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:: Wie die Umwelt mit Günter Jauch gerettet wird
Oder: Das Märchen vom Hasen und vom Igel. Zu einem Buch von Kathrin Harthmann. Von Rupert Neudeck
Kathrin Hartmann hat ein sehr ernstes und wichtiges Buch geschrieben. Denn so einfach lässt sich der Großkapitalismus nicht besiegen. Wie bei dem Märchen vom Hasen und dem Igel sagt er pünktlich und formvollendet immer schon uns Lesern-Bürgern-Verbrauchern: „Ik bin allhier!“ Ich bin ja schon längst da. Und wenn man mit offenen Augen durch die Welt und das heißt dann für Bürger-Verbraucher durch den Supermarkt geht, könnte man wirklich meinen, die Welt würde von den Megafirmen und den Heuschrecken gerettet. Wir hätten das bisher nur zu wenig honoriert.
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„Wer einen Kasten Krombacher Bier kauft, rettet einen Quadratmeter Regenwald. Der Mineralwasserhersteller Volvic spendiert Brunnenwasser für die Sahelzone, Ritter Sport zahlt pro Tafel und mit Iris Berben 1,4 Cent für Schulmaterial in Afrika“. Als seien wir in der besten aller möglichen Welten angekommen, in der dieselben, die Welt, auf vielfältige Art erhalten, gehätschelt und gerettet wird.
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Und die Industrie hat auch schon erkannt, dass sie diese Weltrettung am liebsten werbeträchtig mit den Nasen und Gesichtern betreibt von den Leuten, die die beliebtesten sind im Unterhaltungsgewerbe: Günter Jauch. So hat sich Krombacher Günter Jauch gesichert, also jemand, der über diese unglaublich wertvolle Ressource Glaubwürdigkeit verfügt. „Klar wollen die Bier verkaufen, aber warum auch nicht?“ sagte Jauch augenzwinkernd zu recht.
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Dann geriet das Ganze in eine in Deutschland so beliebte gerichtliche Auseinandersetzung. Diese Werbung stelle den Verbraucher vor die unsittliche Frage: Krombacher kaufen oder den Schutz des Regenwaldes zu verweigern“. Man müsste also geradezu mehr Krombacher saufen, um mehr Regenwald zu retten.
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Cause Related Marketing nennt man solche Werbung, und die haben wir von den USA gelernt. Und in der Wirtschaft nennt man das die Win-win-Situation. In der Wirtschaft werden die moralisch-ethischen Werte so inflationär verhandelt, dass es einem nach der Lektüre des Buches Angst und Bange werden kann: Nachhaltigkeit, Verantwortung, Werte, Hartmann: „Die Win-win-Strategie ist ein wirtschaftsethischer Ansatz, der versucht, moralische Probleme aufzulösen, die wirtschaftliches Handeln mit sich bringt. Win-win soll bedeuten, dass sowohl das Unternehmen Geld verdient wie der Kunde und Umweltbelange davon profitieren. Dass das natürlich alles viel dünner ist, als in der Werbung gesagt, muss man wohl nicht erklären.
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Das Buch gefällt mir, weil es nicht nur einen ernsten Vorsatz und ein wichtiges Thema für uns und die Generation unserer Kinder hat, sondern weil es auch noch frisch und aggressiv geschrieben ist. „Die Sehnsucht nach Weltrettung ist zur beinahe totalitären Hurra-Veranstaltung geworden, die suggeriert, dass jeder, der sich vorgenommen hat, auch mal eine Energiesparlampe zu kaufen, oder jeder, der im Januar darauf achte, dass die Erdbeeren, mit denen man seine Sehnsucht nach Sommer stillt, wenigstens Bio sind, schon einen wertvollen Beitrag zum Umweltschutz geleistet habe.“
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Die Autorin nennt das einen „Befindlichkeitsumweltschutz“, der eines nicht darf: wehtun oder gar einschränken.  Deshalb sind wir in einer ungeheuren Revolvierungs-Politik begriffen, die den Firmen gut tut, weil sie sich salvieren, und wir mit ihnen. Alles was abgeschmackt und falsch ist, muss man nur richtig betrachten, es vielleicht einmal umdrehen und schon kommt die richtige Befindlichkeit heraus.
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Z.B. die Abwrackprämie wurde vom damaligen Umweltminister Gabriel noch als Umweltprämie umgewidmet: „Die Leute, die ein umweltschädliches Auto fahren, tun das nur, weil sie sich kein besseres leisten können“.
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Es wirkt alles so, als ob wir uns vor der einzig klaren Konsequenz retten wollen. Die einzige Konsequenz für die gesamte Menschheit heißt: Weniger konsumieren, weniger erfinden, weniger Wachstum weltweit. Das das für die, die noch Hunger leiden nur heißen kann, dass sie sich erst mal satt essen, ist eindeutig.
