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:: Die Wüste lebt wieder

Der „Ehrendeutsche“ Abdulkarim Ahmed Guleid macht eine ganz neue Entwicklungspolitik - von Rupert Neudeck.
Ich hatte ihn lange nicht gesehen, aber nicht aus dem Kopf und dem Herzen verloren: den Somali-Äthiopier Abdulkarim Ahmed Guleid, mit dem wir am 10. Mai 1980 von Paris Orly aus mit einem Air France Jumbo zu einer ersten grossen Somalia Operation gestartet waren. Die Stationen dieses spannenden Lebens von Abdulkarim Guleid sind schnell aufgezählt. Bis 1985 arbeitet er als Teamleiter in Nord-Somalia für die deutschen Not-Ärzte/Cap Anamur. Vorher hatte Abdulkarim Betriebswirtschaft in Deutschland studiert.
 
Er war seit 1973 in Deutschland und hatte dann eine Leitungsstelle von Siemens in einem arabischen Land angeboten bekommen. Dann 1985 ging er zurück nach Somalia. Dort versuchte er seinen Landsleuten klarzumachen, wie man aus dem Pastoralismus der Somalis gewinnbringend und die eigene Kultur bewahrend herauskommen kann.
 
Dann geriet er in die bis heute nicht beendeten Wirren des Kampfes um die Nachfolge von Siad Barre, der 1990 gestürzt wurde. Er wechselte notgedrungen dann das Land (schon zu des Kaisers Zeiten war er als Somalia ein Offizier der äthiopischen Armee, was damals 1970 sensationell war). Er wird äthiopischer Staatsbürger und beginnt ein Leben als LKW Unternehmer, dann ab 1996 Leiter der humanitären Organisation „Hope for the Horn“, in Somali Rajada Geeska.
 
Wir haben übrigens beschlossen, eine lockere Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Organisationen zu starten. Einerseits wollen wir für die Aktivität von Abdulkarim und Hope for the Horn (HFH) hilfreich sein in Deutschland: Wenn es darum geht, ihm ein Bulldozer-Set für den Bau weiterer Dämme in der riesengroßen Streusandwüste Ost-Äthiopiens zu organisieren (z.B. Bundeswehr). Zum anderen möchte HFH Kontakt haben zu deutschen Mikrokredit-Organisationen, die im Gefolge der Grameen Bank von Mohammed Yunus für die Ärmsten der Armen einstehen und sie aufwerten.
 
Zum Dritten wollen wir uns gemeinsam dafür einsetzen, dass tatkräftige und versöhnungsbereite Gläubige auf dieser Welt sich besonders eng zusammenschließen. In Äthiopien gibt es weiter eine Koexistenz, ja sogar Harmonie zwischen den beiden großen Religionen, dem orthodoxen Christentum und dem Islam.
 
Die Wüste lebt wieder
Dieser Organisation HFH kann es noch gelingen, die Wüste in dem Teil Äthiopiens wieder zum Leben und zum Produzieren zu bringen. Die ersten der sieben Zonen des grossen Provinzstaates „Somali Regional State“ sind dabei wieder zu atmen. Diese Luft verdanken sie der Arbeit Abdulkarim Guleid. Seine Organisation hat bisher 13 Dämme gebaut und unzählige Zisternen. Um die Dämme ist für zehntausende seiner Mitbürger eine sichere Zone entstanden. Man hat jetzt wieder das, was in solchen „remote areas“ ebenso wesentlich ist wie Strom und Energie, nämlich Wasser. Auf dieser großen riesigen Fläche in der Gegend um die Hauptstadt des föderalen Staates hatten sich zigtausende von Flüchtlingen in der Zeit nach 1989 niedergelassen, die die Natur und den Boden zerstört und verwüstet haben. Dort hat Abdulkarim Guleid eine Zisterne und eine Baumschulkooperative aufgebaut, die bis heute in den letzten drei Jahren 7,8 Mio. Baumsetzlinge produziert hat. Die meisten hat Abdulkarim mit seiner Organisation bei seinen Somalis in der Region um Jigjiga und Gaschammo verteilen lassen.
 
Hope fort he Horn, HFH macht alles richtig. HFH bohrt nicht überall den Boden nach Brunnen an (hier muss man bis 300 Meter tief bohren). Mit der Folge, sagt Abdulkarim, dass der Wasserspiegel unter der Erde noch weiter sinkt. HFH sammelt das Regenwasser in riesigen Dämmen und Water-Catchments schützt sie durch Zäune und regt eine explodierende Produktion an. Das ist die neue ökologische Entwicklungspolitik, die in der Zukunft alles ändern wird.
 
Es sind alles einheimische Fachleute, die der in Deutschland ausgebildete Betriebswirt Abdulkarim Guleid einsetzt. Er hat seine Wander- und Lehrjahre gemacht, in Deutschland, mit deutschen Organisationen auch in Somalia. Er macht jetzt alles ganz effektiv und verändert das Bild der sich schnell verwüstenden Landschaft heftig.

