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Letzter Baumstreifen inmitten einer verwüstenden Steppe in der kolumbianischen Region Vichada. © John Alexander Sanchez-Aranguren

Erhöhung der Wertschöpfung durch Aufforstung von verwüsteten Trocksteppen in den Tropen am Beispiel vcn Las Gaviotas. Aus Gunter Pauli: "The Blue Economy"

Waldgärten in San Gil: Unter Schirmbäumen wachsen Kochbananen und Kaffee ohne Mineraldüngung und Pestizide © Haiko Pieplow

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:: Bäume als Regenmacher in der Steppe

Soweit das Auge reichte, lag menschenleere Ödnis. Noch vor 25 Jahren herrschte trostlose Steppe im kolumbianischen Las Gaviotas. Heute wachsen wieder Waldgärten auf über 8000 ha, und mit dem Wald kehrte auch der Regen zurück. So ernährt der Wald bereits über 200 Familien, die neben veredelten Produkten aus den Waldgärten inzwischen sogar Trinkwasser in die Hauptstadt verkaufen. In der Nachbarschaft harren noch 6,3 Millionen Hektar Steppe ihrer Rückverwandlung in Regenwald. Von Haiko Pieplow und Ute Scheub

Der Verlust der Wälder hat Auswirkungen auf unseren gesamten Planeten. Sowohl das lokale als auch das globale Klima hängen entscheidend von der Existenz der Wälder und ihres Einflusses auf den Wasser- und den Kohlenstoffkreislauf ab. Die Wälder speichern jedoch nicht nur große Mengen an Kohlenstoff, sie bieten auch Nahrung, Energie, Baumaterial und Lebensraum. Sie stabilisieren das Wetter und die Verteilung der Niederschläge. Die Verdunstung der Bäume gleicht Temperaturschwankungen aus. Die Wälder sind unendlich viel wertvoller als das bloße Holz ihrer Stämme oder der Boden auf dem sie stehen. Wo die Wälder vernichtet werden verlieren auch die Menschen ihre Lebensgrundlagen.

 

Las Gaviotas in der Orinoco Savanne im Osten Kolumbiens ist so ein Beispiel. Vor zwei Jahrhunderten hatten aus Europa kommende Siedler den Regenwald für die Rinderzucht abgeholzt und die Ureinwohner vertrieben. Überweidet und ohne den Schutz der Bäume wurde die fruchtbare Oberbodenschicht rasch abgeschwemmt und verweht. Der Boden verarmte und lag bald ungeschützt unter der Äquatorsonne. Wo einst Regenwald die Heimat unzähliger Tier- und Pflanzenarten war, konnte niemand mehr überleben. Die Region wandelte sich zu menschenleerer Ödnis. Der Boden schien nichts mehr wert zu sein.

 

Bäume für den Regen

Heute kann man in Las Gaviotas sehen, dass es möglich ist, eine vom Menschen verwüstete Region mit Hilfe der Natur wieder in einen wirtschaftlich ertragreichen Regenwald umzuwandeln. Als der Kolumbianer Paolo Lugari 1984 mit der Vision nach Las Gaviotas kam, aus einem heruntergewirtschafteten Land wieder einen lebenswerten Ort zu machen, hielten ihn viele für einen Träumer. Zehn Jahre später waren bereits 5.000 Hektar aufgeforstet, derzeit sind es 8.000 ha. Weitere 45.000 ha sind bereits von der Regierung an die Initiative übergeben worden. Weitere 6,3 Millionen ha des von den kolonialen Siedlern verwüsteten Landes könnten folgen und wieder Waldgärten werden. Das entspricht immerhin der Fläche der Benelux-Staaten.

 

Für die meisten etablierten Wissenschaftler war das ein Ding der Unmöglichkeit. Die Böden waren zu sauer, die Sonne zu heiß, das Wasser zu knapp. Doch dank der Innovationskraft und des Willens von Paolo Lugari hat die Wirklichkeit die Wissenschaftler eines Besseren belehrt. Heute leben in Las Gaviotas bereits wieder 200 Familien mit einer gesunden Zukunftsperspektive. Das Anpflanzen von Bäumen brachte den Regenwald mitsamt seiner biologischen Vielfalt erstaunlich schnell zurück. Die Böden haben sich regeneriert, speichern Kohlenstoff und sorgen wieder für ausreichend sauberes Wasser.

