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:: Wie wir die wichtigste Nahrungsquelle der Welt retten können - die Meere
Globale Beschleunigung: 36.000 Km bis zum Supermarkt in San Diego. Zu einem Buch über den Fisch und was er einmal war. Eine Rezension von Rupert Neudeck
Die globalisierte Weltwirtschaft hat schon ihre verschwenderischen Tücken. In dem Buch über die weltweite Fischwirtschaft, die man ja leider schon Fischindustrie nennen muss, gibt es ganz am Ende von über 500 Seiten folgende runde Aufrechnung. Die Fischstäbchen von Hugh Liner, einem der größten Fischhändler der Welt, werden heute aus Schellfisch hergestellt, der von Fabrikschiffen im Beringmeer gefangen, direkt an Bord filetiert, zerkleinert und gefrostet werden.
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Diese Tiefkühlblöcke, so schreibt Autor Taras Grescoe weiter, sind bereits frei von Haut und Fett. Sie werden nun quer durch Kanada auf LKWs gefahren. Wenn sie vor Ort in der Fabrik eintreffen, haben sie eine Strecke von 7.000 Km zurückgelegt. In der Fabrik werden sie dann in Stäbchenform gesägt, mit Backteig überzogen und frittiert. Aber 7000 km ist nur der günstigste Fall.
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Im ungünstigsten Fall kommt ein an der chilenischen Küste gezüchteter Lachs per Containerschiff nach Dalian in China, wird dort filettiert, und wird anschließend über den Pazifik nach Vancouver geschifft. Von Vancouver aus durchrast er im Kühl-LKW ganz Kanada, um in Lunenburg verarbeitet zu werden: Das war mal ein großer Fischhafen, in dem die gesamte Fangflotte sich einfand und den dort gefangenen Fisch an den Hafen brachte. Aber die Fischer sind schon längst ausgehebelt und arbeitslos. Das ist heute nur noch ein global-industrieller Ort. Wenn dieser in Lunenburg verpackte Fisch oder die Fischstäbchen in einem Supermarkt, in San Diego landen, dann hatte dieser Lachs die sagenhafte Entfernung von 36.000 km zurückgelegt, eine Strecke von fast dem Erdumfang.
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So nimmt sich der Autor recherchierend und mit Gewinn und Lust einer Weltgegend nach der anderen an. Er kann sich überall nostalgisch zurückzuerinnern an alte köstliche Rezepte mit frisch gefangenen, auch oft exotischen Meerestieren und der Realität von Artenverlust und industriell gefertigten Menükarten. Er hält sich auch an das Thema, wie Kulturen ihre lokale Duftmarke, ihr – wie die Franzosen sagen – regionales Parfum verlieren und zu einer Welt-Unkultur werden.
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Das betrifft die ganze Bandbreite der weltweiten Touristik-und-Nahrungs-Industrie. Die alte Bouillabaisse in Marseille ist weg und man kann sich die Bouillabaisse noch als Picard Surgeles tiefgekühltes Mikrowellenprodukt auf dem Markt und in den vornehmen Hotels kaufen und essen.
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In der Römerzeit bis ins 19. Jahrhundert, so resümiert Taras Grescoe gab es an der Küste des Mittelmeeres vor Marseille den Blauflossen-Thun, der mittlerweile ganz verschwunden ist. Seit es einen aus Malta kommenden Kommissar der EU für Fischerei und Fischhandel, Joe Borg, in Brüssel gibt, gibt es wenigstens zum ersten Mal wirksame Restriktionen in der Ausbeutung des Fischbestandes im Mittelmeer.
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So ist jedes neue Regionalkapitel mit einer Lust am Fabulieren angelegt, so dass es dann ein unanständig dickes Buch von 560 Seiten in der deutschen Fassung geworden ist. Es beginnt mit New York und dem „Seeteufel aus der Pfanne“, setzt sich mit dem Königreich der Austern fort, als das der Autor die Bretagne ausmacht hat. In England erlebt er den Siegeszug der industrialisierten Form von „Fish und Chips: Panik an der Imbissbude“.
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Nach Marseille widmete er sich den Sardinen und den sehr vielen kleinen Fischen an den Westküsten von Portugal wie Frankreich. Dann greift er aus in das, was wir früher die Dritte Welt nannten: Indien mit seinem Garnelencurry und den Wogen der Fischzerstörung, die dort angerichtet wurden, in China mit der Haifischflossensuppe und Japan mit dem sattsam bekannten Thunfisch-Sashimi, dem der Autor den biblischen Nachklangtitel gibt: „Denn sie wissen nicht, was sie tun“.
