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Rupert Neudeck auf den Trümmern des von Israel-Bomben zerstörten Gewerkschaftshauses in Gaza Stadt. © r.neudeck@t-online.de

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:: GAZA schreit vor wütendem Hunger und Not

Israel hat wieder den gesamten Gaza-Streifen in totale Dunkelheit gesperrt. Vor 25 Tagen hat es das einzige Kraftwerk von Gaza geschlossen. Israel weigert sich, genügend  Nahrungsmittel für die 1.5 Mio. Palästinenser nach Gaza hineinzulassen. Jedes normale menschliche Leben ist hier nicht mehr möglich. Zu einem erschütternden Bericht eines Gaza Journalisten. Von Rupert Neudeck

 

Ich habe mir das Schreien wieder abgewöhnt. Aber heute wurde ich wieder mir bewusst, wie viel Schuld wir durch Schweigen auf uns laden, wenn wir schreien müssten. Ich bin zu Beginn des Jahres 2008 in Gaza gewesen, überraschenderweise hat man mich über den hermetisch geschlossenen Übergang, hermetisch für Palästinenser geschlossen, hinübergelassen.

 

 

Aber es hat sich nichts verbessert

Heute bekam ich von einer Menschenrechtskämpferin Dorothy Naor in Israel einen Notschrei, der mir so durch die Adern und Kopf und Herz gegangen ist, dass ich mich wieder als die feige Memme durchschaut fühlte. Dorothy Naor ist eine der bewunderungswürdigsten Einzelkämpferinnen, die für die Menschenrechte nicht nur der Juden, sondern auch der Palästinenser eintreten.

 

Vor einigen Jahren hat sie mir den Kopf gewaschen, sie ist mit mir und ihrem "richtigen" Auto, mit dem man in Palästina überall durchkommt, auch in die Siedlungen gefahren, der jüdischen Siedler. Denn sie hat natürlich einen Wagen mit Israel-Kennzeichen und kann all die Straßen, die durch die Westbank und Palästina geschlagen wurden, selbst unbehindert und nicht kontrolliert fahren. Ich wollte ihr nicht glauben, dass die Siedler auch Olivenhaine verbrennen, Bäume ausreißen, Palästinenser schlagen und bedrohen in ihren eigenen Dörfern. Dorothy Naor hat es mir gezeigt.

 

Sie hat uns in Deutschland jetzt wieder zur Ordnung gerufen. Sie hat uns den Notschrei eines Palästinenser im Gazastrip, der auch noch Photojournalist ist, Sameh A. Habeeb, geschickt. Gaza stirbt langsam, „Gaza is slowly dying“, schreibt Habeeb uns. Und das ist ein Aufruf für uns alle, die wir, in welcher Weise auch immer, uns gewaltlos wehren.

 

Das Wissen um solch einen Schrei allein ist nicht ausreichend, schreibt Dorothy Naor aus Tel Aviv. Diese Situation dürfen wir nicht andauern lassen. Israel muss dabei gestoppt werden, diese Grausamkeiten fortzuführen, die in letzter Instanz auch das Leben von Israelis kosten werden. Wenn Menschen die Hoffnung verlieren, dann wenn sie nichts haben als nur noch ihr Leben zu verlieren, dann wird ihnen das Leben wertlos und es ist für sie leicht, es wegzuschmeißen.

 

Sameh A. Habeeb schreibt uns aus Gaza: Israel habe wieder den gesamten Gaza-Streifen in totale Dunkelheit gesperrt. Vor 25 Tagen hat es das einzige Kraftwerk von Gaza geschlossen.

 

Die Stromabschaltungen betreffen natürlich alle Aktivitäten und Aspekte des täglichen Lebens. Es gibt kaum noch Trinkwasser und wenig Wasser zum Bewässern. Es gibt nicht genügend Wasser, die Scheiße in den WCs wegzuspülen. In Zimbabwe hat die Regierung schon den Zustand einer massenhaften Cholera erreicht, wann wird es in Gaza losgehen? Millionen Liter ungeklärtes Wasser verdirbt und vergiftet das Mittelmeer täglich.

