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:: "Andy und Marwa" - Das politische Vorwort zu Jürgen Todenhöfers Buch

„Das Leben eines Kindes ist mehr wert als der Kriegsruhm aller Staatschefs der Welt zusammen“, schreibt Jürgen Todenhöfer im „Politischen Vorwort“ seines Buches „Andy und Marwa – zwei Kinder im Krieg“.
Dies ist kein Buch über die großen Akteure der Weltpo­litik. Im Vordergrund stehen nicht der amerikanische Präsident oder der britische Premierminister, Saddam Hussein oder Bin Laden. Im Vordergrund stehen zwei einfache junge Menschen, deren Leben sich durch die Entscheidungen der Großen dramatisch verändert hat, Andy und Marwa. Das Buch erzählt Weltgeschichte aus der Sicht der Opfer. Es konfrontiert die Politiker mit dem, was Krieg wirklich ist.
 
Ich möchte mit dem Buch erreichen, dass die Politi­ker wissen, was sie tun, wenn sie ihre Truppen mit pathe­tischen Worten in den Krieg schicken. Ich möchte, dass sie erfahren, was ihre in Schreibstuben entworfenen Strategien für amerikanische und irakische Kinder wie Andy und Marwa bedeuten. Ich möchte mithelfen, dass der Westen sich nie wieder verleiten lässt, einen derart sinnlosen, völkerrechtswidrigen Krieg zu führen wie den Krieg gegen den Irak.
 
Mein Buch ist ein Plädoyer für eine andere, mensch­lichere Außenpolitik. Nicht nur aus Gründen der Moral, sondern auch aus Gründen der Vernunft. Unser Erfolgs­rezept im Ost-West-Konflikt hieß „Gerechtigkeit und Stärke“. Die USA standen in den Jahren des Kalten Krieges politisch, wirtschaftlich und sozial in faszinie­render Weise für Gerechtigkeit. Ihr stärkstes Argument, unser stärkstes Argument, waren die Menschenrechte. Die Menschenrechte, und nicht die Waffen, haben die Auseinandersetzung mit der Sowjetunion zu unseren Gunsten entschieden. Die NATO musste nicht einen einzigen Schuss abgeben.
 
Gerechtigkeit und Stärke werden auch im 21. Jahr­hundert über den Erfolg unserer Außenpolitik entschei­den. Stärke, weil der Schwache in dieser Welt keine Chance hat, seine Ziele zu realisieren. Gerechtigkeit, weil Macht ohne Gerechtigkeit immer den Kern des Unter­gangs in sich trägt. Bloße Macht züchtet sich ihre eige­nen Feinde - Todfeinde, wie wir seit dem 11. Septem­ber 2001 wissen.
 
Terrorismus wächst dort, wo krasse Ungerechtigkeit und Hoffnungslosigkeit herrschen. Solange der Nahost­-Konflikt nicht fair gelöst ist - fair für Israel, aber auch fair für die Palästinenser -, solange die Golfstaaten als Hinterhof der USA missbraucht werden, solange wir die Muslime im Irak und anderswo als Menschen zweiter Klasse behandeln, werden ständig neue Generationen von Terroristen nachwachsen. Perspektivlosigkeit führt zu Hass und Gewalt.
 
Wenn wir den internationalen Terrorismus überwin­den und wirklichen Frieden herstellen wollen, müssen wir radikal umdenken. Natürlich müssen wir den Terro­rismus mit Härte bekämpfen. Aber besiegen, dauerhaft überwinden werden wir ihn nur, wenn wir der muslimi­schen Welt Gerechtigkeit entgegenbringen.
 
Ein arabisches Sprichwort sagt: „Eine Stunde Gerech­tigkeit bringt mehr als zehn Jahre Krieg.“ Diese Weisheit müssen auch wir beherzigen. Wir müssen in Menschlich­keit und Gerechtigkeit mindestens genauso viel investie­ren wie in Waffen. Nur dann wird unsere Zivilisation überleben. Nur dann hat sie es verdient zu überleben.
 
