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:: Naturschutz in Deutschland

„Naturschutz in Deutschland“ – ein Buch, in dem mehr über Ost- als über Westdeutschland steht, an dem mehr Ostdeutsche als Westdeutsche mitgewirkt haben, ein Buch, das viele Fragen beantwortet – und einige aufwirft. Eine Rezension von Udo E. Simonis

Gelegentlich ist es anregend, das Lesen eines Buches mit der letzten Seite zu beginnen. So findet man in diesem Buch diesen Satz: „Lassen wir die Natur unverändert, können wir nicht existieren; zerstören wir sie, gehen wir zugrunde. Der schmale, sich verengende Gratweg zwischen Verändern und Zerstören kann nur einer Gesellschaft gelingen, die sich mit ihrem Wirtschaften in den Naturhaushalt einfügt und die sich in ihrer Ethik als Teil der Natur empfindet“ (S. 319).

 

Die deutsche Gesellschaft hat sich mit ihrem Wirtschaften in den Naturhaushalt eingefügt und empfindet sich in ihrer Ethik als Teil der Natur – so müsste man die Lektüre beenden, nähme man Wort für Wort, was auf den Schutzumschlag des Buches gedruckt wurde. Dort heißt es nämlich: „Die Naturschutzpolitik in Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte…“  Da es so, wie jeder weiß, nicht ist, ergibt sich Erklärungsbedarf. Was ist gemeint, wenn von Erfolg gesprochen wird?

 

Nun, zunächst einmal sind die Autoren sehr besorgt. Etwa die Hälfte der Tier- und Pflanzenarten in Deutschland gilt als gefährdet. Hauptursache ist die Veränderung der Lebensräume – durch intensive Landnutzung, durch extensiven Flächenverbrauch und das unmäßige Zerschneiden von Lebensräumen mit Siedlungen und Verkehrswegen.

 

Was kann Naturschutz bewirken, so fragen die Herausgeber, da nicht Achtung und Ehrfurcht gegenüber der Natur, nicht Wissen und Erkenntnis das Verhältnis des Menschen zur Natur bestimmen, sondern ökonomische Nutzungsinteressen, vermeintliche Effizienz und Gewinnmaximierung darüber entscheiden? (S. 314). Und mehr noch: Mit der Entkopplung der Finanz- von der Realwirtschaft, mit Börsenspekulation auf landwirtschaftliche Produkte und Landbesitz, Preissteigerungen auf Nahrungsmittel und Globalisierung der Agrarindustrie sei die Naturzerstörung in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten extrem verschärft worden (S. 313). Und wir lebten längst im Zeitalter des Anthropozän, in dem der Mensch den Zustand der Biosphäre mitbestimmt.

 

Dieser Kontext also kann es nicht sein, auf dem sich der Optimismus der Autoren ausbreiten könnte. Ihr Fokus ist ein anderer: Es ist der Versuch einer zusammenfassenden Bewertung der Entwicklung von Nationalparken, Biosphärenreservaten und Naturparken in Deutschland in den letzten zwei Jahrzehnten. Welche Impulse haben diese Schutzkategorien dem Naturschutz in Deutschland gegeben, was haben sie für die Natur gebracht, welche Rolle spielen sie in der Entwicklung der jeweiligen Region? Was ist ihre Situation heute und wie werden sie sich vermutlich weiterentwickeln?

 

Wer sich auf diese Sicht und diese Fragen einlässt, wird mit dem Buch reich belohnt. In 34 Beiträgen betrachten 28 Autoren die Geschichte des Naturschutzes in Deutschland, ziehen eine Bilanz des ostdeutschen Nationalparkprogramms, verfolgen die weiteren Entwicklungen im vereinten Deutschland und ziehen Schlussfolgerungen für die Zukunft. So erfährt man von der zweihundertjährigen Vorgeschichte, von Vordenkern und Wegbereitern des heutigen Naturschutzes und vom Nationalparkprogramm der DDR, der spannenden Geschichte einer Zeit, in der man in der BRD von einem solchen Programm noch nichts wissen wollte.

 

Die fünf ostdeutschen Nationalparke, sechs Biosphärenreservate und drei Naturparke werden in eigenständigen Beiträgen ausführlich dargestellt – jeweils mit wunderbaren Farbbildern unterlegt, die das Buch auch zu einem Sehvergnügen machen. Den entsprechenden zentralen Begrifflichkeiten gelten drei weitere Beiträge, denen dann ein Beitrag über die „Nationalen Naturlandschaften“ als neue Dachmarke folgt (welch schrecklicher Begriff). Wir leben in einer Mediengesellschaft - gewiss. So sei es nur folgerichtig, das Anliegen des Naturschutzes über eine markante Marke zu verbreiten und sie in die beeindruckenden Bilder aus geschützten Landschaften Deutschlands einzubetten. Ob man dem Anliegen damit wirklich dient?

