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:: Nairobi: Eindrücke aus einer Stadt voller Gegensätze
Die deutsche Studentin Caren Alt hat bei der Uno-Organisation Unep in Nairobi ein Praktikum gemacht. Für e.velop berichtet sie über ihre Erfahrungen mit Land und Leuten, aber auch über ihre Visionen, die sie mit den Menschen dort teilt.
Sie ist von dem Land und ihren Menschen fasziniert, die so viel Lebensfreude und Optimismus ausstrahlen. Hautnah erlebt sie die Slums und ist beeindruckt von der Eigeninitiative der Menschen, die etwas verändern wollen.
Eine internationale Mischung und krasse Unterschiede
Ein grünes parkartiges Gelände, abseits der abgasverschmutzten Hauptstadt Kenias: Hier lag für die letzten vier Monate mein Arbeitsplatz. Der Hauptsitz des Umweltprogramms (Unep) und des Programms der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen (Un-Habitat) ist von einem Waldstück umrundet. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wohnen meist nicht weit entfernt in abgesicherten Wohngebieten mit Security, waldartigen Gärten und Hausangestellten. Ich selbst bin hier von der UN in einem Haus mit vierzehn Praktikanten und Praktikantinnen aus aller Welt untergebracht.
Der Linksverkehr ist für viele internationale UN-Mitarbeiter erst einmal ungewohnt. Trotzdem passiert es eigentlich nie, dass man in den überall gegenwärtigen Minibussen die gut bezahlten UN-Mitarbeiter antrifft. Zum Mittagessen gibt es bei der UN eine Riesenauswahl an internationalen Gerichten und auch der gewohnte Cappuccino wird mit Milchschaum und Kakao serviert.
Szenenwechsel
65 Prozent der Menschen Nairobis lebt in Slumgebieten, die nur fünf Prozent der Stadtfläche ausmachen. Die Hälfte der Slumbewohner sind Jugendliche unter 15 Jahren. Kibera zählt mit über einer Millionen Menschen zu einem der größten Slums der Welt. Hier versucht Un-Habitat mit Hilfe der “Slum Upgrading Facility”, die Lebensbedingungen für die Menschen zu verbessern.
Die Leute, die mitten im Slum im Container-Büro von Un-Habitat arbeiten, sind von der Stadt angestellt und kommen aus Kibera. Die Bewohner Kiberas bekommen nur selten internationale UN-Mitarbeiter zu sehen. Dafür findet man hier unzählige kleinere Nichtregierungsorganisationen, kurz NGOs, die Projekte und Menschen vor Ort unterstützen.
Die Kraft der jungen Generation
Am beeindruckendsten aber sind die Bewohner der Slums selbst - vor allem die jungen Menschen. Sie schließen sich in Jugendgruppen zusammen, kämpfen für bessere Lebensbedingungen und klären sich gegenseitig auf.
Die Themen, mit denen sich die Jugendgruppen befassen, scheinen aus einem UN-Bericht zu entstammen: Geschlechtergleichheit, HIV/Aids, Einkommenschancen, Müllbeseitigung und so weiter. Was die Regierung versäumt, holen sie nach. Organisierte Müllbeseitigung zum Beispiel wird in den Slums von Jugendlichen durchgeführt. Damit verdienen sie sich gleichzeitig ein kleines Einkommen. Ihre Botschaft vermitteln sie durch Diskussionen, Workshops, Straßentheater und Musik.
Eine bestimmte Musikrichtung vereint die Jugend von Kenia: der Reggae. Ob in Minibussen, in kleinen Straßenshops oder nachts in den Clubs von Nairobi: Reggae ist allgegenwärtig - und mir wird erstmals bewusst, welches Lebensgefühl diese Musik vermittelt. Wenn in einem Song „I am living in a shanty town“ („Ich lebe im Slum“) gesungen wird, flüstern mir Freunde ins Ohr, dass dieser Text genau ihre Situation beschreibt.
Eine Reggae-Band klärt auf
In Deutschland verbinden wir Reggae oftmals mit Sommer- und Festivalstimmung. Aber auch die positive Seite des Reggae wissen die Jugendlichen zu nutzen: Die „Warriors“-Band, deren Mitglieder selbst aus den Slums Nairobis kommen, tourt durch genau diese und verbindet ihre Konzerte mit Aufklärungskampagnen. Nachhaltiges Umweltbewusstsein, verantwortliches Handeln im Umgang mit Aids und Mut zur Eigeninitiative: das sind ihre Themen, die aufrütteln sollen.
Sie wollen nicht warten, bis sich kenianische Politiker von der Korruption verabschieden oder internationale Organisationen zu Hilfe kommen. Sie sind diejenigen, die Kenia schon heute verändern und die Probleme an den Wurzeln angehen. Für sie gibt es nur die Alternative, sich selbst zu helfen.