Die Führer der muslimischen Welt jedoch müssen lau­ter und deutlicher ihre Stimme gegen den fanatisch-fun­damentalistischen Terrorismus erheben. Er ist nicht nur der gefährlichste Feind des Westens, sondern auch der Todfeind der muslimischen Kultur und ihrer Werte. Die meisten Führer der muslimischen Welt haben viel zu lange geschwiegen, aus Angst, selbst ins Fadenkreuz der Terroristen zu geraten. Orient und Okzident können den Kampf gegen den Terrorismus nur gemeinsam gewin­nen.
 
 
Der Westen muss vor allem in vier Punkten umden­ken:
 
1. Wir müssen anderen Kulturen, anderen Religio­nen, anderen Völkern mehr Respekt entgegen­bringen. Muslime, Hindus, Buddhisten sind ge­nauso viel wert wie Christen und Juden. Asiaten oder Afrikaner genauso viel wie Amerikaner oder Europäer.
Es gibt im Westen einen massiven Rassismus gegen­über den Menschen der Dritten Welt, einen Rassis­mus, der nur aus Gründen „politischer Korrektheit“ nicht offen zugegeben wird. Dieser rassistische Über­legenheitskomplex ist nicht nur unmoralisch, er ist auch unklug. Nur wer andere respektiert, wird selbst respektiert.
 
Die Kunst der Außenpolitik besteht darin, sich Freunde zu schaffen und nicht Feinde. Diese Kunst scheinen einige Führer der westlichen Welt nie ge­lernt oder wieder verlernt zu haben. Wer den Ange­hörigen der Opfer des 11. September pro Person durchschnittlich 3,1 Millionen Dollar überweist, die Familien ermordeter irakischer Zivilisten aber - und auch das nur in den seltensten Fällen - mit maximal zweitausendfünfhundert Dollar abspeist, darf sich nicht wundern, dass ihm Hass entgegenschlägt. Der­artige Beträge werden in den USA für getötete Hunde oder Hauskatzen bezahlt. Ist muslimisches Blut billiger als unseres?
 
Die meisten Menschen im Westen haben vergessen, dass sie der arabisch-islamischen Kultur bis heute in Philosophie, Mathematik, Kunst und vielen anderen Dingen unendlich viel verdanken, dass die islamische Welt der westlichen Zivilisation jahrhundertelang überlegen war, dass das Land zwischen Euphrat und Tigris bereits ein effektives Staatswesen besaß, als wir noch auf den Bäumen saßen oder in Höhlen hausten - und als es die Amerikaner noch gar nicht gab.
 
Wer Respekt, Freiheit und Selbstbestimmung ernst nimmt, darf nicht versuchen, den Menschen in den muslimischen Ländern unsere Vorstellungen von Demokratie und liberaler Lebensgestaltung sowie von der Rolle der Religion in der Gesellschaft aufzu­drängen. Unser Horizont ist nicht das Ende der Welt. Wir sollten wenigstens den Versuch unternehmen, die muslimische Welt zu verstehen. Wir müssen sie mit ihren Augen, mit den Augen des Südens sehen - in unserem eigenen Interesse.
 
Gegenseitiger Respekt beginnt mit gegenseitigem Kennenlernen. Warum verlangen wir von unseren Staats- und Regierungschefs nicht mindestens drei Jahre Aus­landserfahrung, bevor wir sie auf die Menschheit los­lassen? Warum starten wir nicht einen weltweiten interkulturellen Schüleraustausch - etwa zwischen jungen Amerikanern und jungen Arabern?
 