 

In Europa tat man sich schwer mit dem amerikanischen Konzept des Nationalparks. Es wurde zunächst nur in Schweden (1909) und in der Schweiz (1914) eingeführt. In dichtbesiedelten Ländern mit flächendeckend genutzter Kulturlandschaft wurde dieses Konzept großer, nutzungsfreier Schutzgebiete für nicht geeignet gehalten. In Deutschland dauerte es denn auch bis 1970, als im Bayerischen Wald der erste Nationalpark eingerichtet wurde (mit dramatisch-konträrer Argumentation). Alle mit dem deutschen Nationalparkprogramm von 1990 geschaffenen Schutzgebiete, einschließlich des Wattenmeers, sind inzwischen fest etabliert.

 

Die 14 Nationalparke seien, so die Autoren, ein Erfolgsmodell, eine geglückte Symbiose einer vom Nutzungsdruck befreiten Natur und einer zuvor nicht gekannten Besucherbetreuung mit vielfältigen Angeboten. Sie hätten einen hohen Grad an Bekanntheit und Beliebtheit, würden jedes Jahr von mehreren Millionen Menschen besucht. Sie hätten wesentlich zur Entwicklung eines Bewusstseins beigetragen, dass über die Landesgrenzen des föderalen Systems hinaus auch nationale Verantwortung für den Schutz des Naturerbes wichtig sei.

 

Im Jahr 1970 hatte die UNESCO das Programm ‚Mensch und Biosphäre‘ ins Leben gerufen. Die ersten beiden Biosphärenreservate in Deutschland entstanden in der DDR 1979. Erst in der Neufassung des Bundesnaturschutzgesetzes von 1998 fand die Schutzkategorie in ganz Deutschland gebührende Berücksichtigung. Im Mittelpunkt steht heute ihre Rolle als Modellregion einer nachhaltigen, dauerhaft umweltgerechten Entwicklung. Die Einrichtung von inzwischen 16 Biosphärereservaten gilt den Autoren als gelungenes Beispiel deutscher Naturschutzgeschichte, angestoßen durch das Zusammenwachsen von Ost und West.

 

Das Bundesnaturschutzgesetz von 1976 führte erstmals den Naturpark als Planungskategorie auf. Sollten es anfangs nur schöne Kulturlandschaften mit besonderer Eignung für die Erholung der Bevölkerung sein, so geht es heute umfassender um Erhaltung, Entwicklung und Wiederherstellung einer durch vielfältige Nutzung geprägten Kulturlandschaft mit reicher Naturausstattung. Die Zahl der Naturparke stieg von 64 vor der Wiedervereinigung auf inzwischen 104 an.

 

„Naturschutz ist Ländersache“, so steht es in Artikel 75 des Grundgesetzes. Mit dem Förderprogramm zur „Errichtung und Sicherung schutzwürdiger Teile von Natur und Landschaft von gesamtstaatlich repräsentativer Bedeutung“ trat 1979 ein Instrument in Kraft, das die Möglichkeit eröffnete, Naturschutzvorhaben in den Ländern durch den Bund zu unterstützen.

 

Die Schlüssel dazu sind die Begriffe „schutzwürdig“ und „gesamtstaatlich repräsentative Bedeutung“. Die Autoren sind des Lobes voll: das Förderprogramm gilt ihnen als das bedeutendste Instrument des praktischen Naturschutzes in Deutschland, das unzählige Projekte angeschoben habe (S. 249).

 

Ein Urteil, das nach der Lektüre dieses wunderschönen Buches, mit dem die Herausgeber (und einige Autoren) ein Symbol ihres Lebenswerkes geschaffen haben, eine übergreifende Forderung nahelegt: Wir erklären auch den übergroßen Rest Deutschlands als schutzwürdig und von gesamtstaatlich repräsentativer Bedeutung – und bringen so dieses bedeutende Instrument des Naturschutzes zur praktischen Vollendung.

Quelle:

Udo E. Simonis 2012 ist Professor Emeritus für Umweltpolitik am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und Kurator der Deutschen Umweltstiftung

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