„Ich gehe aus Protest nicht wählen“, erzählt mir Tempa, einer der Bandmitglieder. „Jedoch heißt das nicht, dass ich nicht für eine Veränderung arbeite, im Gegenteil! Jede freie Minute nutzen wir dafür, um unsere Brüder und Schwestern hier aufzuklären, auf Probleme aufmerksam zu machen und selbst für eine Veränderung zu arbeiten.“
Nach vier Monaten Nairobi bin ich von diesen Initiativen immer wieder aufs Neue fasziniert. Auch diese Herzlichkeit, mit der wir von den Slumbewohnern aufgenommen wurden, hat mich tief beeindruckt. Es wird sicher noch lange dauern, bis die Menschen in Afrika die Chance haben, ihre Zukunftspläne zu verwirklichen. Wenn es geduldige Menschen gibt, dann hier. Ich bin mir sehr sicher, dass die junge Generation ihr Kenia heute schon verändert und in Zukunft verändern wird.
Eine Weltorganisation braucht Partner vor Ort
Das Praktikum bei der UN hat mir international verflochtene Probleme und weltweite Zusammenarbeit sowie viele Theoriegerüste nähergebracht. Eine Weltorganisation kann jedoch selten vor Ort konkrete Projekte betreuen. Dafür braucht sie Partner und Vermittler, die die Theorien, welche in Büros internationaler Mitarbeiter ausgetüftelt wurden, direkt bei den Menschen ausführen.
Zum Verstehen dieser verflochtenen Lösungsansätze bedarf es jedoch erst einmal einer direkten Konfrontation mit den Problemen. Das hebt auch der neue Chef des UN-Umweltprogramms, Achim Steiner, in seiner Antrittsrede hervor: „Der Sitz der Vereinten Nationen in Nairobi ist genau richtig. Wir sehen die Probleme, die wir zu lösen versuchen, jeden Abend bei der Nachhausefahrt. Was sollen wir da in Genf oder New York?“
Wunsch und Wirklichkeit
Mein Praktikum bei der UN geht nun zu Ende. Ich erfahre bei meinen Abschlusspräsentationen, dass meine Arbeit sehr geschätzt wird, ja sogar Erstaunen hervorrief. Ich hatte herausgearbeitet, was für Unterschiede bestehen zwischen den Wünschen afrikanischer Länder, um erneuerbare Energien zu nutzen, und den Projekten, die der Umweltfonds in Wirklichkeit unterstützt.
Nach dem Praktikum werde ich noch in Nairobi bleiben. Mit anderen Gleichgesinnten versuchen wir eine "Ghetto-Radiostation" aufzubauen. Die kenianische Regierung hat den Sender genehmigt. Er kann in ganz Nairobi senden.
Wir sind alle von der Wirkung dieses Mediums überzeugt, das verändern, aber auch Missstände aufzeigen soll. Ob uns das gelingt, hängt natürlich auch von finanziellen Faktoren ab. Wir werden sehen.
Eine internationale Mischung und krasse Unterschiede
Ein grünes parkartiges Gelände, abseits der abgasverschmutzten Hauptstadt Kenias: Hier lag für die letzten vier Monate mein Arbeitsplatz. Der Hauptsitz des Umweltprogramms (Unep) und des Programms der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen (Un-Habitat) ist von einem Waldstück umrundet. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wohnen meist nicht weit entfernt in abgesicherten Wohngebieten mit Security, waldartigen Gärten und Hausangestellten. Ich selbst bin hier von der UN in einem Haus mit vierzehn Praktikanten und Praktikantinnen aus aller Welt untergebracht.
Der Linksverkehr ist für viele internationale UN-Mitarbeiter erst einmal ungewohnt. Trotzdem passiert es eigentlich nie, dass man in den überall gegenwärtigen Minibussen die gut bezahlten UN-Mitarbeiter antrifft. Zum Mittagessen gibt es bei der UN eine Riesenauswahl an internationalen Gerichten und auch der gewohnte Cappuccino wird mit Milchschaum und Kakao serviert.
Szenenwechsel
65 Prozent der Menschen Nairobis lebt in Slumgebieten, die nur fünf Prozent der Stadtfläche ausmachen. Die Hälfte der Slumbewohner sind Jugendliche unter 15 Jahren. Kibera zählt mit über einer Millionen Menschen zu einem der größten Slums der Welt. Hier versucht Un-Habitat mit Hilfe der “Slum Upgrading Facility”, die Lebensbedingungen für die Menschen zu verbessern.
Die Leute, die mitten im Slum im Container-Büro von Un-Habitat arbeiten, sind von der Stadt angestellt und kommen aus Kibera. Die Bewohner Kiberas bekommen nur selten internationale UN-Mitarbeiter zu sehen. Dafür findet man hier unzählige kleinere Nichtregierungsorganisationen, kurz NGOs, die Projekte und Menschen vor Ort unterstützen.
Die Kraft der jungen Generation
Am beeindruckendsten aber sind die Bewohner der Slums selbst - vor allem die jungen Menschen. Sie schließen sich in Jugendgruppen zusammen, kämpfen für bessere Lebensbedingungen und klären sich gegenseitig auf.
