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Buch-Tipp 329 von 865

:: Japan - Fukushima - Und wir

Das Buch gehörte, wenn es mit rechten Dingen zugehen würde, auf die ersten Plätze der Sachbuchbestseller, so hinreißend gut und zugleich genau ist es geschrieben.

„Et hätt noch immer jot jejange“ lautet die aus dem Rheinland überlieferte Variation des Bloch’schen Prinzips Hoffnung. „Fukushima ist ihre tragische Widerlegung“. Das schreibt Reinhard Zöllner, Historiker und Japanologe, der mit seiner Familie, seiner japanischen Frau direkt in die Katastrophe so hineingeworfen wurde, dass seine Töchter noch zu Mitautorinnen geworden sind.

 

Es enthält im ersten Teil die Geschichte des Tsunami, der am 11. März 2011 mit dem Erdbeben zusammen sich ereignete. Der eigene Sohn hatte einen Sinn für den geschichtlichen Augenblick und meinte: „Nun werden wir immer wissen, wann es begonnen hat“. Der Wecker war in dieser Nacht des Bebens auf den Boden gefallen und die Batterien herausgefallen: 14.46 Uhr. Der Autor holt eine seiner Töchter von der Schule ab, die andere Tochter war zu einem Seminar in den Distrikt Fukushima gefahren.

 

Sie hatte wegen des Ausfalls der Mobiltelefone um 16.58 Uhr eine Email abgesetzt: „Ich bin noch am Leben, alles in Ordnung“.

 

Das Buch widmet sich allen Fragen, die die Atomenergie in Japan und auch in der Bundesrepublik aufwirft. Autor Zöllner bemüht sich um eine Katastrophen-Konvergenz. Das bedeute, divergierende Sachverhalte zusammenzuführen und Widersprüche zwischen ihnen aufzulösen. Wenn sein Buch dazu etwas leiste, „zwischen Japan und Deutschland diese Konvergenz der Perspektiven auf die nukleare Erdbebenkatastrophe herzustellen, die wir Fukushima nennen“, dann habe es seinen Zweck erreicht.

 

Hilfe und Helfer sind meist im Zwiespalt zwischen der eigenen in der Herkunftsnation garantierten Sicherheit und Versicherung und dem Wunsch etwas zu tun. Das THW hatte am 11. März ein 43-köpfiges Rettungsteam geschickt, das in Tome begann nach Überlebenden zu suchen. Der deutsche Autor empfand Stolz bei dieser Nachricht, der aber nur drei Tage anhielt. Denn das THW konnte – anders als die Bewohner des Landes - seine Mission schon am 15. März abbrechen. „Vor dem Hintergrund der prekären Sicherheitslage in den Atomkraftwerken“ stehe die Sicherheit der Einsatzkräfte mit deutschem Pass an erster Stelle.

 

Die Japaner kommen an 5. Stelle. Die Japaner erfanden für die vielen – 390.000 Ausländer, die Japan nach dem 11.03. verließen – ein neues Wort: „Flyjin“, eine Variation des japanischen „GAIJIN“, Ausländer. Auch 77.000 Südkoreaner und 140.000 Chinesen flogen weg aus Japan.

 

Das, was vielleicht auch die deutsche Bundeskanzlerin empfand mit ihrer Physik- Ausbildung: Es wurde etwas durch das Beben und seine Folgen erschüttert, was, wenn die Zöllners an Japan dachten, immer da war: VERTRAUEN.

 

Erdbeben – so der zweite Teil, sind keine Naturkatastrophen, sondern Naturereignisse. Und Japan hat in seiner Forschung und Politik viel getan, um diese Ereignisse präventiv vorwegzunehmen. So gab es Erdbebenübungen noch kurz vor dem Tsunami, die auch was gebracht haben.

 

Es gab natürlich auch in Japan Wissenschaftler, die wussten, dass man mit „Katastrophenschutzmassnahmen eine nukleare Erdbebenkatastrophe nicht verhindern kann“. Deshalb, so der Forscher Ishibashi, müsse man sich bemühen, von der Atomenergie loszukommen. Dass Japan, das Großreich der Erdbeben, eine große Zahl von AKWs betreibe, sei auch gegenüber dem Rest der Welt „eine grobe Unverschämtheit“.

 

Der Autor beschreibt detailliert in seinem dritten Teil die Atomwirtschaft vor Fukushima und wie es dazu kommen konnte, dass die erste von der nuklearen Bombe so furchtbar heimgesuchte Nation sich wieder der friedlichen Nutzung der Nuklearenergie zuwandte.

