Startseite
zurück zur Übersichtvorheriger Artikelnächster Artikel
Artikel 46 von 369

:: Afghanistan, ein Land muss seine Form und Freiheit selbst finden

Ich hasse die Demokratie, sagt uns ein Afghane in Herat und das ist keine Einzelmeinung, sondern eine weit verbreitete. Besuch in Afghanistan von Rupert Neudeck am 27. Janaur 2011

Warum?

Er hatte gehört, dass die Abgeordnete, die für den Wahlbezirk Herat in das afghanische Parlament gewählt wurde, sich mit ihren Privilegien jetzt schon abgesetzt hat. Sie hat sich ein Visum für Europa besorgt und ist schon einem dieser Staaten untergekommen.

 

Die Vorgängerin mit dem bekannten adeligen Namen Gailani wurde damals bei der Wahl weltweit bekannt, weil sie als „schöne Frau“ gewählt wurde. Aber sie hatte ebenso die Wahl bis zur Neige fuer das Füllen ihrer eigenen Taschen ausgenutzt, hatte einen Visahandel betrieben und ihre Kinder schon mal nach Schweden gebracht. Als sie dann nicht mehr gewählt wurde, hat sie sich auch nach Schweden abgesetzt.

 

Die demokratischen Institutionen werden ebenfalls sichtbar für die Bevölkerung untergraben: Alle größeren Posten bis zum Bürgermeister der großen Städte (nicht der Dörfer die sind zu unbedeutend) werden in Kabul zu horrenden Preisen verscherbelt. Man spricht von 230.000 Afghani (5.000US$), die für den Posten eines Polizei-Distrikt-Offiziers gegeben werden müssen. Alle demokratischen Institutionen sind verhunzt. Daraus hat der sog. Präsident Karzai ja auch schon die Lehren gezogen und eine alte afghanische Form der Demokratie wieder aus der Mottenkiste gezaubert, die Loya Jirga.

 

Die Korruption ist wie eine Staatsform geworden. Es ist nicht mehr nur ein hässliches Beiwerk, es ist geradezu das Formalprinzip dieses Staates.

 

Die erste Sorge der Afghanen liegt in der Wirtschaft begründet. Die Wirtschaft produziert nicht (mehr). Immerhin gab es mal Produktionsbetriebe, u.a. auch die von den Deutschen Unternehmern einmal eingeführten Spinzar Textilfabriken, die geradezu vorbildlich wie Krupp in Deutschland Sozialbetriebe und Hospitäler und Hotels für ihre Angehörigen aufbauten. Das Spinzar Hotel in Kabul ist ein letzter trauriger Restgeschmack davon. Die Realität afghanischer Wirtschaft: Sie besteht nur aus Konsum.

 

Dafür leeren sich in den Dörfern Afghanistans – jedenfalls an den Grenzen – diese Bereiche. In dem Dorf Tschischme Noghe z.B. 410 Familien, 45 km von Herat entfernt sind drei Viertel aller jungen oder auch arbeitsfähigen Männer illegal im Iran, weil sie in Afghanistan nichts verdienen können, im Iran wenn auch illegal doch. Es sollen schon wieder 2,4 Millionen Afghanen sich im Iran aufhalten und dort arbeiten. Junge Afghanen in ländlichen Raum können sich nicht mal den Brautpreis leisten, mit dem sie einen Hausstand aufbauen.

 

Eine Wirtschafts- und Investitionsoffensive wäre das, was Afghanistan zu Teilen auch von der Taliban Gefahr erlösen könnte. Denn darin liegt die große Gefahr, die jungen Leute laufen wieder zu den gut bezahlten bewaffneten Formationen über. Übrigens nicht nur Taliban, es gibt alte Mujahed-Faktionen von Gulbuddin Hekmatyar, die noch nicht aufgegeben haben sowie brutalste Entführungskriminalität.

 

Zur Wirtschaftsaufbau würde eine energische Anstrengung gehören, den Opiummarkt zu legalisieren und auf mindestens der Hälfte der Produktion eine lukrative Pharmaindustrie zu machen. Die Opiumproduktion schädigt den Volkskörper Afghanistans schon heute so, wie die Mullahs und Taliban nie vorausgesehen haben. Die Taliban meinten seinerzeit, man solle ruhig das Heroin produzieren, das gehe nur zu den Ungläubigen, und bei denen wäre es nicht schade, wenn sie mit dem Drogenkonsum kaputtgehen. Mittlerweile haben das Opium und der Heroin auch schon in weiten Bereichen der jungen Gesellschaft Unheil angerichtet. In Herat gibt es mittlerweile eine Entwöhnungsklinik, die großen Andrang hat.

 

Afghanistan hat Schützer, die nicht schützen, sondern die sich verbarrikadieren. Von den Italienern sieht man auf der Straße nichts mehr. 2200 Carabinieri sitzen in der Kaserne und kommen allenfalls, geschützt (!) von den Humwees der US-Amerikaner husch husch mal heraus, in dem sie durch die Straßen jagen und ganz schnell wieder zurückfahren. In der Provinz, d.h. in den Dörfern sind sie nie gewesen, weil sie auch nicht dorthin dürfen.