 

Israel weigert sich, genügend  Nahrungsmittel für die 1.5 Mio. Palästinenser nach Gaza hineinzulassen. Nach dem Notstandskomitee (Committee against the Siege) gibt es nicht mehr genügend Milch, Haferflocken, Kochöl, Fleisch, Reis, und Gemüse. Nur 15 Prozent, schätzt das Komitee, der benötigten Nahrungsmittel, werde durch die von Israel hermetisch kontrollierten Grenzen gelassen. Die Basismedizin gibt es nicht mehr. Lebenswichtige medizinische Maschinen wie der Computer-Tomograph (CT) oder das Röntgen können nicht mehr funktionieren.

 

Hunger ist nicht mehr eine Frage, sondern nur, wann der große Hunger wirklich ausbrechen wird. Das hatte ich z.B. bei meinem Besuch vor einem Jahr nicht für möglich gehalten. Aber es ist jetzt der Fall.

 

Jedes normale menschliche Leben ist hier nicht mehr möglich. Khalil Barakat sagt in dem Küsten-Flüchtlingslager: „Wir werden hier wie die Tiere in einen großen Käfig namens Gaza gesperrt. Wenn ich für den Rest meines Lebens hier weggehen könnte, würde ich das sofort tun.“

 

Eine junge Mutter, die der Autor befragt, Um Muhammad Abu Ouf, muss in der Dunkelheit ihr 11 Monate altes Baby versorgen. Sie kann oft  die Milch nicht warm machen, das Kind nicht genügend waschen. „Ich konnte in keinem Laden mehr irgendetwas an Babynahrung finden, auch nicht mehr Windeln, auch keine Milch. Kinder müssen dort sterben.“

 

Dabei kam ein Schiff aus Libyen, das 3000 Tonnen an Nahrungsmitteln an Bord hatte. Diesem Schiff wurde die Landung in Gaza von der Israelischen Navy verwehrt. Begründung: Man hätte Waffen an Bord (als ob man das nicht prüfen könnte?!).

 

Ein Boot des Emirats von Qatar sollte Zypern in diesen Tagen verlassen, um das gleiche zu tun wie das lybische. Es sind wohl auch Boote von der Türkei, Kuwait und Jordanien gemeldet. Leider kein Schiff von Deutschland. Dabei hätte es in der Bevölkerung einen Menge Zuspruch, wenn man das Geld zusammen hätte und könnte ein kleines Schiff mit Nahrung von Zypern losschicken.

 

Die Absicht der Israelischen Besatzung besteht darin, dass die Gaza Bevölkerung kapitulieren und ihre Rechte aufgeben wird. Samer Habeeb zitiert einen älteren Bürger, der ihm sagte: „Wir waren jetzt 60 Jahre geduldig. Wir haben schon ähnliche Zeiten erlebt. Warum sollte wir dieses Jahr aufgeben?“

 

Es muss geschrieen werden

In diesen Tagen feiert die Welt, auch die Deutschen, auch die Bundesregierung den 60. Jahrestagung der Verkündung der UN-Charta für die Menschenrechte. An drei Stellen wurde in der Welt gegen die Menschenrechte gesündigt. Die Nato griff ohne Zustimmung des UN-Sicherheitsrates in Serbien und Montenegro militärisch ein, 1999.

 

1994 verweigerten die westlichen Staaten der Bevölkerung in Ruanda ihre Hilfe, als dort der grässliche Völkermord verübt wurde. Und der Westen tut bis heute gar nichts, um die seit 40 Jahren verbindlichen UN-Resolutionen 224 und 338 durchzusetzen, die Israel zwingen, sich von den im Juni 1967 besetzten Territorien in der Westbank und im Gaza Streifen zurückzuziehen.

 

Wir müssen auch etwas tun

Es werden am 7. Dezember im Beisein des wundervollen Menschenrechtsaktivisten Uri Avnery in Berlin im Haus der Kulturen zwei kleine Gruppen ausgezeichnet mit der Carl von Ossietzky Medaille: Die Widerstandsleute von Bil’in, die bis heute jede Woche gewaltlos gegen die Mauer demonstrieren und die „Anarchisten gegen die Mauer“. Wir müssen aus Deutschland ebenfalls ein Boot nach Gaza schicken.

 

 

Sie können helfen:

Konto   200008

Deutsche Bank München

BLZ 70070024

Unter dem Stichwort Hilfe für Gaza

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