 

Der vierte Teil gilt der rhetorischen Frage. Ein Paradies, geschaffen in der Hölle?, in der der Autor das japanische Lebensgefühl vor und nach der Katastrophe bilanziert. Er kann auflisten, wie viel es an regionalem Widerstand in Japan schon gegen die Schnellen Brüder und die Atomkraftanlagen gegeben hatte. Was alles in Japan an zivilem Widerstand gegen Atommeiler, auch Talsperren und den Narita Flughafen geleistet wurde, ist für den Autor ein Beleg dafür: „Der Eindruck, dass sich Japaner alles gefallen lassen, was in Tokyo beschlossen wird, ist völlig falsch“. Es könne mitunter sehr lange dauern, bis ein Kompromiss erzielt wird – oder ein Plan komplett scheitert. Aber die Japaner reagieren nicht so, wie wir und unsere Medien möchten. Das Erstaunen der westlichen Reporter gipfelte in dem Satz: „Wir haben in Fukushima und Sendai im Epizentrum des Bebens, nicht eine einzige Träne gesehen.“

 

Da wird der japankundige Autor wütend. Weder der eine noch der andere Ort hätten im Epizentrum des Bebens gelegen. Und manche deutschen Reporter hätten wohl gedacht, die bloße Kraft des anwesenden Fernsehens müsse reichen, „um sie zu Tränen zu rühren“. Zöllner besteht darauf, dass die Japaner Ängste haben und das Bedürfnis nach Sicherheit wie jedes Volk in anderen Kulturräumen. Es sei deshalb nicht wahr, dass die Japaner Stoiker sind und keine Angst kennen. Angst bedeute auch nicht automatisch Panik.

 

Es gab ein ungestümes Bedürfnis, sich selbst ein besseres Zeugnis auszustellen als der übrigen Welt. Das war ja auch schon in West- und Mitteleuropa geschehen angesichts der Katastrophe von Tschernobyl: Nach einem schweren Unfall 1999 in Tokaimura hieß es: Sobald irgendwo auf der Welt ein Unfall passierte, hieß es: „Japans Technik und Japans Techniker sind besser“ und: In Japan sei die Sicherheitskultur besser entwickelt. Einer der Wissenschaftler Koide Hiroaki, einer der „Kumatori Sechserbande“, einem Club Atomkritischer Wissenschaftler, sagt dazu: Dieser Unfall 1999 habe gezeigt, dass diese Behauptung falsch ist.

 

Es gab auch indirekte Korruption. In den vergangenen Jahrzehnten waren 68 Beamte nach ihrer Pensionierung in die Privatwirtschaft gewechselt. Der letzte Fall geschah noch im Januar 2011, als der ehemalige Leiter der Energiebehörde im Wirtschaftsministerium einen Beraterposten bei Tepco annahm. Wie auch in Europa versucht Japan seine Risiken auszulagern. Mit Vertrag von 31.10.2010 wurden zwei Atomreaktoren in Vietnam aufgestellt. Aber auch hier in Süd-Ostasien entwickelt sich die Frage des Endlagers zu einem drohenden Risikofall. Japan hat kein Endlager.

 

Das letzte Kapitel gilt den Medien und wie sie uns auf die Katastrophe vorbereiten. Der Autor hat wieder gravierende Fehler von (auch deutschen) Reportern aufgetischt. Robert Hetkämper, ARD-Korrespondent vor Ort,  habe berichtet, dass zahlreiche Obdachlose und Minderjährige in Fukushima nicht nur eingesetzt, sondern auch als Wegwerfarbeiter missbraucht wurden. Davon konnte in der Realität keine Rede sein.

 

Es geht nach Fukushima wie schon nach Tschernobyl um eine Angstfreie Welt: „Ich möchte meinen Kindern keine Angst einjagen. Sie sollen, wenn möglich, eine unbeschwerte Zeit haben.“ Das wurde den Müttern in Tokyo aus dem Mund geholt, die am frühen Morgen am Einganstor eines Kindergartens in Tokyo stehen. Deren Worte werden sprachlich umgedreht. Sie haben gesagt: „Bitte manchen Sie meinen Kindern nicht Angst. Wir sollten den Kindern ein paar unbeschwerte Stunden gönnen. Lauern sie uns nicht noch vor dem Kindergartentor auf!“

 

Aus welchem Geist dieser Forscher, Mensch und Gläubige Zöllner sein Buch schreibt, macht er am Beginn deutlich: Er erhielt den Hinweis auf Martin Luther, der 1527 gefragt wurde, „ob man vor dem Sterben fliehen möge“. Die Pest war - so Zöllner – ja damals die Radioaktivität der Zeit. Luther: Wer für andere Verantwortung trägt, die ohne ihn hilflos wären, darf nicht fliehen. Allen anderen steht es frei, zu fliehen oder zu bleiben. Das als Markstein und klarer Text für alle Helfer und Hilfsagenturen, das THW und die UN-Töchter für Japan, Somalia, Ruanda, sich nur dann darauf einzulassen, wenn man für andere diese Verantwortung tragen will.

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