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Buch-Tipp 193 von 631

:: Wie den „ökologischen Fußabdruck“ auf unserem Planeten verkleinern?

Zu einem ausgezeichneten Buch für eine ökologische und gleichzeitig gerechte Welt. Von Rupert Neudeck

Was haben die Städte Güssig, Dardesheim, Varese, Moura, Thisted, Bourke, Frederikshavn und Rockport und die Insel Samso miteinander gemeinsam? So fragen die beiden Autoren dieses Buches: Sie alle können als Pioniere des 21. Jahrhunderts gelten. Diese zugegebenermaßen kleinen Städte haben Strategien und energische Entschlüsse gefasst, eine hundertprozentige Umstellung auf erneuerbare Energien zu verfolgen. Diese Städte liegen in verschiedenen Ländern Europas, der USA und Australien und verfolgen jeweils eine andere Mischung von Windkraft, Sonnenergie, Biomasse, Biogas, Kleinwasserkraftwerken oder Erdwärmenergie, um dieses Ziel zu erreichen.

 

Das ist das Faszinierende an dem Buch, es hat eine erkleckliche Reihe an Hiobsbotschaften, die nicht zu bemänteln oder zuzudecken sind. Aber das Prinzip Hoffnung steht doch oben an. Die Autoren haben das bisher gründlichste Buch geschrieben, das sich nicht scheut, in die letzten Jahrhunderte zu blicken, um auch ein Menschheitsgeschichtliches Bewusstsein von den Leistungen unserer Vorfahren zu erreichen.

 

Ganz so eingebildet müssen wir Moderne ja nicht sein. Denn seit die Nutzung der fossilen Brennstoffe in Europa zunahm, gab es auch schon Bedenken bezüglich der Schwefeldioxid und Stichstoffdioxid Emissionen. 1852 schon nannte der Forscher Robert Angus das den „sauren Regen“. Er stellte eine Beziehung her zwischen dem verdreckten Himmel über den Städten Großbritanniens und dem Säuregehalt des Regens. Der Kampf gegen Rauch und Dreck in der Luft führte schon 1847 zu dem „Improvement Clauses Act“, der die Luftverschmutzung durch Fabriken eindämmen sollte.

 

Der Sanitary Act von 1866 und der Public Health Act von 1875 gaben die Ermächtigung an die Behörden, gegen Rauchbelästigung vorzugehen. Wer hätte das gedacht?! Auch haben wir vergessen, weil wir damals noch nicht lebten und die grenzüberschreitende Nachrichtengebung noch nicht so weit war, dass es 1952 den Great London Smog gab, der an die 4000 Menschen buchstäblich erstickte. Danach verabschiedete die britische Regierung zwei Gesetze zur Luftreinhaltung: die „Clean Air Acts“ von 1956 1968. Es wurden für die Großstädte höhere Kamine vorgeschrieben, damit sich die Emissionen von Kraftwerken und Industrieanlagen besser verteilen.

 

Heute aber weiß die real lebende Menschheit, dass die CO2 Emissionen ein globales Phänomen sind. Die Dringlichkeit der Maßnahmen zur größeren Sparsamkeit mit der Energie ist immer noch nicht richtig bewusst. 1992 gab es die erste große Weltkonferenz, wenige Monate nach dem Ende des Kalten Krieges in Rio de Janeiro. Damals aber wusste man nur, dass es höchste Zeit ist und vertagte auf die nächste Gipfelkonferenz. Nur ein eher unverbindliches „United Nations Framework Convention in Climate Change“ wurde verabschiedet. Nur das Ziel wurde einvernehmlich formuliert: „die Stabilisierung der Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre auf einem Niveau zu erreichen, auf dem eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems verhindert“ werden kann.

 

Erst im Dezember 1997 wurde im japanischen Kyoto das danach benannte Protokoll verabschiedet, das aber erst im Februar 2005 in Kraft trat und bis August 2010 von 188 Staaten unterzeichnet wurde.

