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:: Winfried Kretschmann - Das Porträt

Da ist jemand, der sich nicht verbiegen lässt. Zu einem ersten Buch über Winfried Kretschmann. Von Rupert Neudeck

Das ist schon jemand, den man sich in der Politik wünscht, nicht in der Politik 1949 bis 1960, da war schon heftige Konfrontation angesagt, klare Westbindung. 2011 ist das anders. Wir Bürger wissen kaum noch, warum wir zur Wahl gehen sollen. Alle Parteien streiten am 30. Juni im Bundestag nicht über das Ziel (Atomausstieg), das gemeinsam erreicht werden soll, sondern nur, wer der Urheber gewesen ist und sein kann. Ätsch, nein wir haben das Ziel erfunden, wir waren eher dafür.

 

Das steigert Politik-Verdruss, man hat die Nase voll, man möchte nur noch die haben, die uns Bürgern und Wähler glaubwürdig erscheinen. Eher die Merkel allein ohne die Partei und den komischen Koalitionspartner. Diese FDP, die noch in einer Zeit Steuererleichterungen verspricht, wo alle Bundesbürger sagen würden: Nein, wieso jetzt Steuererleichterungen, wo wir doch erst mal von den Schulden herunterkommen müssen.

 

In dieser Zeit kommt da jemand hoch, der sagt: „Ich kann damit sehr, sehr schwer umgehen“: Er meint damit die Personenschützer, die er nun als Ministerpräsident des Bundeslandes akzeptieren muss. Oder der sagt: „Ich will nicht, dass ich wichtig bin“. Und das in einer Zeit, in der jeder mittelprächtige Fußballspieler in jeder Mannschaft der Bundesliga ein Millionär und deshalb ganz wichtig ist.

 

Einer, der sagt, er mag die Oper mehr als „Wetten dass…“, kann sich nicht sattsehen an den ästhetischen Ideen des Regietheaters. Da ist jemand, der auf diese gestanzten und vergleichsweise phantasielosen Fragen in Fragebögen, dieses Mal in der „Financial Times“ antwortet. Die Zeitung fragte, was die beste Investition seines Lebens gewesen sei: „Meine Taufe. Sie öffnet mir das Tor zum ewigen Leben“. Nicht als Witz, wo Gottschalk oder Dieter Bohlen das gesagt haben könnten: zum Totlachen. Nein ohne Umschweife, ganz ernst, ja sogar fromm.

 

Kurz, ein Lichtblick. Wird er die Landschaft bei den Grünen verändern können? Soweit, dass wir uns nicht mehr auf Sachzwänge allein werden einlassen müssen. Wird er diese modische Politsprache verweigern, mit der Worte schon Realität hubern. Z.B. hat das neue deutsche Doppeltwort „Stresstest“ eine solche Karriere angefangen, weil Test nicht mehr reicht.

 

So versauen wir auch die Umwelt. Indem wir alte klare Worte in der Versenkung verschwinden lassen. Nicht mehr Gesellschaft gibt es in der Sprache der politischen Korrektheit, sondern nur noch – „Zivilgesellschaft“. Man finanziert nicht mehr etwas, sondern man „gegenfinanziert“ etwas.

 

Und hoffentlich bleibt er bei der Vernunft, die jeder Bürger jeden Morgen und Nachmittag beleidigt sieht: Wenn sich da hunderttausende von liebenswürdigen Mitbürgern täglich in eine Blechkarosse schmeißen und allein auf den Autobahnen jeden Tag Chaos und Verärgerung anrichten. Da hat er tatsächlich gesagt, es wäre gut, wenn es weniger Autos geben würde.

 

In diesem Buch wird er zitiert mit dem Satz: Im Autoland Baden-Württemberg gäbe es mehr Menschen, die im Tourismus als in der Automobilindustrie beschäftigt sind. Er hat gesagt, er würde nicht so gern Fernreisen mit dem Flugzeug machen, sondern lieber in seiner Umgebung spazieren gehen.

 

Nein: Nicht Alarmismus und Utopismus, sondern Vernunft. Es ist auch nicht von der Wiege bis zur Bahre ausgemacht, dass diese Grünen, die unter Kretschmann ja schon erstaunlich dick geworden sind, auf ewig mit der SPD gehen müssen. Leute und Politiker wie Boris Palmer in Tübingen und Kretschmann in Stuttgart werden magisch angezogen von der Idee, es mal so richtig mit den Unionsparteien zu versuchen, wie die beiden Biographen es beschreiben. „Sie wollen keine babylonische Gefangenschaft bei einer muffigen SPD“.

 

Es ist ein schönes Buch geworden, alle Rezenten sagen, es sei zu wenig Kritik an dem Politiker, den man erst gar nicht so hochschreiben darf. Das sehe ich nach der Lektüre anders. Wenn man schon mal jemanden hat, der nicht seiner Majestät Weltverbesserer ist, aber gern mit uns allen ein besseres Leben und ein schönes Verweilen in Gesellschaft, Staat und Natur ermöglichen will, den sollen wir ruhig auch mal loben.

 

Das fällt Journalisten schwer, deshalb haben die beiden Henkels das im Ruhestand geschrieben, nachdem sie Jahrzehnte aus Stuttgart für die FR (die alte noch großformatige Frankfurter Rundschau)  berichtet haben. Das Buch haben sie vor dem 12. Mai 2011 geschrieben, dem Tag, an dem der erste grüne Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes gekürt wurde. Sich selbst lobend schreiben sie zum Schluss, dass das wegen der knappen Mehrheitsverhältnisse in Stuttgart „einen gewissen Wagemut“ abverlangte.

 

Aber mehr noch bei dem Kretschmann, der gerne Politik machen möchte für seine Polis, Baden-Württemberg, eine der schönsten Landschaften nicht nur in Deutschland, ja wahrscheinlich in Europa. Mit oder ohne Daimler, das Kapital der Naturschönheit bleibt dem Land. Platon hatte gemeint, Philosophen sollten nicht Könige werden. Ja, aber nach den Zeiten der Monarchie tun uns fromme Natur-Philosophen, Biologen und Chemiker in Deutschland und einer Republik sehr gut. Das würden Sokrates und Aristoteles und Platon heute auch einräumen.

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