 

Paolo Lugari, der charismatischer Erfinder und Gründer von Las Gaviotas, erklärte mit einfachen Worten, warum die Entfernung des Regenwaldes zur Versteppung führte: „Unter der tropischen Sonne heizt sich der Boden extrem auf, sobald die schützende Vegetationsdecke fehlt. Wenn die Bodentemperatur höher ist als die der Luft, verdunsten die Niederschläge, ohne lang genug im Boden gespeichert werden zu können. Dadurch ist für die meisten Pflanzen zu wenig Wasser vorhanden. Wenn es über der Steppe regnet, regnet es kurz, aber ungeheuer heftig, wodurch es auf dem unbewachsenen Boden zu verheerenden Erosionen kommen kann. Die Versteppung schreitet voran und es bilden sich wüstenartige Landschaften.“

 

Um trotz dieser extremen Bedingungen wieder zu einem Wald zu kommen, wählte Lugari die Karibische Kiefer als Pionierpflanze zur Neubepflanzung aus. Die Pfahlwurzeln dieser Bäume können aus tiefer liegenden Bodenschichten Wasser ansaugen und verbessern zugleich die Infiltrationskapazität des Bödens für die seltenen, dann aber heftigen Niederschläge. Die filigranen Nadeln der karibischen Kiefer verdunsten zudem nur relativ wenig Wasser. Um die Kiefern in den extrem ausgelaugten und übersäuerten Böden (pH 4) jedoch überhaupt zum Anwachsen zu bringen, mussten deren Wurzeln mit Mycorrhiza-Pilzen inokuliert werden. Sobald die schnell wachsenden Kiefern groß genug waren, um etwas Schatten zu spenden, wurde es unter den Bäumen kühler und feuchter. Samen, die im Boden ruhten oder von Vögeln mitgebracht wurden, konnten wieder keimen. So kehrte Schritt für Schritt der Regenwald mit seiner Artenvielfalt zurück. Heute gibt es in Las Gaviotas wieder 250 Baumarten.

 

Durch die Verdunstung der Bäume und die geringere Aufheizung des Bodens ist auch die Atmosphäre über dem Wald kühler als über den umliegenden Steppenflächen. Vor allem aber entsteht durch die Verdunstung des Waldes eine Thermik aufsteigender Luftmassen, an der sich die vom Wind über die Steppe getriebenen Luftmassen aufstauen und aufsteigen, wobei sie sich abkühlen. So kommt es zur Wolkenbildung und aufgrund der in der Höhe weiter abkühlenden Temperatur kondensiert das Wassers eher, als über der heissen, trockenen Steppe, womit es zu lokalen Regenschauern kommt.

 

Innerhalb von 10 Jahren nahm auf diese Weise die Regenmenge in der Gegend des Waldstücks um 10% zu, vor allem aber verteilten sich die Regenfälle regelmäßiger über das Jahr. Die versiegten Quellen begannen erneut zu fließen. Kristallklares Wasser wird nun sogar in speziellen Flaschen, die auch zum Bauen benutzt werden können, als Trinkwasser nach Bogotá verkauft. Der Harz der Karibischen Kiefer dient als Rohstoff für die Farb- und Papierindustrie. Palmenöl von Palmen aus Mischkulturen, werden zu Treibstoffen verarbeitet, die nun nicht mehr aus großer Entfernung herbeigeschafft werden müssen. Innerhalb von 20 Jahren ist der Boden wieder so fruchtbar geworden, dass sich der Bodenpreis im Vergleich zur umliegenden Steppe um das 3000fache erhöht hat.

 

In Las Gaviotas wird nun auch wieder das Wissen der Indigenas genutzt. Waldgärten werden mit alten Sorten als Mischkulturen bepflanzt. Und zur Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit in den Gemüsebeeten wird Pflanzenkohle angewendet, die aus den reichlich vorhandenen Holzresten selbst hergestellt wird. Die über 200 Familien von Las Gaviotas können sich mittlerweile auf eine fast ausschließlich lokal erzeugte Lebensmittelversorgung stützen.

 

Weitere Initiativen für Waldgärten im Norden Kolumbiens

Wiederaufforstung ist inzwischen auch für die kolumbianische Universität San Gil ein wichtiges Thema. Die Kleinstadt San Gil liegt 400 Kilometer nordöstlich von Bogotá, in einem auch für den Tourismus attraktiven Kaffeeanbaugebiet. Die Hochschule von San Gil entwickelt in ihrer Region Vorhaben im Sinne einer solidarischen Ökonomie und hat in den letzten Jahren mit lokalen Frauenkooperativen sehr erfolgreiche Projekte begleitet.

 

So wächst z.B dank einer Fraueninitiative in Barichara, unweit von San Gil, seit drei Jahren ein neuer Wald. Das Projekt in Barichara wird durch private Mittel finanziert. Die Frauen nutzen das Wissen der lokalen Bevölkerung, welche Bäume am besten wachsen. Sie legten die in der Region typischen Wasserrückhaltebecken an. Schülerpatenschaften übernehmen das Pflanzen und die Pflege der Bäume mit dem Effekt, dass verlorengehendes Wissen wieder praktisch vermittelt werden kann. Durch die Zusammenarbeit mit den Leuten vor Ort sind Kosten für die Baumsetzlinge sowie die Ausfälle bei neu gepflanzten Bäumen sehr gering. Die Erfahrungen von Las Gaviotas und Barichara können sich gegenseitig befruchten und sind Motor für ähnliche Projekte.

