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:: "Meine Heimat, Eure Heimat"

Daniel Barenboim lebte einige Jahre in Jerusalem. Er hat einen israelischen Pass und einen palästinensischen. Ein Brief von Rupert Neudeck an Daniel Barenboim.

Lieber Daniel Barenboim auf der Erde,

lieber Immanuel Kant im Himmel,

 

wir sahen Sie, Daniel Barenboim, beim Neujahrskonzert im Fernsehen, wir fühlten, wie schwer es Ihnen wurde, den Satz auf englisch so auszusprechen, dass er nicht zynisch klingen würde: „We hope, that 2009 will be a year of peace and of human justice für the Middle East.”

 

Darauf gab es großen erlösenden Beifall. Nun wurde das Konzert auf Grund elektronischer Möglichkeit zwei Mal ausgestrahlt, am 1. Januar als regelrechtes Weihnachtskonzert live im ZDF. Und am 3. Januar in der ZDF Dependance 3sat. Da war die Lage in Palästina noch düsterer geworden: Wenige Stunden zuvor war die Armee Israels im Gaza Streifen auch am Boden einmarschiert.

 

Es gibt keinen Trost mehr, es gibt nur noch einen Haufen von Feigheit, Lügen und selbstverschuldeter Unmündigkeit.

 

Dass die Vergleiche, die uns von Seiten der Interessenvertreter und Sprecher des Staates Israel hier in unsere Ohren und Augen gepflanzt werden, z.T. absichtlich falsch sind, macht nichts: Sie sind gut gemeint. Und bei Israel haben wir uns angewöhnt, das für ausreichend zu finden. Der Redakteur einer mittelgroßen, aber nicht unbedeutenden Zeitung im Rheinland – ein Beispiel für viele andere in Deutschland - schreibt in einem Leitartikel: Israel macht das alles mit vollem Recht. Man müsste sich ja nur vorstellen, wie Frankreich reagieren würde, wenn es aus dem Baskenland in den letzten Monaten Raketen auf sein Gebiet bekommen hätte?!

 

Kein Wort darüber, dass man nur bei Verdrehung aller Gesetze der Erkenntniskritik und Logik auf diesen imaginären Vergleich kommen kann: Das Baskenland war in den letzten 40 und 60 Jahren nicht einen einzigen Tag von Frankreich besetzt, schon gar nicht militärisch. Frankreich hatte nicht eine einzige Siedlung von Franzosen, Nicht-Basken dort angelegt und die mit seiner glorreichen Armee bewacht.

 

Der Vergleich dient dazu, uns Sand in die Augen zu streuen. Wir sollen nämlich vergessen, was wir schon längst vergessen haben: Dass sowohl der Gazastreifen wie die Gebiete auf der Westbank von Israel völkerrechtswidrig besetztes Gebiet sind. Wir sollen vergessen, dass dort gegen jedes Recht, auch gegen mein und Ihr Rechtsempfinden in dem Gebiet eines ‚anderen’ Landes andauernd und ohne Ende weitere illegale Landnahme stattfindet, klarer gesagt: Landraub, und auf diesem Landraub werden Siedlungen mit z.T. auch für Israelische Staatsbürger sehr unappetitlich auftretenden Vertretern der eigenen Religion und Nationalität gebaut und gegründet. Die eigene Armee natürlich immer dazu, weil ja eigene Staatsbürger geschützt werden müssen.

 

Das ist ja von Nord-Ossetien, Abchasien, Tschetschenien bis zum Kosovo und Bosnien immer wieder ein neuer Trick geworden: Man siedelt auf fremden Gebiet widerrechtlich erst mit der Kraft der eigenen Militärs Menschen der eigenen Hautfarbe an, die man dann bei großer, selbstverschuldeter Gefährdung dann schützen, freikämpfen muss.

 

Es lohnt nicht mehr, große Worte zu machen, die verfangen ja nicht. Es wird nicht mal der ehrenwerte Versuch des Rolf Mützenich (SPD_MdB aus Köln) schaffen, zu sagen, lasst uns die Vergangenheit einfach beiseite tun und uns jetzt in diesen Stunden darauf konzentrieren, wie man Frauen, Menschen, Babies, Großmütter, die ihr Leben schon verdient haben, Großväter schützen und versorgen kann. Aber da sagt Israel, nein, wir machen erst mal die Bodenoffensive.