 

Die Bevölkerung hat mit Jubel 2010 die starke Mahnung von Präsident Obama gehört, der Karzai aufforderte, die Korruption zu beenden. Und man hat mit Freude das Signal des US-Präsidenten vernommen, dass in der Übergabe des kleinen Guantanamos in Baghram und in Kandahar an die afghanische Justiz lag. Aber mittlerweile hat sich das auch als Enttäuschung erwiesen.

 

Das was wir in Deutschland immer noch nicht wissen: Afghanistan ist kein einiges Volk. Die Afghanen sind in mehrere Voelker gegeneinander so scharf abgesetzt, dass man meinen könnte, sie seien wirklich sich spinnefeind. Wichtig wäre eine föderale Struktur des Landes.

 

Der radikale Weg, den viele in Kabul, aber auch in der Provinz vorschlagen, wäre die Trennung des Landes in ein Paschthunistan und ein Afghanistan. Aber das wird die Weltgemeinschaft nicht zulassen, denn das würde viel Chaos und entsprechend Krieg bedeuten. Das würde von unserer Seite auch bedeuten: wir beginnen in ein, zwei afghanischen Provinzen mit einer großen Partnerschaft, die regelrecht Exklusivität beansprucht.

 

Nordrhein Westfalen in Herat, Freistaat Sachsen in Khost, Baden Württemberg in Takhar – das wären die entscheidenden Sprünge, mit denen begonnen werden könnte, den untauglichen Zentralismus aufzugeben und die Dominanz der Paschthunen aufzugeben.

 

Im Grunde will man immer sagen: Noch ist Afghanistan nicht verloren, aber die größten Anstrengungen müssen die Afghanen machen und nicht die Militärs.

zurück zur Übersichtvorheriger Artikelnächster Artikel
Artikel 46 von 369

Auch im Social Web

facebook twitter youtube

Schriftgröße wählen

normal mittel gross

Suche

Worldwatch-Bericht Zur Lage der Welt 2012

http://www.sonnenseite.com/Buch-Tipps,Worldwatch-Bericht+Zur+Lage+der+Welt+2012,34,a22110.html

Jahrestag Fukushima

Menschenrechte

Rede von Kelsang Gyaltsen, Gesandter S. H. des Dalai Lama im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe des Deutschen Bundestages - mehr

www.sonnenseite.com/Politik,Rede+von+Kelsang+Gyaltsen-+Gesandter+S.+H.+des+Dalai+Lama+im+Ausschuss+fuer+Menschenrechte+und+humanitaere+Hilfe+des+Deutschen+Bundestages,95,a21395.html

Tibet

Friedensnobelpreis 2011

Der GAU von Tschernobyl

www.klimaretter.info/fotostrecken/aktuell/8428-der-gau-von-tschernobyl-im-bild

Handbuch Welternährung

www.sonnenseite.com/Buch-Tipps,Handbuch+Welternaehrung,34,a18052.html

Gemeinsam für mehr Menschlichkeit

www.sonnenseite.com/Eine+Welt,Gemeinsam+fuer+mehr+Menschlichkeit+,18,a17574.html

In Freiheit leben

www.sonnenseite.com/Buch-Tipps,In+Freiheit+leben-+das+war+lange+nur+ein+Traum,34,a16851.html

40 Jahre Andheri-Hilfe

www.youtube.com/watch?v=tylIgKEjO20

Hausgemachte Wasserkrise ohne Ende

www.sonnenseite.com/Umwelt,Blauer+Planet+unter+Hochdruck+-+Hausgemachte+Wasserkrise+ohne+Ende,16,a16608.html

Buchtipp: Fünf beherrschen die Welt

www.sonnenseite.com/Buch-Tipps,Fuenf+beherrschen+die+Welt,34,a15835.html

"Ihr habt die Gewehre, ich einen Stift"

www.sonnenseite.com/Buch-Tipps,Tsering+Woeser-+%E2%80%9EIhr+habt+die+Gewehre-+ich+einen+Stift%E2%80%9C,34,a14045.html

Wikipedia für Links

www.sonnenseite.com/index.php?pageID=7&article:oid=a10491&template=article_detail.html

Solares Fachwissen für Entwicklungsländer

www.sonnenseite.com/Buch-Tipps,Solares+Fachwissen+fuer+Entwicklungslaender+,34,a12794.html

Weltweiter Marsch für Frieden + Gewaltfreiheit

http://www.youtube.com/watch?v=a7UlMcJ-SDg

Hoffnung für Tibet

Der Dalai Lama im Gespräch mit Franz Alt mehr

Die Armut besiegen

www.sonnenseite.com/index.php?pageID=34&article:oid=a9791&template=article_detail.html

ARD: "Tränen über Tibet" Franz Alt 1995

Heimlich gedrehte Aufnahmen dokumentieren eine unvorstellbare Kulturbarbarei und ökologische Zerstörung in Tibet - unter Ausschluss der Öffentlichkeit - Video

behind-media.de/flashvideogalerie/tibet/film3.htm

Newsletter (ab)bestellen

http://www.sonnenseite.com/Newsletter,67.html

Newsletterversand kajomi.de

Jeden Sonntag einen kostenlosen NEWSletter

Bigi+Franz Alt
Chris Alt