 

Rund um San Gil gibt es noch viele Waldgärten. Kaffee wird dort meist in kleinen Betrieben unter Schirmbäumen gemeinsam mit Papaya, Zitrusfrüchten, Maniok, Mais und Bohnen angebaut. Etwa zehn Kilometer von San Gil produzieren Isabel und Thomas Garcia auf ihrer 30 Hektar großen Ökofarm Kaffee und Kakao. Durch die biologische Vielfalt in ihren Waldgärten können sie auf Pestizide vollständig verzichten. Seit einigen Jahren stellen sie aus den organischen Abfällen ihres Betriebes Bokashi her, der insbesondere zur Düngung der Kaffeebäume genutzt wird. Effektive Mikroorganismen werden ebenfalls für die unterschiedlichsten Zwecke eingesetzt.

 

Von der Wirkung von Pflanzenkohle haben sie durch Mitarbeiter der Universität San Gil gehört, die nach einem Terra-Preta-Seminar mit Haiko Pieplow erste praktische Erfahrungen gesammelt haben. Die Garcias werden gemeinsam mit der Hochschule San Gil beginnen, bei der Herstellung von ihrem Bokashi auch Pflanzenkohle einzusetzen. Die Pflanzenkohle könnte aus den ausreichend verfügbaren Holzresten im eigenen Betrieb hergestellt werden. Weiterhin könnte sie auch helfen, Geruchsprobleme bei der Behandlung von Abfällen aus der Kaffeeproduktion zu beseitigen.

 

Ein Terra Preta Beispiel aus den Schwimmenden Gärten von Mexico

In Xochimilco südlich von Mexiko City wurde und wird Pflanzenkohle eingesetzt. Das Nahuatl-Wort Xochimilco bedeutet „Ort, wo die Blumen wachsen“. Die „Schwimmenden Gärten“ galten einst als „achtes Weltwunder“ und wurden 1987 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Sie bestehen aus zahlreichen verzweigten Kanälen, die an den Brandenburger Spreewald erinnern und fruchtbare Flächen für den Anbau von Blumen, Gemüse und Früchten umspülen.

 

Diese üppige Gartenkultur hatte die dichtbesiedelte Hauptstadt der Azteken Teotichlán versorgt, bevor die spanischen Kolonisatoren sie zerstörten und auf ihren Trümmern Mexiko City erbauten. Vor der Ankunft der Spanier verteilten sich die Gärten auf einem riesigen Seengebiet. Die Azteken füllten Flöße aus Schilf mit Seesedimenten, düngten sie mit tierischen und menschlichen Exkrementen und befestigten sie mit Weidenwurzeln. Dieses spezielle Terra Preta ähnlich Erd-Humus-Gemisch wurde zur Basis der vielleicht fruchtbarsten Gartenkultur der Welt und ermöglichte mehrere Ernten pro Jahr. Rund 30 Quadratmeter reichten offenbar aus, um eine Person rund ums Jahr zu ernähren.

 

Zum Vergleich: Die industrielle Agrowirtschaft von heute benötigt dazu rund 1.800 Quadratmeter in tropischen und etwa 4.800 Quadratmeter in den kälteren Industrieländern. Obwohl die Kolonisatoren Seen und Kanäle weitgehend zerstörten, wurden auf den „Chinampas“, wie die schwimmenden Gärten auch heißen, selbst noch in den 1950er-Jahren täglich 500 Tonnen Gemüse, Früchte und Blumen geerntet und mit Booten auf die Märkte von Mexiko City verbracht.

 

Heute ist das Wasser verschmutzt, die Inseln sind festgewachsen und stark geschrumpft. Das Weltkulturerbe ist bedroht. Auf den übrig gebliebenen Flächen wachsen indes weiterhin Salatköpfe, Fenchel, Spinat und Radieschen. „Die Felder sind magisch“, so ein Vertreter der Vermarktungsunion der dort wirtschaftenden 1.600 Bauern. Ihre Vorfahren hätten jahrhundertelang den Schlamm aus den Kanälen aufs Land geschöpft, ohne jede Düngung seien sie weiterhin extrem ergiebig. Wenn es überhaupt nötig sei, dann stellten sie mit Holzkohlepulver die Fruchtbarkeit der Felder wieder her.

 

 

Las Gaviotas hat auch die von Gunter Pauli gegründete Zero Emission Research Initiaive (www.zeri.org) inspiriert und gilt als ein Beispiel für die Blue Economy (www.blueeconomy.de)

Quelle:

Haiko Pieplow und Ute Scheub 2012

Artikel im Ithaka Journal 2012

Mit freundlicher Genehmingung: Delinat-Institut für Ökologie und Klimafarming 2012

 

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