 

Clausewitz hat den Satz gesagt, der Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Bei Israel fragen wir uns: Welcher Politik denn? Wenn es um die Sicherung der Existenz Israels geht, muss es aber bald eine Politik geben. Sie, lieber Danial Barenboim, der Sie die Bewohner auf beiden Seiten kennen, wissen, dass mit militärischer Gewalt, Besetzung und Landraub die friedliche Verständigung mit den Nachbarn zerstört wird. Und ohne friedliche Verständigung gibt es auf Dauer keine Sicherheit.

 

Man muss heute klar sagen, Israel macht nichts weiter als seine Besatzung blutiger und waffenstarrender. Das Schlimme ist, dass wir in der Bundesrepublik Deutschland uns vor der Publikation des Aufsatzes von Immanuel Kant befinden: „Was ist Aufklärung?“ (Königsberg in Preußen, 30. September 1784). Der erste Satz heißt damals: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“

 

Wir Deutschen haben die schwierige Aufgabe, diese Unmündigkeit zu brechen, für die wir niemanden verantwortlich machen können, weder eine Partei, die CDU nicht die SPD, die SPD nicht die CDU, noch eine Kirche noch die Gewerkschaften, nicht mal die Arbeitgeber. Wir hängen da alle drin. Und auch die, die jetzt auf „die Merkel“ schimpfen und geradezu sich in Kritik überschreien, haben nicht zugehört, dass der deutsche Außenminister und potentielle SPD Kanzler das gleiche Wort für Wort gesagt hat.

 

Wir alle müssten eigentlich exercitia politica democratica machen, ein Moratorium, eine Woche nichts mehr erklären, nichts kommentieren, um endlich aus dieser Unfreiheit herauszukommen. Damit ist dann noch gar nichts für die Betroffenen geleistet, aber wir wären dann vielleicht in der Lage, überhaupt wieder anzufangen zu begreifen, dass unser uncoditional surrender of reason, unsere Aufgabe des Menschenverstandes vor der Israel Politik möglicherweise diesem Land nicht hilft, auf Dauer, sondern es gefährdet.

 

Schon damit wir diese Beleidigung des Verstandes nicht mehr anhören müssen, die darin besteht, dass uns gesagt wird: Aus dem Baskenland schwirren dauernd Raketen und was tut dann Frankreich?

 

Lieber Daniel Barenboim, wir müssen uns aus der Pose des Mitspielers verabschieden, wie in Haydns Abschieds-Sinfonie Nr. 44, wir müssen einfach diese Exerzitien machen und dann uns wieder zu Wort melden. Ich plädiere für ein Moratorium mit folgenden Aufgaben, für alle Schulen, Zeitungen, Medien:

 

  • Gibt es schon den Staat Palästina in anerkannten Grenzen?
  • Warum erkennen wir das Ergebnis der Wahlen von 2006 nicht an?
  • Ist die 2006 gewählte Regierung erst durch den Putsch 2007 an die Macht gekommen?
  • Gibt es einen realen Präsidenten in Ramallah?
  • Ist das in Gaza Stadt eine Regierung?
  • Ist der Gazastreifen weiter besetzt?
  • Ist er nur wieder neu besetzt, heute auch mit Israel Soldaten?
  • Darf ein Staat einfach anderes Gebiet besetzen, Siedlungen mit Elektrozäunen bauen lassen und seine Armee dorthin schicken, um diese illegalen Siedler zu schützen?
  • Ist das ein Zustand, der in Zeit und Raum ausgedehnt werden darf?

Erst wenn wir diese Fragen vernünftig beantworten, mit der Kritik der praktischen Vernunft, dann dürfen wir am Beginn des Jahres dem Immanuel Kant im Himmel oder im Grab in Königsberg sagen, wir sind dabei, uns aus unserer Unmündigkeit zu befreien. Lieber Immanuel Kant im Himmel und lieber Daniel Barenboim auf der Erde, helfen Sie  uns doch ein bisschen, denn das fällt uns schwer.

 

Ein gutes neues Jahr trotzdem, Ihr Rupert Neudeck

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