Die deutsch-französische Freundschaft begann nach zwei schrecklichen Weltkriegen mit dem deutsch­französischen Schüleraustausch. Vorurteile und Hass überdauern nur selten gemeinsame Erlebnisse und gute Gespräche. Als junger Schüler habe ich das in einer französischen Eisenbahnerfamilie selbst erlebt. Mein Sohn Frederic hatte wegen Saddam Hussein alle Iraker gehasst, bevor er mit mir eine Woche in Bagdad verbrachte. Heute schätzt er die Menschen zwischen Euphrat und Tigris genauso wie ich. Ein einziger Besuch reichte aus, seine Vorurteile zu widerlegen.
 
Wenn die Kinder des amerikanischen Präsidenten nur eine Woche im Vorkriegs-Irak mit seinen - selbst in ihrer unbeschreiblichen Not - liebenswerten und herzlichen Menschen verbracht hätten, wenn sie er­lebt hätten, wie dieses Land durch die Sanktionen ausgelaugt und ausgehungert war, wäre es nicht zu diesem Krieg gekommen.
 
Die beiden Mädchen hätten ihren Vater ausgelacht, wenn er ihnen erzählt hätte, dass dieses erschöpft am Boden liegende Land den militärischen Riesen USA bedrohe. Sie hätten ihm gesagt, dieses Land kann man nicht mehr k. o. schlagen, dieses Land ist schon  längst k.o.
 
 
2. Wir müssen unsere Grundwerte vorleben. Die USA müssen wieder glaubwürdiges Vorbild sein. Die einfachste Form, die Welt zu verbessern, ist, sich selbst zu bessern 
Wir dürfen Unrecht nicht mit Unrecht, Terror nicht mit Terror bekämpfen. Die Qualität eines demokrati­schen Rechtsstaats erkennt man daran, wie er seine Feinde behandelt. Wir dürfen uns nicht auf das Niveau der Terroristen begeben. Wir können für die Werte unserer Zivilisation nur dann erfolgreich wer­ben, wenn wir sie selbst beachten. Es darf nicht sein, dass Diktatoren, Terroristen und Kriegsverbrecher uns dazu bringen, unsere Werte zu verraten. Jedes Land, auch die USA, muss bereit sein, die Rechtmäßigkeit seines Handelns durch den Interna­tionalen Gerichtshof überprüfen zu lassen.
 
Wer sich an das Völkerrecht hält oder seine Aktionen von den Vereinten Nationen absegnen lässt, hat von einer in­ternationalen Gerichtsbarkeit nichts zu befürchten. Dass dann Guantánamo, Abu Ghraib oder missiona­rische Angriffskriege wie gegen den Irak nicht mehr möglich wären, würde Macht und Ansehen der USA nicht schwächen, sondern stärken. Nicht nur bei ihren Verbündeten, sondern weltweit.
 
 
3. Wir müssen dem Präventivkrieg seine glorifizie­rende, patriotische Maske herunterreißen.
An­griffs- und Präventivkriege bedeuten immer Mord, Verstümmelung, Folter und Vergewaltigung. Sie wecken die niedrigsten Instinkte. Abu Ghraib war keine Panne, sondern logische Folge des Willkür­kriegs gegen den Irak. Brutalität und Menschenver­achtung sind ansteckend. Es gibt keine sauberen Angriffskriege, so wie es keine sauberen Morde und Vergewaltigungen gibt.
 
Das Paradoxe ist: Auch heute noch werden Staats­chefs nach erfolgreichen Angriffskriegen, nach der Tötung und Verstümmelung Tausender unschuldiger Menschen als Helden gefeiert. Nach misslungenen Einbruchsdiebstählen in Parteizentralen des politi­schen Gegners - wie im Watergate-Skandal - werden sie jedoch mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt. Wirft das nicht ein Schlaglicht darauf, dass sich die Menschheit in der Kriegsfrage seit der Steinzeit nicht wirklich weiterentwickelt hat?
 
