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:: Mit Solarlampen gegen wilde Elefanten

Shantipura heißt Friedensdorf. Vor 20 Jahren stand hier im südindischen Bundesstaat Karnataka bei Mysore noch kein Haus. Heute leben 1200 Menschen im Friedensdorf und die indische Regierung preist Shantipura als Musterdorf für ökologische Entwicklung auf dem ganzen indischen Subkontinent mit seinen 1,1 Milliarden Einwohnern. "Indien", so hatte Mahatma Gandhi schon gesagt, "besteht aus seinen 700.000 Dörfern."
Indiens Präsident Abdul Kalam in Neu Delhi hatte mir versichert: "In 50 Jahren werden wir in Indien zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umgestiegen sein. Im Angesicht der Klimakatastrophe haben wir gar keine andere Wahl. Erneuerbare Energien sind unsere Rettung. Indien hat viel Sonne, viel Biomasse und an seinen Küsten riesige Chancen für Windenergie. Wir schaffen das."
 
Auch der indische Minister für erneuerbare Energien hatte mir gesagt: "Schließlich ist Indien das erste Land der Welt mit einem eigenen Ministerium für erneuerbare Energien. Mein Ministerium gibt es schon seit 1982."
 
Ein Milliardenvolk auf dem Weg zu 100 Prozent erneuerbare Energien?
Sollte es in Indien gar schneller vorangehen mit der solaren Energiewende als in der Europäischen Union? Und: kann Indien den Umstieg überhaupt bezahlen? Mit diesen Fragen im Kopf fuhr ich voller Zweifel nach Shantipura, ins Friedensdorf.
 
Bei der Begrüßung im Friedensdorf sagte uns der Bürgermeister: "Frieden heißt für uns selbstverständlich auch Frieden mit der Natur. Deshalb sind wir hier bereits zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umgestiegen. Wir wollen dem ganzen Subkontinent zeigen, dass es geht."
 
Beim Gang durch das Dorf, das sich vor sechs Jahren mit Rosi Gollmann, die Gründerin der Hilfsorganisation Andheri Hilfe Bonn,  schon einmal besucht hatte, komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Damals hatte jedes vierte Haus eine Biogasanlage. Heute hat beinahe jedes Haus eine Biogasanlage.
 
Der Mist einer Kuh reicht aus für den Gas- und Stromverbrauch einer kleinen Familie. Größere Familien haben oft zwei Kühe. Mit Wasser vermischt und von Bakterien durchsetzt wird alle Energie über Biogas umweltfreundlich gewonnen. Früher war das Holz für ein Essen oft teurer als die Mahlzeit selbst.
 
Jede vierte Familie hat in Shantipura eine kleine Photovoltaikanlage auf dem Dach und eine Solarlampe, in der Solarstrom über eine Batterie gespeichert wird, im Haus. Die Lampe brennt vier Stunden am Abend. Das reicht aus, um auch für die Kinder Licht zu erzeugen, damit sie ihre Hausaufgaben machen können. Der zehnjährige Felix und seine sechs Jahre alte Schwester Shwetharini sagen mir im Schein ihrer Solarlampe abends beim Hausaufgaben machen: "Dieses Licht ist viel heller als früher die Kerzen und es brennt jetzt nicht mehr in den Augen."
 
Ihre Eltern frage ich: "Wie haben sie die Photovoltaikanlage finanziert?" "Das ist weit preiswerter als früher das Kerosin oder Kerzenlicht“, erklären sie. Ihre Solaranlage und die Solarlampe können etwa 20 Jahre funktionieren. "In dieser Zeit hätten wir fünfmal mehr Geld für die alten Energiequellen ausgeben müssen. Solarenergie spart Geld, ist viel gesünder und umweltfreundlich."
 
Ich staune. "Die Sonne kostet doch nichts“, sagt mir die Vorsitzende einer Frauengruppe. Mir fällt das typisch deutsche Vorurteil ein, das ich in Deutschland ständig höre und lese: "Erneuerbare Energien sind einfach zu teuer."
 
Im Friedensdorf lachen die Menschen über diesen deutschen Einwand. Finanziert haben sie ihre Sonnenenergie mit einem günstigen Minikredit von ihrer Bank. Die meisten haben Zins und Tilgung nach etwa einem Jahr zurückbezahlt. Die indische Regierung übernimmt 40% der Herstellungskosten und orientiert sich dabei am deutschen erneuerbaren Energiengesetz, hatte mir Präsident Kalam versichert. Auch die Biogasanlagen im Dorf wurden mit Hilfe eines Bankkredits finanziert.
 
Im Ökodorf Shantipura arbeiten die Bauern nach den Kriterien des ökologischen Landbaus. Biobauer Josef, der mit seiner Frau Marianna zwei Hektar Land bewirtschaftet und sechs Kühe hat, frage ich, warum er vor sechs Jahren von konventioneller Landwirtschaft auf die Biolandwirtschaft umstieg. Seine Antwort: "Unsere Erde ist heilig. Wir dürfen sie nicht durch Chemie zerstören. Am Anfang hatte ich etwas weniger verdient. Aber in Zukunft verdiene ich mehr. Meine Böden haben jetzt höhere Erträge. Als Biobauer geht es mir einfach besser und ich habe ein gutes Gewissen. Viele meiner Nachbarn machen es mir jetzt nach."
 
Alle vier Töchter von Josef und Marianna studieren inzwischen. Marianna hingegen hatte nie eine Schule besucht. 10 Prozent der Bauern im indischen Bundesstaat Karnataka sind bereits Biobauern - in Deutschland ist es weniger als die Hälfte.
 
Die Entwicklung des Ökodorfs Shantipura wurde vor 15 Jahren von der Hilfsorganisation Andheri Hilfe Bonn angestoßen. Die Andheri Hilfe arbeitet inzwischen in Indien in über 7000 Dörfern an ähnlichen Entwicklungen. "Diese positive Entwicklung gibt es in den nächsten Jahren in den meisten unserer 700.000 Dörfern", sagt Indiens Minister für erneuerbare Energien.
 
"Mit Solarlampen vertreiben wir inzwischen nachts die wilden Elefanten von unseren Feldern“, hatte mir der Bürgermeister von Shantipura versichert. Er muss wohl den Zweifel in meinem Gesicht bemerkt haben. Als ich am nächsten Tag genau dazu einen großen Bericht in der angesehenen "Hindu Times" las, waren freilich meine Zweifel beseitigt. Denn die Kollegen beschrieben, dass früher wilde Elefanten in vielen Dörfern Südindiens nachts die Felder zertrampelt und die Ernte vernichtet hatten. Nachts hatte es in den Dörfern nämlich keinen Strom gegeben. Aber mit Hilfe von Solarlampen und mit Solarstrom aufgeladenen Zäunen sei auch dieses Problem lösbar geworden. Vielleicht verstehen wir Deutsche dieses für indische Bauern existentielle Problem deshalb nicht, weil es hierzulande schon lange keine großen wilden Tiere mehr gibt.
Quelle:
Franz Alt 2007
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