Die Themen, mit denen sich die Jugendgruppen befassen, scheinen aus einem UN-Bericht zu entstammen: Geschlechtergleichheit, HIV/Aids, Einkommenschancen, Müllbeseitigung und so weiter. Was die Regierung versäumt, holen sie nach. Organisierte Müllbeseitigung zum Beispiel wird in den Slums von Jugendlichen durchgeführt. Damit verdienen sie sich gleichzeitig ein kleines Einkommen. Ihre Botschaft vermitteln sie durch Diskussionen, Workshops, Straßentheater und Musik.
Eine bestimmte Musikrichtung vereint die Jugend von Kenia: der Reggae. Ob in Minibussen, in kleinen Straßenshops oder nachts in den Clubs von Nairobi: Reggae ist allgegenwärtig - und mir wird erstmals bewusst, welches Lebensgefühl diese Musik vermittelt. Wenn in einem Song „I am living in a shanty town“ („Ich lebe im Slum“) gesungen wird, flüstern mir Freunde ins Ohr, dass dieser Text genau ihre Situation beschreibt.
Eine Reggae-Band klärt auf
In Deutschland verbinden wir Reggae oftmals mit Sommer- und Festivalstimmung. Aber auch die positive Seite des Reggae wissen die Jugendlichen zu nutzen: Die „Warriors“-Band, deren Mitglieder selbst aus den Slums Nairobis kommen, tourt durch genau diese und verbindet ihre Konzerte mit Aufklärungskampagnen. Nachhaltiges Umweltbewusstsein, verantwortliches Handeln im Umgang mit Aids und Mut zur Eigeninitiative: das sind ihre Themen, die aufrütteln sollen.
Sie wollen nicht warten, bis sich kenianische Politiker von der Korruption verabschieden oder internationale Organisationen zu Hilfe kommen. Sie sind diejenigen, die Kenia schon heute verändern und die Probleme an den Wurzeln angehen. Für sie gibt es nur die Alternative, sich selbst zu helfen.
„Ich gehe aus Protest nicht wählen“, erzählt mir Tempa, einer der Bandmitglieder. „Jedoch heißt das nicht, dass ich nicht für eine Veränderung arbeite, im Gegenteil! Jede freie Minute nutzen wir dafür, um unsere Brüder und Schwestern hier aufzuklären, auf Probleme aufmerksam zu machen und selbst für eine Veränderung zu arbeiten.“
Nach vier Monaten Nairobi bin ich von diesen Initiativen immer wieder aufs Neue fasziniert. Auch diese Herzlichkeit, mit der wir von den Slumbewohnern aufgenommen wurden, hat mich tief beeindruckt. Es wird sicher noch lange dauern, bis die Menschen in Afrika die Chance haben, ihre Zukunftspläne zu verwirklichen. Wenn es geduldige Menschen gibt, dann hier. Ich bin mir sehr sicher, dass die junge Generation ihr Kenia heute schon verändert und in Zukunft verändern wird.
Eine Weltorganisation braucht Partner vor Ort
Das Praktikum bei der UN hat mir international verflochtene Probleme und weltweite Zusammenarbeit sowie viele Theoriegerüste nähergebracht. Eine Weltorganisation kann jedoch selten vor Ort konkrete Projekte betreuen. Dafür braucht sie Partner und Vermittler, die die Theorien, welche in Büros internationaler Mitarbeiter ausgetüftelt wurden, direkt bei den Menschen ausführen.
Zum Verstehen dieser verflochtenen Lösungsansätze bedarf es jedoch erst einmal einer direkten Konfrontation mit den Problemen. Das hebt auch der neue Chef des UN-Umweltprogramms, Achim Steiner, in seiner Antrittsrede hervor: „Der Sitz der Vereinten Nationen in Nairobi ist genau richtig. Wir sehen die Probleme, die wir zu lösen versuchen, jeden Abend bei der Nachhausefahrt. Was sollen wir da in Genf oder New York?“
Wunsch und Wirklichkeit
Mein Praktikum bei der UN geht nun zu Ende. Ich erfahre bei meinen Abschlusspräsentationen, dass meine Arbeit sehr geschätzt wird, ja sogar Erstaunen hervorrief. Ich hatte herausgearbeitet, was für Unterschiede bestehen zwischen den Wünschen afrikanischer Länder, um erneuerbare Energien zu nutzen, und den Projekten, die der Umweltfonds in Wirklichkeit unterstützt.
Nach dem Praktikum werde ich noch in Nairobi bleiben. Mit anderen Gleichgesinnten versuchen wir eine "Ghetto-Radiostation" aufzubauen. Die kenianische Regierung hat den Sender genehmigt. Er kann in ganz Nairobi senden.
Wir sind alle von der Wirkung dieses Mediums überzeugt, das verändern, aber auch Missstände aufzeigen soll. Ob uns das gelingt, hängt natürlich auch von finanziellen Faktoren ab. Wir werden sehen.
Quelle:
Caren Alt 2006
carenalt@sonnenseite.com
veröffentlicht in: e.velop
das entwicklungs-magazin
der Bundesregierung
Caren Alt 2006
carenalt@sonnenseite.com
veröffentlicht in: e.velop
das entwicklungs-magazin
der Bundesregierung
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