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Vertraut und befreundet: Der Dalai Lama und Autor Franz Alt kennen sich von vielen Begegnungen, 14 TV-Dokumentationen hat Alt über das Oberhaupt der Tibeter gedreht. © Marcus Gernsbeck
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Artikel 157 von 415

:: Der Sinn des Lebens ist Glück

Seine Botschaft ist knapp und eindeutig. Wer den Dalai Lama nach dem Sinn des Lebens fragt, bekommt zwei Worte zu hören: „Be happy – Sei glücklich“. DerMann lebt, was er sagt, und sagt, was er lebt.

Bei einem Pressegespräch in Hamburg sagt der tibetische Friedensnobelpreisträger und ranghöchste Buddhist auf unserer Erde, der Zweck seiner Reisen sei, die Menschen zum Glück anzustiften: „Denn wenn der Einzelne glücklich ist, ist es auch die Familie, das überträgt sich auf die Gesellschaft und auf die ganze Menschheit.“ Sein großer Wunsch, den er heute überall auf der Welt vorträgt: „Lasst uns ein Jahrhundert des Friedens und des Glücks schaffen.“ Wie aber soll das konkret und praktisch gehen, frage ich ihn. „Zuerst kommt die eigene innere Abrüstung, die persönliche Friedfertigkeit. Erst danach bekommen wir auch die äußere, die militärische Abrüstung. Das ist die realistische Reihenfolge.“ Ohne mehr inneren Frieden kein äußerer Frieden!

 

Kritiker werfen dem Dalai Lama vor, er schreibe und rede „zu einfach“ und auf dem Niveau von „Kalendersprüchen“. Doch die wahren Werte unseres Menschseins wie Liebe, Hoffnung und Vertrauen sind einfach. Die wirklichen Vorbilder unserer Geschichte wie Buddha, Jesus, Lao Tse oder Mahatma Gandhi sprachen immer einfach und eindeutig. Der Dalai Lama ist wohl deshalb auf der ganzen Welt so beliebt, weil er seit seiner Flucht von Tibet nach Indien vor 50 Jahren konsequent Gewaltlosigkeit lehrt und lebt. Seit bald 60 Jahren wird sein Volk auf dem Dach der Welt von Chinas Besatzungsmacht unterdrückt, aber der gute Mensch von  Lhasa bleibt konsequent bei seinem buddhistischen Pazifismus.

 

In den letzten 26 Jahren habe ich den Dalai Lama 25mal getroffen und 14 Fernsehsendungen mit ihm produziert. Es ist jedesmal ein bewegender Moment, wenn der „Papst des Ostens“ eine Bühne betritt. Er füllt auch große Stadien und erreicht selbst dort die Herzen der Menschen mit seiner einfachen Botschaft. Tausende erheben sich aus Respekt. Der Tibeter winkt bescheiden und fröhlich den Besuchern zu, schaut aufmerksam ins Publikum als wolle er jeden Einzelnen begrüßen.

 

Die natürliche Herzlichkeit des „Gottkönigs“ und sein gurgelndes Lachen lassen jede Befangenheit rasch verfliegen. In Berlin sprach er 2008 vor 22.000 Menschen am Brandenburger Tor, winkt während einer Übersetzungspause ein Kind zu sich, schenkt ihm ein Bonbon und freut sich wie ein Kind, weil das Kind sich freut. Bei einem Besuch im Ruhrgebiet hatte er wenig Zeit für Journalisten und Politiker, aber vier Stunden, um in einem Kindergarten Drei- bis Sechsjährigen zuzuhören.

 

Vor vier Wochen erhielt er in Baden-Baden den Deutschen Medienpreis. Hunderte von Journalisten wollten den Dalai Lama auf dem Roten Teppich fotografieren, aber er ging auf eine behinderte Journalistin zu und erkundigt sich nach ihrem Befinden. Ein Hotelier, der ihn in seinem Haus als Gast begrüßen durfte: „Noch bei keinem anderen Prominenten  hatte ich so sehr das Gefühl, dass ich im Augenblick unserer Begegnung für ihn der wichtigste Mensch der Welt bin.“

 

Vor 50 Jahren, am Nachmittag des 17. März 1959, musste der 14. Dalai Lama nach einem Volksaufstand der Tibeter gegen die chinesische Besatzungsmacht bei eisiger Kälte und heftigen Schneestürmen über die Himalaya-Berge nach Nordindien fliehen. Am 31. März 1959 betrat er indischen Boden und erhielt vom indischen Premier Pandit Nehru politisches Asyl.

 

Der jetzt 73-jährige ist seither der prominenteste Flüchtling der Welt und von einer doppelten Mission beseelt. Er wird sich bis zu seinem Lebensende für Gewaltlosigkeit in der ganzen Welt einsetzen (Bushs Irakkrieg hält er für „ein Desaster“), und für mehr Menschenrechte sowie für religiöse und für politische Freiheit in Tibet. „Das ist meine Verantwortung als Dalai Lama“, betont er immer wieder. Als religiöser Führer und Mönch will er in erster Linie die Harmonie unter allen Völkern fördern und vor allem die Harmonie zwischen Chinesen und Tibetern. Der Dalai Lama gilt den meisten Tibetern immer noch als „Gottkönig“.