 

Die eine Ausnahme, der Skandal, dass die größte Verschmutzer-Nation der Erde das Protokoll nicht unterschrieben hat, wurde nicht mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen, mit dem Herauswurf aus der UNO, mit Demonstrationen weltweit begleitet, sondern – hingenommen.

 

Das Buch erfordert ausdauernde Lektüre, denn es enthält ungekürzt die Notwendigkeiten für uns, unser Leben und unsere Politik zu ändern. Nach der Einführung beschreiben die Kapitel Eins und Zwei den Energiewandel, den wir betreiben müssen und den Klimawandel. Die Autoren beschreiben mit großer Skepsis die unglaublich kostspieligen CCS Verfahren (für Charbon Capture and Storage), die jetzt ausgekungelt werden, um unsere Erde vollzustopfen nicht nur mit Atommüll auf Jahrtausende, sondern auch mit CO2. Es geht nichts über den eindeutigen Paradigmenwechsel: Erneuerbare Energie, das ist das vielleicht wichtigste Kapitel. Das Kapitel 4 beschreibt den Weg zur Energiegerechtigkeit, das fünfte Kapitel dann die Energiesuffizienz.

 

In dem großen Kapitel über die Grüne Wirtschaft geht es darum, die beiden Hauptaufgaben gleichzeitig anzugehen: die Umwelt zu schützen und die Wirtschaft auf die Zukunft umzumodeln. Die Schaffung von grünen Jobs steht an der Spitze der Bewegung. Das 7. Kapitel widmet sich der „Erneuerung der Stadt“. Sind die gewaltigen Megastädte überhaupt noch zu retten? Nicht ohne Grund, sind es ja kleine Städte, die vorangehen mit einer totalen Umkehrung der Energieversorgung.

 

Kapitel acht geht der falschen Alternative nach: Lokal oder Global? Und löst sie auf bezwingende Weise auf: Die vergangenen Jahrzehnte waren von einem atemberaubenden Wachstum des Welthandels geprägt. Das ist eine Entwicklung, die mit der kannibalistischen Wirtschaftsweise zusammenhing, wie Jean Ziegler sie nennen würde. Wir bewegen uns heute auf „Peak Oil“ zu, die wichtigste Ressource wird immer knapper. Und, gehen wir auch auf Peak Globalisierung zu?

 

Das Kapitel 9 beschreibt problematische Technologien, damit sind natürlich die Atomkraft gemeint wie auch die Biokraftstoffe für den Autotank. Es werden auch heute weiter Kernkraftwerke und Biobrennstoffe als Lösung für die Klima und Energieprobleme angepriesen. Aber wie uns auch die totale Umstülpung des Bodens unter einer Mega-Metropole wie Stuttgart („Stuttgart 21“) als eine großartige Lösung vorgestellt wird, so haben sich hier in Stuttgart Bürger zu einer machtvollen Volksbewegung zusammengefunden. Deshalb heißt es am Ende dieses Kapitel: Es müssen bei der Einführung neuer Energietechnologien die aktive demokratische Entscheidungsfindung einbezogen werden. Es ist ja unsere Erde, die da vor unseren Augen zerstört werden soll!

 

Nein, man kann dieses glänzend und ausgeruht geschriebene Buch mit allem, was ein moderner Bürger unserer Erde 2010 braucht, nicht zusammenfassen, man kann es nur mit größtem Gewinn lesen.

 

Das Motto auch schon für die Lektüre dürfte ein Wort von Albert Camus sein: „Hoffnung bleibt für uns nur in der schwierigsten Aufgabe von allen: nämlich uns alles von Grund auf neu anzusehen, um inmitten einer sterbenden Gesellschaft eine neue, lebendige zu schaffen“.

 

Und ganz am Schluß lese ich noch mal die Ermutigung, es nicht mehr den Experten zu überlassen, in welcher Welt wir und unsere Kinder leben wollen. All das bedeute: „Wir können uns nicht länger für die Lösung unserer Probleme auf ’die’ Regierung verlassen. Wir müssen uns bewusst werden, dass es ’unsere’ Regierung sein muss. Und das bedeutet, dass wir alle unserer Demokratie neues Leben einhauchen müssen.“

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