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:: Irmtraud Wäger ist hochpolitisch

Ihr Motto: "Es ist besser einem einzigen Kind zu helfen, als ein Leben lang über die Schlechtigkeit der Welt zu klagen." Biografie • Aufgezeichnet von Franz Binder • Mit einem Vorwort des Dalai Lama

Von den Tibetern wird sie Amala, verehrte Mutter, genannt. Als Irmtraut Wäger 1975 das erste Mal nach Indien reiste und mit dem Elend der tibetischen Flüchtlinge konfrontiert wurde, entschloss sie sich spontan, diesen Menschen zu helfen. Die Not der Tibeter rief ihre eigenen Fluchterfahrungen aus Ostpreußen wach.

 

Sie sammelte Gelder und leitete ab 1983 die Deutsche Tibethilfe von ihrer kleinen Münchner Zweizimmerwohnung aus. 2003 kam der Dalai Lama zum "Privatbesuch". Ihre berührende Lebensgeschichte zeigt, was ein einzelner Mensch bewirken kann.

 

„Das Leben von Ama Wäger, wie ich sie liebevoll nenne, zeigt, dass ein engagiertes Individuum in Bezug auf die Verbesserung der Gesellschaft sehr viel bewegen kann … Ihr Bemühen war für mich stets berührend und die Gespräche mit ihr sehr erhellend.“S.H. XIV. Dalai Lama im Vorwort

 

„Zuerst die anderen“ war der Leitspruch ihres Vaters, der charakteristisch ist für Irmtraut Wägers ganzes Leben. Ihre zunächst idyllische Kindheit in Ostpreußen wurde durch die Wirtschaftskrise jäh beendet. Später folgten der Verlust ihrer ersten beiden Kinder und die Flucht aus ihrer Heimat.

 

In Pee... mehrnemünde lernte sie den Raketen- und Weltraumpionier Wernher von Braun kennen, mit dem sie ein Leben lang befreundet blieb. Er wollte die „Wägerin“ sogar mit nach Nevada nehmen, denn „wenn ich sie in der Wüste auf ein Pferd setze und sage, wohin sie reiten soll, dann kommt sie dort auch an.“

 

Irmtraut Wäger blieb in Deutschland, bekam zwei weitere Kinder und arbeitete Akkord, um sich und ihre Kinder zu ernähren. Erst ein Lotteriegewinn brachte der Familie etwas Erleichterung.

 

Irmtraut Wäger kannte Tibet von den Reiseberichten Sven Hedins, Wilhelm Filchners und Herbert Tichys. Ihr Sohn schenkte ihr von seinem ersten Gehalt ihre „Traumeise“ nach Ladakh.

 

Als sie die Not und Armut der tibetischen Flüchtlinge sah, wusste sie, dass sie helfen musste. Zu ihrer Rente mit sechzig Jahren erhielt sie von ihren Kollegen erneut ein Flugticket nach Indien. Von da an war ihr Leben ganz der Hilfe der tibetischen Flüchtlinge gewidmet.

 

Was Irmtraut Wäger auszeichnete und den großen Erfolg der Deutschen Tibethilfe ausmachte, war, dass sie stets alle Hilfsprojekte persönlich in Augenschein nahm und ihr erst mit fünfundachtzig Jahren das individuelle Reisen nach Indien und Ladakh zu beschwerlich wurde.

 

Mit neunzig Jahren gab sie den Vorsitz der Tibethilfe ab und nutzt nun ihre Zweizimmerwohnung, die über die Jahre auch das Büro der Tibethilfe war, endlich für sich privat. Die schönste Auszeichnung ihres Lebenswerkes war, dass der Dalai Lama 2003 auf ein Tässchen Tee bei ihr vorbeikam.

 

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Franz Alt bei seiner Laudatio über die Chefin der Deutschen Tibethilfe

 

Irmtraud Wäger ist hochpolitisch

"Als ich Irmtraud Wäger kennenlernte, war sie 65. Ihren Beruf bei Siemens hatte sie soeben hinter sich. Sie war beseelt von einer Vision für ihren dritten Lebensabschnitt.

