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:: Schläge, die niemand sieht

Erste weltweite UN-Studie zu Gewalt gegen Kinder. Weltweit wird Gewalt gegenüber Kindern bis heute vielfach hingenommen und ist sogar in zahlreichen Ländern erlaubt. So haben lediglich 102 von über 200 Staaten körperliche Disziplinierungsmaßnahmen in Schulen verboten.
77 Länder erlauben Schläge in Gefängnissen. In 31 Ländern sind körperliche Strafen vom Auspeitschen bis hin zu Amputationen möglich. Dies ist Ergebnis der ersten weltweiten UN-Studie „Gewalt gegen Kinder“, die UNICEF gemeinsam mit dem Leiter des Projekts, Paulo Sérgio Pinheiro am Freitag in Berlin vorstellte. Aber auch wo Gewalt gegen Kinder und Jugendliche gesetzlich verboten ist, wird die Umsetzung unzureichend überwacht. Gleichzeitig klafft eine Lücke zwischen den Versprechen von Regierungen, gegen Gewalt vorzugehen, und ihrer Bereitschaft, in Präventionsprogramme zu investieren.

Bis heute wird das tatsächliche Ausmaß der Gewalt, die Kinder in Familien, Schulen, Kinderheimen, Gefängnissen und am Arbeitsplatz ertragen müssen, verdrängt:
  • Weltweit wird für das Jahr 2002 die Zahl der Morde an Kindern und Jugendlichen auf 53.000 geschätzt. Allein in den OECD-Ländern sterben nach einer Untersuchung von UNICEF jedes Jahr 3.500 Kinder an den Folgen von Misshandlungen und Vernachlässigung.
  • Schätzungsweise 150 Millionen Mädchen und 73 Millionen Jungen unter 18 Jahren werden sexuell missbraucht oder zum Geschlechtsverkehr gezwungen.
  • Über eine Million Heranwachsende leben in Gefängnissen – die meisten wegen Betteln, kleineren Diebstählen oder anderer geringfügiger Straftaten.
„Gewalt gegen Kinder geht jeden an. Aber die Regierungen müssen die Hauptverantwortung für den Schutz der Kinder übernehmen. Es gilt ein starkes, unmissverständliches Signal zu setzen, dass die Gesellschaft Gewalt gegen Kinder nicht akzeptiert“, sagte der Leiter der Studie, Professor Paulo Sérgio Pinheiro in Berlin.

„Jede Gewalt gegen Kinder muss geächtet werden. Schläge und Misshandlungen beeinträchtigen die gesamte Entwicklung und ziehen eigenes gewalttätiges Verhalten nach sich – gegenüber Gleichaltrigen oder später als Erwachsener gegenüber den eigenen Kindern“, sagte Dietrich Garlichs, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland.

„Auch Kinder, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten, sind zuallererst Kinder. Sie haben ein Recht auf Schutz, Fürsorge und menschliche Behandlung“, sagte der Schauspieler und Tatort-Kommissar Klaus J. Behrendt. Er hat zusammen mit Kollegen den Verein „Tatort – Straßen der Welt e.V.“ gegründet, der sich für Straßenkinder auf den Philippinen einsetzt.


Gewalt findet im Verborgenen statt
Während extreme Gewalttaten an Kindern immer wieder für Schlagzeilen sorgen, findet die meiste Gewalt im Verborgenen statt. Die UN-Studie untersucht fünf Lebensbereiche.

Familie: In den Industrieländern ist die Zahl der Todesfälle durch Misshandlungen und Vernachlässigungen in den vergangenen Jahrzehnten zwar gesunken. Doch immer noch sterben hieran allein in Deutschland und England jede Woche zwei Kinder; in Frankreich sind es drei in Japan vier und in den USA 27. Zwischen 133 und 275 Millionen Kinder und Jugendliche sind weltweit jedes Jahr in ihren Familien Zeugen von gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Schule: In vielen Ländern gehören körperliche Züchtigungen nach wie vor zum Schulalltag. Die Schülerinnen und Schüler üben aber auch untereinander Gewalt aus. Körperliche Auseinandersetzungen, Erpressung und Mobbing richten sich dabei oft gegen Kinder aus ärmeren Familien oder Minderheiten. Eine Untersuchung in den USA ergab 2004, dass zwischen drei und zehn Prozent der Kinder auf dem Schulgelände Waffen mit sich führten.

Heime und Gefängnisse: Schätzungsweise acht Millionen Kinder wachsen in öffentlichen Einrichtungen auf – in Waisenhäusern, Kinderheimen oder Internaten. Etwa eine Million von ihnen sitzen in Gefängnissen – weil sie von zu Hause weggelaufen waren, gebettelt oder kleinere Diebstähle begangen hatten. Gerade in ärmeren Ländern herrschen in Gefängnissen oft Überfüllung und katastrophale hygienische Bedingungen. Das Personal ist schlecht ausgebildet und überfordert und wird kaum kontrolliert. Die Heranwachsenden haben meist keine Beschwerdemöglichkeiten und werden monate- oder gar jahrelang ohne Anklage festgehalten.

Arbeitswelt: Kinderarbeit, die die Gesundheit, Sicherheit und soziale Entwicklung der Kinder bedroht, muss selbst als Gewalt angesehen werden. Weltweit arbeiten schätzungsweise 218 Millionen Kinder unter 15 Jahren, um zum Überleben ihrer Familien beizutragen. Rund 126 Millionen von ihnen arbeiten unter „gefährlichen“ Bedingungen. Ausdrücklich weist die UN-Studie auf die Not vieler der über 60 Millionen Dienstmädchen in privaten Haushalten hin, die häufig Schlägen, Erniedrigungen und sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind.

Gemeinde: Stadtviertel mit hoher Arbeitslosigkeit, schlechten Schulen und heruntergekommenen Wohnquartieren bilden überall auf der Welt einen Nährboden für Frustration, Wut und Spannungen, die sich in gewalttätigen Handlungen entladen können. Ein Großteil der Gewalt findet dabei zwischen den Heranwachsenden selbst statt; die meisten Opfer sind Jungen. So ist die Mordrate unter Jungen in der Altersgruppe von 15 bis 17 Jahren etwa dreimal so hoch wie in der Altersgruppe zwischen 10 und 14 Jahren.


Schlussfolgerungen
Die Regierungen haben eine besondere Verantwortung, den Schutz der Kinder vor Gewalt sicher zu stellen. Die UN-Studie legt zu allen untersuchten Themengebieten detaillierte Schlussfolgerungen und Empfehlungen vor. Die Hauptforderungen sind:

Gewaltverbot: Alle Formen der Gewalt gegen Kinder von der Prügelstrafe bis zu gefährlichen traditionellen Praktiken wie der Mädchenbeschneidung müssen gesetzlich verboten und die Umsetzung des Verbots überwacht werden.

Keine Todesstrafe: Kein Heranwachsender unter 18 Jahren darf zum Tod oder zu lebenslanger Haft verurteilt werden.

Prävention stärken: Die tiefer liegenden Ursachen von Gewalt müssen stärker bekämpft werden – so zum Beispiel durch Unterstützung von Risikofamilien, Kampf gegen Alkohol- und Drogenmissbrauch und die Einschränkung des Zugangs zu Waffen.

Beratung und Hilfe: Minderjährige Gewaltopfer brauchen Hilfs- und Beratungsangebote einschließlich medizinischer und juristischer Hilfe. Gesundheitseinrichtungen, Jugendämter, Justiz, Schulen und Kindergärten müssen enger zusammen arbeiten.
Quelle:
UNICEF 2006
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