Angriffskriege sind auch ein Verrat an den jungen Frontsoldaten, denen fast immer eine Verteidigungs­situation vorgespielt wird - von Schreibtisch- und Sofastrategen, die nicht befürchten müssen, dass sie selbst oder ihre Kinder eingezogen werden. Die Entglorifizierung des Angriffs- und Präventivkrieges fordert den absoluten Vorrang der Politik vor militärischer Gewalt. Krieg ist nur im äußersten Notfall als Notwehr, als Verteidigung zulässig. Hät­ten die USA die weit über hundert Milliarden Dol­lar, die der Irakkrieg bisher gekostet hat, in Entwick­lungsprojekte in der arabischen Welt investiert, so hätten sie im Kampf gegen den Terrorismus tausend­mal mehr erreicht als mit ihrem völkerrechtswidrigen Krieg.
 
 
4. Wir müssen die Würde jedes Menschen schützen - auch im Krieg. Selbst bei Verteidigungskriegen dürfen nur militärische Ziele angegriffen werden.
Die Bombardierung von Städten ist immer ein Ver­brechen. Jeder Polizeichef, der Chicago bombardiert hätte, um Al Capone auszuschalten, wäre als geistes­gestörter Mörder vor Gericht gestellt worden.
 
Was im Frieden Massenmord ist, kann im Krieg keine edle Tat sein. In der Außenpolitik dürfen keine anderen moralischen und rechtlichen Maßstäbe gel­ten als in der Innenpolitik. Solange wir das nicht ein­sehen, wird es keinen Frieden auf der Welt geben. Die Bombardierung einer Stadt ist genauso absto­ßender Terrorismus wie ein Selbstmordanschlag gegen Zivilisten oder die Enthauptung von Geiseln. Bei der Bombardierung von Städten wurden außer­dem nie die Hauptverantwortlichen wie Hitler, Sta­lin, Milosevic, Mullah Omar, Bin Laden oder Sad­dam Hussein ausgeschaltet. Die Hauptopfer waren fast immer unschuldige Kinder, Frauen und Män­ner.
 
Wer einmal ein von Bomben zerfetztes afghanisches oder irakisches Kind gesehen hat, wird die Bombar­dierung von Städten aus sicherer Entfernung immer als das ächten, was sie ist: als feigen Mord. Die Würde jedes Menschen ist unantastbar, auch die von Muslimen. Das ist keine Supermoral, kein Radikal­humanismus, das ist der Mindeststandard unserer Zivilisation.
 
Dieses Buch richtet die Scheinwerfer nicht auf die Mächtigen, sondern auf die Ohnmächtigen - vor allem auf die Kinder. Weil das Leben eines Kindes mehr wert ist als der Kriegsruhm aller Staatschefs der Welt zusam­men. Mit jedem Kind, das durch unsere Kriege stirbt, stirbt nicht nur ein Kindertraum, sondern auch ein Stück unserer Kultur und unserer Glaubwürdigkeit. Wir vergewaltigen unsere Sprache und unsere Kultur, wenn wir im Namen der Demokratie Kinder umbringen.
 
P.S.: Mit dem Honorar meines Buches „Wer weint schon um Abdul und Tanaya?“ wird in Kabul ein Heim für rund hundert kriegsversehrte Waisenkinder gebaut und in Bagdad ein Ausbildungszentrum für hundertfünfzig Straßenkinder eingerichtet. Die Bauarbeiten in Kabul sind voll im Gange.
 
Das Projekt in Bagdad konnte wegen der angespann­ten Sicherheitslage noch nicht realisiert werden. Ich hoffe jedoch, dass es bald gestartet werden kann. Die erforderlichen Mittel habe ich UNICEF bereits zur Ver­fügung gestellt. Auch das Honorar des Buches „Andy und Marwa“ wird für Kinder­heime in der Dritten Welt eingesetzt werden.
Quelle:
Jürgen Todenhöfer 2006
mit freundlicher Genehmigung des Autors
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