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Verbotene Worte tauchen am Horizont wieder auf, wenn man das Buch liest, verpönte Worte. Das erste ist nachdenken. Nicht alles auf Spaß reduzieren. Verzicht und Askese wieder neu zur Geltung kommen lassen. Damit dem Mainstream widersprechen. Mainstream sind Johannes B. Kerner und Mojib Latif. Dass der Umweltschutz bei Kerner gelandet ist, dem „Symbol des allgemeinen Unernstes“ bedeutet, da ist er dann auch schon am ende. Die Autorin, die ja in ihrer Wut nicht gerecht sein will, sondern kräftig, sagt.
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Die „‚Kernerisierung’ der Weltrettung“ bedeutet: „Zuschauern, entspannen und bloß nicht nachdenken“. Und dazu träft dann auch ein Klimaforscher Mojib Latif bei, der sagt: „Wir wollen hier keine Verzichtdebatte führen – die Devise lautet: Klimaschutz bringt Spaß!“
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Es geht dem Buch um die gerechte Zuordnung der Bedeutungen. Unser eigenes Tun kann nicht immer gleich den Welthandel gerecht machen. Wir brauchen immer auch eine neue globale und nationale Politik: „Der faire Handel sei eine gute Einrichtung, die einer Reihe von Kleinbauern in armen Ländern ein zuverlässiges Auskommen ermöglicht.
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Die Aporien unserer Wirtschaftsordnung kann der faire Handel nicht ändern: „Fairer Handel ist nicht die Lösung für die Probleme und die Armut, die der ungerechte und ausbeuterische Welthandel in armen Ländern verursacht. Er könne lediglich die schlimmsten Auswirkungen abschwächen. Und noch deutlicher: Der Faire Handel vermag Armut allenfalls zu lindern, nicht abzuschaffen. Damit sagt die Autorin nicht, dass er unsinnig sei, nur, wir müssen die Kirche im Dorf und die Moschee in der Stadt lassen. Aporien ist ein Wort, dass ich der sprachbewußten Autorin auch lieber deutsch verwendet empfohlen hätte: es ist griechisch und heißt „Ausweglosigkeiten“.
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Die Autorin staunt immer, wer alles sich zu solchen meist unverbindlichen Kosmetik-Veranstaltungen zusammenbinden lässt. Die Rainforest Alliance vergibt auch ein Zertifikat für Kaffee, Kakao, Bananen usw. Das ist eine industrienahe US-amerikanische Umweltschutzorganisation. Dieser Biosiegel bedeutet allerdings nicht irgendeinen Bio-Anbau, das wäre glatt gelogen. Der Einsatz von Pestiziden ist erlaubt. Darüber hinaus seien auch gentechnisch veränderte Pflanzen nicht ganz verboten, sondern allenfalls „Schritte zur Vermeidung“ geboten. Es gibt bei fast allen diesen Siegeln, die wir in unseren Lände und Supermärkten mittlerweile entdecken, keinerlei Sanktion, das sind alles Titel, hinter denen nichts stehen muss. Das Rainforest Alliance Siegel sei, so sagt es ein britischer Experte ganz frei. Ein „billiger Ausweg für Unternehmen, die an einem spektakulären PR-Effekt interessiert sind“.
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Das gleiche gilt von den Bio-T-Shirts, die heute mit den entsprechenden Designerlabels überall wie Pilze aus dem Markt sprießen. Daran sind Bekleidungsunternehmen wie Otto, H&M, C&A, Zara, Nike und Levi’s beteiligt. Auch das bedeutet nicht dass ein solches T-Shirt auf biologisch angebauter oder fair gehandelter Baumwolle besteht.
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In Indien führte Monsanto – ein berüchtigter Konzern, der für die Dioxin Vergiftung der entlaubten Regenwälder in Vietnam zuständig war, . gentechnisch manipuliert sog. BT-Baumwolle ein: Bacillus.-thuringiensis-Cotton. Der US Konzern besitzt mit einem Marktanteil von 90 Prozent fast das Monopol an gentechnisch veränderten Pflanzen.Um das Saatgut zu erstehen, musste sich die indischen Bauern verschulden. Das Saatgut ist dreimal so teuer wie das genmanipulierte. Außerdem wurden diese genmanipulierten Planzen auch von Schädlingen besucht, so dass sie wieder Pestizide einkaufen mussten.100.000 Bauern sollen in den Selbstmord gebracht worden sein. Monsanto weis natürlich alles von sich, die UNO hat aber in einer Untersuchung die extreme Armut klar beschrieben: Sie sind die Folge der Abhängigkeit der Bauern von den Konzernen.
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Das Buch ist ein großer Tritt in den Bauch auch vieler NGOs, die sich manchmal haben unbewußt kaufen lassen. Sie müssen wieder politisch werden. Wir müssen wieder solidarisch und politisch sein, dürfen uns nicht in unsere eigenen vorliebe einkapseln. Die Autorin sagt es drastisch: „Wir sollten uns lieber wieder an Bäume ketten, anstatt von Autokenzernen welche pflanzen zu lassen.“
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