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:: Weihnachtsbrief 2011 von Bischof Martin Happe aus Mauretanien

„Viele Nationen machen sich auf den Weg; sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berge des Herrn… Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen… Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg.“ Jesaja 2, 3+4

Liebe Freunde in der Heimat,

Immer öfter muss ich an eine Begebenheit denken, die sich ziemlich zu Anfang meines Aufenthaltes in Mali abgespielt hat und zwar in Tenenkou im Land der Fulbe, wo ich im September 1973 angekommen bin.

 

Mali ist ein Vielvölkerstaat, in dem verschiedene Sprachen gesprochen werden. Somit braucht man in den Behörden Dolmetscher, wie es beispielsweise auch Dolmetscher im Parlament in Mauretanien gibt. – Diadyé war Dolmetscher bei der Kreisverwaltung in Tenenkou und ich hatte mich mit ihm angefreundet. Da er unweit von unserem Haus wohnte mit seiner großen Familie, habe ich manchen Abend bei ihm verbracht, das Abendessen der Familie geteilt und nebenher meine Sprachkenntnisse verbessert.

 

Wie in Mali üblich, hat Diadyé mich eines Abends, nach einem Besuch bei ihm, ein Stück auf dem Heimweg begleitet. Als wir uns dann trennen wollten, hat er mir gesagt: „Weißt Du, dass ich jeden Abend für Dich bete?“ Ich habe ihm gedankt und ihm gesagt, dass könne ich gut gebrauchen. Er ist dann etwas ausführlicher geworden und hat etwa Folgendes hinzugefügt: „Ich habe festgestellt, dass Du eigentlich ein feiner Kerl bist. Da tut es mir weh, zu wissen, dass Du für alle Ewigkeit in der Hölle schmoren wirst. Deshalb bitte ich Gott jeden Abend, er möge Dich erleuchten und Dich auf den Weg zur Bekehrung zum Islam führen.“ Um ehrlich zu sein, ich war ziemlich verblüfft, habe aber dann vorgeschlagen, wir möchten zu ihm zurückkehren und uns noch einmal hinsetzen, um diese Sache zu besprechen.

 

Als wir dann wieder vor seinem Haus auf einer Strohmatte saßen, habe ich ihm gesagt: „Ich will Dich nicht in Deiner Religion belehren, aber soviel ich weiß, fangen alle Kapitel des Korans außer einem mit dem Satz „Im Namen Gottes, des Barmherzigen“ an. In der Bibel, dem heiligen Buch der Christen, lesen wir, dass Gott die Liebe ist.“ Und ich habe dann die Schlussfolgerung gezogen: wenn Gott den Großteil der Menschheit in der Hölle schmoren lässt, weil sie der falschen Religion angehören, dann hat er es, meines Erachtens, nicht verdient, dass man ihn den „Barmherzigen“ nennt oder von ihm sagt, er sei die Liebe!

 

Ich bin mir nicht sicher, dass ich meinen Freund Diadyé damals überzeugen konnte. Außerdem wollte er mir Gutes und hat Gott im Gebet mein Seelenheil anvertraut. Aber wie viel Leid wird Mitmenschen seit Jahrhunderten zugefügt, auch von Christen, aus religiösen Gründen oder unter dem Vorwand der Religion! Pater Christian de Chergé, ein Zisterziensermönch, der in Algerien Opfer islamistischer Gewalt geworden ist zusammen mit mehreren seiner Mitbrüder, traf sich regelmäßig mit muslimischen Freunden zu Austausch und Meditation. Er brauchte gerne für diese Begegnungen das Bild einer Doppelleiter. Er erläuterte dazu: als Christen und Muslime sind wir wie Leute, die je auf einer Seite einer Doppelleiter zu Gott aufsteigen; je näher wir zu Gott kommen, desto näher finden wir zueinander, und je näher wir zueinander finden, desto näher sind wir Gott.

 

In ein paar Tagen werden wir wieder Weihnachten feiern und im Weihnachtsevangelium hören: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade!“ Und dieser Jesus, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern, lädt uns ein, wie sein Vater zu sein, der seine Sonne über Gerechte und Ungerechte scheinen lässt. Er sagt uns, dass nicht die in den Himmel kommen, die ihre Zeit damit verbringen „Herr, Herr“ zu ihm zu sagen, sondern die, die den Willen seines Vaters tun.

 

Und worin besteht der Wille des Vaters? Eine recht einleuchtende Erklärung finden wir im Matthäusevangelium im Gleichnis vom Weltgericht: „Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für Euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen… Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Matthäus 25, 34…40.

 

Heute Vormittag hatte ich Besuch von einer Repräsentantin von Caritas Frankreich aus Paris, die seit 14 Tagen im Land ist, um sich mit der Arbeit unserer Caritas vertraut zu machen. Sie war beeindruckt von der Zusammenarbeit von Christen und Muslimen im Dienst am Nächsten hier in Mauretanien und sagte, sie haben nirgendwo bisher Ähnliches gesehen.

 

Ich bin immer mehr davon überzeugt, dass wir den Islamisten und anderen religiösen Fanatikern den Wind nur aus den Segeln nehmen können, wenn wir auf den Anderen zugehen, weil er, wie wir, ein Sohn, eine Tochter Gottes ist und somit unser Bruder, unsere Schwester. Gott hat uns alle aus Liebe erschaffen. Diese Liebe Gottes für alle Menschen ist in Jesu Geburt, in seinem Leben und Wirken, in seiner Lehre, aber auch in seinem Tod am Kreuz sichtbar und erfahrbar geworden. Jesus zählt auf uns, damit wir sein Werk fortführen: Gottes Liebe für alle Menschen und vor allen Dingen für jeden Menschen, dem wir begegnen auf ganz konkrete Weiser erfahrbar werden zu lassen.

 

Hier in Mauretanien werden wir reichlich Gelegenheit dazu haben im neuen Jahr. Es herrscht Dürre in weiten Teilen des Landes. Das Vieh, einziges Gut der Nomaden, geht ein und viele Menschen fliehen in die Städte, um dort irgendwie zu überleben. Der Staat hat angefangen, Hilfsaktionen in großem Ausmaß zu organisieren. Wir, kleine katholische Kirche in der Islamischen Republik Mauretanien, werden versuchen, zusammen mit den muslimischen Mitarbeitern unserer Caritas, für die Betroffenen Brüder und Schwestern zu sein.

 

Frohe Weihnachten und ein gesegnetes Neues Jahr 2012 wünscht Ihnen Ihr Martin Happe - Bischof von Nouakchott

 

Konto:

Afrikamissionare – Weiße Väter Köln

Hypo-Vereinsbank Köln Nr. 3703088, BLZ 370 200 90

Vermerk: „Missionsarbeit Bischof Happe“

Eine Spendenquittung wird Ihnen zugesandt.

Quelle:

Martin HAPPE 2010

Bischof von Nouakchott/Mauretanien

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