  • -Sie hatte Mitgefühl (compassion)
  • Sie hatte Mut - Sie war sehr lebendig und
  • Sie war bescheiden und sie hatte eine Vision.

Irmtraud Wägers Vision war das Gegenteil von einer Ideologie: Sie hat Schulen gebaut und Kindergärten, Traktoren finanziert und 20 tibetische Siedlungen unterstützt. Sie hat Trinkwasserprojekte realisiert, ein Haus für alte Tibeter erstellt und über 20.000 Kinder-Patenschaften vermittelt. Das heißt: Über 20.000 junge Tibeter können ihren eigenen Weg gehen, weil eine Frau in Deutschland ihrer Vision treu blieb. Von Irmtraud Wäger habe ich gelernt, was Hilfe zur Selbsthilfe ganz konkret und praktisch heißt. Irmtraud Wäger versteht sich nicht als Politikerin – aber was sie tut, ist beste Entwicklungspolitik.

 

Hilfe zur Selbsthilfe organisieren hieß und heißt für die heute 86 jährige zum Beispiel: Schafe und Ziegen für die Nomaden finanzieren. In der Zusammenarbeit mit Irmtraud Wäger habe ich eine eiserne Regel der Entwicklungspolitik kennengelernt: private und gesellschaftliche Hilfe ist immer und grundsätzlich erfolgreicher als staatliche Hilfsprojekte, wenn hinter privater Hilfe ein engagierter Mensch steht, der sich nicht mit den herrschenden  Zuständen abfindet. Die menschenunwürdigste Ideologie heißt: „Ich kann ja doch nichts ändern.“

 

Ihr Motto: "Es ist besser einem einzigen Kind zu helfen, als ein Leben lang über die Schlechtigkeit der Welt zu klagen."

 

Irmtraud Wäger ist auch deshalb eine würdige Preisträgerin, weil sie mit 86 Jahren noch immer Vorbildliches und Weitsichtiges leistet. Die Grenze, liebe Frau Wäger, bei der man normalerweise resigniert, haben sie längst überschritten. Das muss wohl auch mit Ihrem Namen zusammenhängen. Die Irmtraud traut sich noch immer und Wäger kommt von wagen. Irmtraud Wäger: Ihr Name ist Ihnen Verpflichtung. Sie traut sich etwas zu wagen.

 

Wir wünschen Ihnen und uns, dass sie sich noch lange trauen und noch lange etwas wagen. Und wagen und trauen, wir auch uns, liebe Freundinnen und Freunde Tibets weiterhin für die Freiheit und für die Menschenrechte in Tibet zu arbeiten. Irmtraud Wäger ist uns Vorbild.

 

Was ist das Geheimnis für die Vitalität dieser Frau? Ein Zitat des Dalai Lama kann es erklären. Er sagte 1998: "Ein Wissenschaftler präsentierte mir statistische Daten aus denen ersichtlich wird, dass Menschen, die selbstzentriert denken, viel eher der Gefahr eines Herzinfarkts ausgesetzt sind: Da man immer nur Sorge um sich selbst hat, erscheinen Probleme dann völlig überwältigend.

 

Aus einer Sorge um andere aber entwickelt sich eine innere Stärke, es entwickelt sich eine positive Atmosphäre, und dadurch erlebt man auch selbst mehr Nutzen, mehr Fröhlichkeit, eine bessere Gesundheit. Man hat mehr Freunde, und selbst Feinde können sich allmählich zu Freunden wandeln. Deshalb empfinde ich eine Haltung des Mitgefühls als etwas Wunderbares, das wir als Menschen entwickeln können. Wir alle haben das Potential dazu."

 

Sie handelte nach dem Motto: Liebe ist gesund. Und deshalb ist sie auch mit 86 noch unternehmenslustig und schaffensfroh.

 

Liebe Irmtraud Wäger: Wir freuen uns mit Ihnen, dass Sie heute gleich zwei Preise bekommen: Einmal den „Truth of Light“ und zum zweiten von der tibetischen Exilregierung den „Nurse of Compassion“ („Helferin des Mitgefühls“). Herzlichen Glückwunsch.

Quelle:

nymphenburger  verlag 2011

© Franz Alt 2011

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