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:: Zu dem Problem der 5.000 Tunesier in Lampedusa
Migration ist nicht Flucht und Asyl. Und zu dem größeren Problem der allafrikanischen Migration. Von Rupert Neudeck
Nun kommen sie wieder, zu Wasser, nicht zu Lande, denn zwischen Europa und Afrika liegt das Mittelmeer. Lampedusa liegt 200 km südlich von Sizilien und 113 Km nördlich von der Küste Tunesiens. Das ist also die vergleichsweise günstigste Passage, die man von Afrika haben kann.
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Vor einem Jahr hielt ich mich in Lampedusa auf, ich wollte mir die Insel ansehen und sehen, wie die jungen afrikanischen Migranten untergebracht sind. Ich hatte mir einen Zugang besorgt vom italienischen Innenministerium, das von einem strengen Migranten-Gegner geleitet wird, von Roberto Maroni, einem Mann der Lega Norte Partei.
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Die Sozialarbeiterin Grazia Zavagla führt uns durch ein gähnend leeres Lager. Alle Betten sind so aufgestellt als würden sie nie wieder benutzt. Die Klinik in dem Trakt ist ordentlich aufgeräumt und ohne Krankenpfleger, Arzt und Patienten. Eine Großküche und eine Mensa stehen vor uns leer. Auf dem Innenhof, der diese Gebäude trennt, ragen die sieben Telefonsäulen, an denen durch kleine Zäune abgesperrt die Migranten telefonieren durften mit ihren Familien in Ghana, Kamerun, Guinea, Sudan, dem Tschad, Eritrea, Pakistan oder Indien. Alles ist leer, abweisend sauber, eine Bewachung durch die 6 Carabinieri nicht mehr nötig. Grazia kann uns berichten, die letzte Ladung mit einem Boot von Afrika ist hier am 2. Oktober 2009 angekommen, seit dem 2. Oktober nie mehr.
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Dabei gab es in den vorigen Jahren an die 33.000 pro Jahr. Man kann nur sagen: Die Abschreckung hat funktioniert. Die Abschreckung und das Abkommen, das Libyen und Italien Mitte 2009 mit viel Geld und viel Abnahmeverpflichtungen für Italien von libyschem Erdgas abgeschlossen haben. Die Migranten werden alle entweder an der Küste oder auf dem Meer abgefangen. Die libysche und die italienische Marine kümmerten sich nicht um internationale Gepflogenheiten und fingen Migranten auch in der 12 Meilen Zone ab und brachten sie nach Libyen zurück. Leider gab es hier kein Greenpeace Schiff, das solche Marine-Schiffe in flagranti ertappte.
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Im Januar-Februar kam es in Nordafrika zu zwei Tyrannenstürzen, die von mutigen Bevölkerungen exekutiert wurden. Am 14. Januar musste der tunesische Präsident Ben-Ali das Weite suchen, am 11. Februar der mächtige Hosni Mubarak in Ägypten. Darauf kam es zu einer vergleichsweise kleinen Migrantenwelle. Es waren ca. 5.000 junge Tunesier, meist gut ausgebildet und des Französischen mächtig, die sich aus Tunis aufmachten, weil sie wohl von der Begeisterung Europas Wind bekommen hatten über die tunesische und dann die ägyptische Revolution.
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Aber sie wurden nicht, wie sie erwartet hatten, freundlich empfangen. Und die wirtschaftliche und die Arbeitsplatz-Situation in Tunesien sind nicht über Nacht besser geworden. Im Gegenteil: Der Tourismus wird sich erst mühsam wieder einrenken.  Die wirkliche Migration wird erst noch kommen, und dann aus Ländern, in denen es viel weniger Ausgebildete und viel mehr Analphabeten gibt denn in Tunesien. Und das wird für unsere EU-Länder schlechter aussehen.