 

„Der Gott zum anfassen“ hat ihn der „Spiegel“ genannt. Auf diesen zweifelhaften Titel angesprochen, lacht der Dalai Lama sein weltbekanntes Lachen und meint schließlich: „Ich bin doch nur ein einfacher Mönch.“ Was denkt er eigentlich über die Anrede „Heiligkeit“?

 

„Alle Titel sind Blödsinn“. Und wenn jemand wissen will, ob er „als Gottkönig“ über Heilkraft verfüge, scherzt „Seine Heiligkeit“ ziemlich derb: „Wenn ich tatsächlich über heilende Kräfte verfügen würde, täte mir im Augenblick mein linkes Knie nicht so schrecklich weh. Aber das tut es.“

 

Warum fühlen sich immer mehr Deutsche – auch viele Christen – von Charisma und von der sanften Lehre des Dalai Lama so angezogen? Jeder dritte Deutsche hält bei Umfragen den Tibeter für den „weisesten Menschen unserer Zeit.“

 

Die Menschen trauen dem Dalai Lama, weil er auch ihnen vertraut, auch Änderungen zutraut. Dies gilt privat und politisch. Und dies, obwohl er auch von Politikern enttäuscht wurde. Vor über 50 Jahren hatte er zehnmal mit Mao Tse-tung verhandelt – über mehr Freiheit für Tibet. Vergeblich. Dennoch hat er sein Urvertrauen ins Leben und gegenüber allen Menschen bewahrt. Beim Fall der Mauer war ich mit ihm und Petra Kelly in Berlin. Bürgerrechtler gaben ihm eine brennende Kerze in die Hand und hievten ihn auf die Mauer zu den tanzenden Menschen. „Diesen Augenblick werde ich nie vergessen“, sagte er mir später. „Seither weiß ich ganz genau, dass auch Tibet eines Tages frei sein wird. Der Mauerfall war ein großer Sieg der Gewaltfreiheit.“

 

Seit seiner Flucht ist die Heimat des Dalai Lama ein einziges Gefängnis. Als meine Frau in Tibet heimlich einen Fernsehfilm drehte, fragten wir mindestens 50 Tibeter nach ihrer Meinung zu ihrem religiösen und politischen Führer. Ohne auch nur eine Ausnahme sagten alle: „Der Dalai Lama soll zurückkommen. Erst dann können wir wieder glücklich sein. Die Chinesen behandeln uns schlimmer als Tiere.“

 

An den vielen friedlichen Protesten in Tibet vor einem Jahr nahmen zuweilen bis zu 10.000 Menschen  teil. Menschenrechtsverletzungen der chinesischen Besatzer bestimmen Tibets Alltag: Politische Gefangenschaft, Folter im Gefängnis, Strafen für die Bekundung des Freiheitswillens, ja selbst für den Besitz eines Bildes vom Dalai Lama sowie Repressionen gegenüber der Religion. Mitte Februar 2009 – während der Dalai Lama in Deutschland war - sind wieder hunderte Mönche inhaftiert worden. Die Chinesen wollen die Mönche „umerziehen“.

 

Er lacht über das große Theater, das wirMenschen spielen

Der Dalai Lama ist wohl der toleranteste Religionsführer unserer Zeit. Millionen lieben ihn wegen seines unerschöpflichen Humors. Eine Schweizer Radio-Journalistin hatte in Indien ein Interview mit ihm geführt. Doch die Kollegen in ihrer Redaktion meinten, dieses Interview könne man nicht senden, weil der Dalai Lama immer lache. Bei seinem nächsten Europabesuch versuchte es die Kollegin noch einmal und bat den Dalai Lama, doch bitte nicht zu lachen. Er hielt sich daran. Aber kaum war das Aufnahmegerät abgeschaltet, musste der Interviewte minutenlang lachen.

 

Ein Journalist wollte wissen, was das größte Menschheitsproblem sei.  „Das starke Bevölkerungswachstum“, war seine Antwort. Und wie sei dieses Problem zu lösen? „Wenn mehr Menschen ins Kloster gehen, löst sich das Problem von selbst“, kicherte „Seine Heiligkeit“. Und wie steht der Religionsführer zum Sex? „Sex entspannt, macht aber auch viel Ärger.“

 

Wie viele Bücher er geschrieben oder an denen er mitgearbeitet hat, weiß er gar nicht. Aber seine Mitarbeiter schätzen, dass allein im deutschsprachigen Raum 60 Bücher erschienen sind, an denen er mit wirkte.

 

Warum und worüber der Dalai Lama immer lacht, werde ich oft gefragt. Wohl auch über das große Theater, das wir Menschen auf dieser Erde so gerne spielen. Der Mann meditiert schließlich jeden Morgen zwischen vier und sieben Uhr.

 

Der Dalai Lama gibt dem spirituell ausgehungerten Westen einen Sinn – und zwar in verständlicher und nachvollziehbarer Form. Hinzu kommt seine Authentizität. Der Mann lebt, was er sagt und sagt, was er lebt.

 

Teil 4: Interview: Der Dalai Lama „Ich werde nach Tibet zurückkehren“ mehr

Quelle:

© Franz Alt 2009

Erstveröffentlichung "Salzburger Nachrichten" | 07.03.2009

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