Man möchte drei Guleids haben für Äthiopien, dann wäre es noch toller. Diese Organisation kann man zwar NGO nennen, aber es ist eine ganz andere Form von Agency, die nicht von privaten Mitteln aus der Bevölkerung leben kann. Sie muss sich an die großen Geldgeber wenden, an die Japaner, die Briten, die Niederländer, die EU. Abdulkarim braucht einige Bulldozer und Grader für den Bau der Dämme, die er baut, in dem er nicht die Natur verändert, sie nur anders arrangiert. Im Grunde geht es HFH um erneuerbares Wasser, das in Zukunft so wichtig sein wird wie erneuerbare Energie: Man speichert das Wasser, das einem auf den Kopf fällt und pumpt mit nicht viel Energieaufwand das Wasser aus den Speichern der Erde. Die Dämme verhindern, dass bei dem großen Regen das Wasser einfach verschwindet.
 
Abdulkarim Ahmed Guleid schlägt ein neues Buch auf, wie schon Nobelpreisträger Mohammed Yunus und die Chinesen ein ganz neues aufgeschlagen haben. Die Chinesen haben uns bei der Rückkehr aus dem Feld des Ogaden in dem Hotel in Awash vertrieben, sie haben ein Hotel okkupiert, das so einfach ist, dass vornehme europäische Helfer und Berater das nicht akzeptieren würden. Die Chinesen, so lacht jemand aus meiner Somali Begleitung, kennen keinen Urlaub. Ich hatte geargwöhnt, die Chinesen wären von  ihrer Baustelle auf der Strasse Harar nach  Jigjiga mal zu einem Wochenendurlaub gefahren. Sie bauen, gewinnen jeden Tender und machen die Strassen, die Brücken, die Häfen in einem Jahr so fertig, dass alles sitzt. Kanzlerin Angela Merkel  hat es im März gesagt bei einer Konferenz in Berlin: Wenn das Projekt bei der EU gelandet wäre, hätte man in einigen Jahren vielleicht die Studie fertig.
 
Die Chinesen brechen in ‚unseren’ Kontinent ein und wir empören uns. Sie tun es ohne Bedingungen. Aber was waren denn in 35 Jahren unsere Bedingungen wert, ausser dass sie in einem Anstieg an Korruption und zum Verlust von Geldern geführt haben.

Die Mikro Kredite des Nobelpreisträgers Mohammed Yunus werden erst jetzt entdeckt,. dabei waren sie schon bekannt, als er vor 15 Jahren mit der Grameen Bank anfing. Zusätzlich zu der ökonomischen Erleichterung bringen diese Kredite die Fähigkeit der Ärmsten der Armen ans Tageslicht, selbst Unternehmer ihrer Sache zu sein. Und sie führen auf diesem krummen Wege zu einer ganz neuen Form von Stolz, der in der Würde eines Menschen legt, der nicht mehr gefüttert wird.
 
Abdulkarim Guleid ist der Typ der neuen Organisation gelungen, die das Prinzip von erneuerbarem Wasser und erneuerbaren Energien und der Arbeit mit den Agro Pastoralisten ganz besonders beherrscht. Nur mit seinesgleichen wird Entwicklungspolitik noch sinnvoll sein. So deutet sich eine Wende an, die Berater-Bataillone sollten sich auf die Tage einstellen, da sie entbehrlich sind. Diese Tage kommen früher als sie sich im Eigeninteresse wünschen.
 
Der „Ehrendeutsche“ und Richard von Weizsäcker
Der Somali Abdulkarim Guleid war zweimal Subjekt deutscher Politik. Einmal als er als Hochbegabter junger Absolvent der Fallschirmspringer Brigade im äthiopischenn Harar ein Stipendium der deutschen Entwicklungspolitik bekam. Das war 1973, als er anfing, in Dortmund in drei Monaten deutsch zu lernen, dann in Pforzheim und in Konstanz Betriebswirtschaft zu studieren.
 
Dann 1990 noch zur Zeit und vor dem Sturz des Roten Kaisers Haile Mariam Mengistu. Wir hörten plötzlich, dass Abdulkarim Guleid im Gefängnis in Addis Abeba saß. In unserer Not, immer hin war er unser bester Freund, auch der persönliche Freund, wussten wir uns nur zu helfen, in dem wir an den damaligen Bundespräsidenten schrieben. Ich schrieb Präsident Richard von Weizsäcker: Er hätte das Recht, diesen Brief auch in den Papierkorb zu werfen, denn es gehe darin nicht um einen deutschen Staatsbürger. Aber Abdulkarim Guleid sei ein Ehrendeutscher, der sich für deutsche Projekte und Hilfen ganz besonders jahrelang eingesetzt hatte. Und was geschah?
 
Richard von Weizsäcker, der Präsident aller Deutschen, hat den Brief nicht in den Papierkorb geworfen. Er schrieb uns, er habe die Zuständigen stellen im Auswärtigen Amt gebeten, alles zu tun, was in ihrer Macht stehe, damit Abdulkarim Guleid freikommt. In der Tat meldete sich jemand von der deutschen Botschaft, Abdulkarim Guleid wurde freigelassen, die deutsche Botschaft gab ihm ein Visum, er konnte nach Deutschland fliegen.
 
Für Guleid ist das immer noch der realutopische Wunsch: In Afrika mögen Regierungen entstehen, die sich um ihre eigenen Staatsbürger so kümmern, wie das der deutsche Bundespräsident für einen “Ehrendeutschen” getan hat.
Quelle:
Rupert Neudeck 2007
Grünhelme 2007
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