut recherchierte Kapitel über den Ackerbau („Kartoffeln haben Augen“), Fisch, Fleisch, Motten und Schimmel ist ein besonders interessantes Kapitel überschrieben, bei dem es um „Verschwendung in einem hungernden Land geht. Der dritte Hauptteil geht um das Thema: Dreck und Geld liegen nahe zusammen. Nahrungsmittel seien zum Essen da, nicht zum Vermüllen und Vernichten Es geht um die Beseitigung von Müll: durch Kompost und Gas. Die alles fressenden Brüder der Menschen seien – horribile auditu – die Schweine und die Inseln der Hoffnung. Überraschenderweise wendet sich der globalisierte Rechercheur Japan, Taiwan und Südkorea zu.

 

In Japan schwimmt er ganz tief in den Esskulturen dieses zivilisierten Landes, das so stark auf seine Traditionen setzt. So bekommt er ein Wort vorgesetzt, das er noch nie gehört hat, was Japaner aber komisch ankommt, weil es ein Begriff ist, den alle kennen. „Mottainai“ ist nicht zu übersetzen. Es bedeutet die Verurteilung von Verschwendung und befürwortet gleichzeitig Sparsamkeit und Genügsamkeit. Das Wort werde für alle benutzt, vom Sockenstopfen bis zum Abkratzen der letzten Reisekörner vom Boden einer Schale.

 

Und die Gastgeber des Autors gehen noch weiter: In der Schule würde ihnen beigebracht, dass es ein Zeichen von „Undankbarkeit gegenüber den Bauern ist, nach einer Mahlzeit etwas ungegessen auf dem Teller zu lassen und dass uns das Mottainai-Ungeheuer erwischen wird, wenn wir es doch tun“. Japan erlebte mehrere Hungersnöte nach dem 2. Weltkrieg und hat sich damals schon gegen die bewusste Verschwendung von Lebensmitteln entschieden. Die Dinge änderten sich finanziell für das Land nach der Olympiade 1964 in Tokyo und in den 80er Jahren erlebte Japan einen gewaltigen Aufschwung. Es kam zu einer auch westlich beeinflussten Gourmetkost, die aber früheren Traditionen der Japaner entgegenliefen. Heutzutage sagt der Gastgeber des Autors, haben die Kinder alles und verschwenden zuviel. Man ist sich in der Familie bewusst, dass wir Menschen im letzten jahrhundert dabei seien, sämtliche Ressourcen zu verbrauchen.

 

Der Großvater zeigt auf den kleinen Enkel: „Er wird wieder zu dem Leben zurückkehren müssen, das wir nach dem Krieg hatten, Reis mit der Hand anpflanzen und Rinder einsetzen, um den Pflug zu ziehen“.

 

Der Autor besucht das Odakyu Food Ecology Centre in der Stadt Sagamihara. Dort, so scheint ihm, haben sich ökonomische und ökologische Interessen geradezu verheiratet. Odakyu liefert ungenutzte Nahrungsmittel aus seinen Supermärkten, Restaurants  und Zuglinien an die Fabrik, „wo sie in Schweinefutter verwandelt werden, und kauft anschließend das Schweinefleisch zurück, um es als hochwertiges Ökoerzeugnis in den unternehmenseigenen Geschäften zu verkaufen“. Diese Bio-Einzelhandelsschleife sei das ehrgeizigste Ziel des Recycelns von Nahrungsabfällen. Das erlebt er in Japan, noch lange nicht in Europa.

 

Im Schlusskapitel beschreibt der kluge Autor seinen Weg nach UTROPHIA. Ja, Sie haben richtig gelesen, nicht nach Utopia, sondern zu der Variation des griechischen Eutrophie, was in Verbindung mit Utopia (= Nicht-Ort) bedeutet: „gute Ernährung“. In diesem imaginären Utrophia würden Bauern all ihre Kartoffeln verkaufen, ohne Rücksicht auf Form, Schönheit, Größe. Der Koch würde vom Großhändler überschüssige reife Tomaten kaufen, um sie am selben Tage zu verarbeiten.

 

Supermärkte würden überschüssige Nahrungsmittel neu an bedürftige Menschen verteilen. Sämtliche unvermeidlichen organischen Abfälle würden aufgebraucht werden, um Tiere oder den Boden zu ernähren. „Und die breite Öffentlichkeit würde lernen, die Nahrungsmittel zu respektieren, die in ihren Kühlschränken lagern – zu kaufen, was man isst, und zu essen, was man kauft.“

 

Das dekliniert der Autor noch mal konkret durch mit Mahnungen an die Verbraucher, an die Eltern („Versucht eure Kinder anzuhalten, die Mahlzeiten aufzuessen“), an die Regierungen (Förderung der „Love Food Hate Waste“-Kampagne), an die Kantinen, die Restaurants, auch die Fastfood Restaurants, die Sandwich Anbieter, die Supermärkte, an  die Fischerei und die Bauern, die wichtigste Bevölkerungsgruppe.

 

Wenn die Bauern es in unserer bisherigen Lebenszeit nicht waren, dann werden sie es wieder werden: „Verkauft, wo immer machbar, direkt an die Verbraucher. Die Gewinne können dadurch gesteigert und die aus den Ernten aussortierten Mengen um 30-90 Prozent reduziert werden“.

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