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Das Buch gibt in jedem Kapitel neu die vernünftigen Warnungen vor Chemikalien durch. Der Garnelenliebhaber, so Grescoe in seinem Buch, das sich ausdrücklich an die Liebhaber solcher Nahrung wendet, sollte vorsichtig sein. „Wenn die Garnelen im Supermarktregal unnatürlich glänzen, wurden sie wahrscheinlich mit dem in der EU unter der Nummer E 451 als Lebensmittelzusatzstoff zugelassenen und als Neuorotoxin verdächtigten Pentanatrium-Triphosphat behandelt, um ein Austrocknen zu verhindern.“
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Garnelen fügt der kundige Autor hinzu, hätten einen natürlich hohen Phosphatgehalt, weshalb es so schwierig sei, Triphosphate nachzuweisen. Eine körnige Substanz auf dem Panzer könnte bedeuten, dass die Garnelen auch zur Farbstabilisierung mit ätzendem Borax behandelt wurden.
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Er selbst, so Autor Grescoe habe dem Genuss dieser Garnelen aus Intensivzucht abgeschworen. Er sei wie die Inder der Meinung, die solche Tiere als giftige Nahrung betrachten und es ablehnen, sie zu berühren. „Billige Zuchtgarnelen gehören zum Schlimmsten, was auf dem Seafoodsektor angeboten wird“.
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Die Garnelenteiche verhindern, dass weiter Reis angebaut wird. Es ist eine riesige Industrie entstanden. Man nennt sie „Aquaculture“, es ist die sog. „Blaue Revolution“ (in Parenthese zu der Grünen auf dem Land), die den Bauern nicht hilft und die Fischer vertreibt. Der Garnelenboom z.B. der Fisch-und Aquaindustrie vernichtet Lebensraum und schadet der Gesundheit.
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2006 konsumierten die Amerikaner pro Jahr zwei Kg von den eingefrorenen Zucht-Garnelen. Das sind insgesamt über eine halbe Milliarde Kilogramm- „Garnelen, die in manchen Supermärkten zum Spottpreis von 8 oder 9 Euro pro Kilo zu haben sind, werden bei Wal-Mart tiefgefroren in Fünf-Kilo-Beuteln verkauft“.
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Tiefgefrorene Garnelen werden seit 25 Jahren an Warenbörsen gehandelt wie Rohöl und Holz. Was früher mal einteurer Luxus war, ist zur Massenware verkommen und oft billiger als industriell produziertes Geflügelfleisch.
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Diese Industrie ist zum Feind der lokalen Fischer geworden. Grescoe hat einen guten Verbündeten, den Redemptoristen-Pater Thoma Kocherry in Indien: Die Europäer verstehen die Lage der Fischer nicht. In Asien leben Millionen von Fischern an den Meeresküsten. Wenn die Meere gesund sind, ist die Fischerei ein gutes Gewerbe, sie kann auch zu einem kleinen Wohlstand beitragen.
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Die Fischer in Indien verdienen besser als Fabrikarbeiter, obwohl sie als Angehörige der Unterschicht verachtet werden. Doch das kann man nur aufrechterhalten, wenn Industrieschiffe und Zuchtunternehmen kontrolliert und in Schach gehalten werden. Die Gesetzgebung sollte den Strandfischereien Priorität einräumen, und sobald ihr Überleben gesichert ist, sollte man Boote von mittlerer Größe zulassen. Heute aber seien es die Aquakultur und die großen Kutter, die Vorfahrt haben. Die Mangrovenbestände wurden überall abgeholzt. Mit der Folge, dass der Tsunami an den weiten Küsten Süd-Ostasiens noch schärfer zupacken konnte.
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Das Buch ist auch für den Leser, der ja auch ein Konsument von Fisch und Meeresnahrung ist, ganz praktisch. Was kann denn der Verbraucher von Fisch und der Garnelenliebhaber tun? Er kann mit Fangkörben und von einheimischen Fischern gefangene Garnelen (Garnelen hier nur als Teil der gesamten Palette) verlangen, bestellen, kaufen. Für uns alle kann die Garnele wieder das werden, was sie für die Großeltern noch war: Nicht irgendein chemisch gedoptes Billigprodukt, sondern eine Meeresdelikatesse, die man sich nur von Zeit zu Zeit mal gönnt.
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Es ist ein sehr ernstes Buch. Über alle auf der Welt trage das Verschwinden der Großfischer zur Vermehrung von primitiven Manteltieren bei, die die Kontinentalschelfe bedecken und das gedeihen anderer Lebensformen verhindern.
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„Gewaltige, große Quallenverbände fallen über Zuchtlachse in ihren schwimmenden Netzgehegen her und vergiften sie.“ Filtrierer, also Fische, „die ihre Nahrung aus dem Wasser herausfiltern und die einst die Meere reinigten werden massiv befischt und zu Dünger vermahlen.“
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Mit großem Eifer, so der Autor – und schneller als es je für möglich gehalten wurde – „essen wir uns hinab an das untere Ende der Nahrungskette.“ Wenn wir unser Essverhalten nicht ändern, wird die Zukunft der Weltmeere merkwürdig aussehen: wie ein einst vielfältiges Ökosystem, das durch menschliches Tun auf wenige unkrautartige und ungenießbare Arten reduziert wurde.
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Das Buch spricht durch seine Fakten zureichend und genau und klärt uns auf, wie wir uns besser ernähren können. Wir müssen das allerdings wollen.
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