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Die normale Bevölkerung der Insel (5500 Menschen) war und ist nicht eigentlich gegen die Migranten. Wir treffen den Besitzer der kleinen Bar Royal Gianluca Vitale, der mit seiner Organisation Askavusa (deutsch: „mit bloßen Füßen“) etwas vorhatte, was sehr wohl der kleinen Gemeinde des Dorfes in der Nähe des Flughafens von Lampedusa gefallen hätte: Ein Kultur und Film und Theaterprogramm mit den Afrikanern und für die eigene Bevölkerung. Das hätte den etwas schläfrigen Ort sicher aufgemischt.
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Hier in Lampedusa wird einmal mehr deutlich, wie nachlässig Europa sich dieser Aufgabe annimmt. Es wird für diese junge Leute, die wahrscheinlich in ihren afrikanischen Gesellschaften die besten und fleißigsten sind, nichts getan, als dass sie für die Abschiebung vorbereitet werden. Die EU ist in Lampedusa abwesend. Anwesend ist der UNHCR, der gar nicht zuständig ist. das sind keine Flüchtlinge, sondern Migranten. Weder haben die anderen 26 EU-Mitgliedstaaten der Union eine Quote für die 5.000 Tunesier und einige Ägypter zur Verfügung gestellt, damit diese jungen Leute und Migranten verteilt werden, noch versucht man denen zu helfen mit einer Vision.
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Die Vision würde so aussehen: Diese junge Migranten haben Geld, bis 3.000 US-Dollar von ihren Familien oder Dorfgemeinschaften bekommen. Sie dürfen ohne Gesichtsverlust nicht zurück. Man müsste für sie, am besten schon in den Küstenländern Nord- und Westafrikas eine große Berufsausbildung organisieren. Sie müssten dann nach 2 Jahren ein Berufs-Zertifikat haben. Dann sollten sie in den Herkunftsländern z.B. mit einem Mikro Kredit ein Unternehmen aufbauen.
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Das wäre eine Antwort und eine Vision, mit der Europa die starke Sehnsucht junger Afrikaner konterkarieren könnte, mit der sie alle nach Europa wollen.
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Zweitens: Die EU-Staaten müssen ihre kommerziellen Schiffe, die im Mittelmeer kreuzen eine totale und unverzügliche Garantie der Abnahme geretteter Migranten absichern. Nachträglich müssen solche Kapitäne und Reeder solcher Schiffe mit (z.B.) deutscher Flagge in Deutschland ausgezeichnet und belohnt werden.
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Drittens: Es müssen Aufnahmequoten für junge Menschen aus ausgewählten Staaten Afrikas gemacht werden. Ghana z.B. würde uns nach Deutschland 3000 junge Ghanaer schicken, die in zwei Jahren oder drei Jahren den Bautechniker, den Elektrotechniker, den Solartechniker lernen. Danach gehen sie zurück, und werden mit einem entsprechenden Kleinkredit ausgerüstet, der aber nur für die Gründung eines Wirtschaftsunternehmens gelten darf.
Viertens: In den Küstenstaaten Ägypten, Libyen, Algerien, Tunesien, Marokko, Mauretanien, werden großflächig Berufsschulzentren aufgebaut, eingerichtet, Curricula ausgebaut, in denen junge Afrikaner ausgebildet werden für ihre Herkunftsländer…
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Die Grünhelme sind dabei, ein solches Pilotprojekt in Mauretanien zu machen. Auf Dauer kann das nur funktionieren durch einheimische ausgebildete Lehrer. In Mauretanien machen wir ein Berufsschulzentrum mit dem faszinierenden Pfarrer von Nouadhibou, Jerome Dukayo.
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Der hat es durch seine Kurse in der Sozialstation innerhalb seiner Kirche schon geschafft, die Zahl der Piroggenfahrten nach Gran Canaria zurückzudrehen. Nur durch eine Vision kann diese Migrationsbewegung produktiv werden für einzelne afrikanische Länder.
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In Deutschland hält sich immer noch die Vorstellung, dass die große Migrationsbewegung aus Afrikanischen Ländern eine Asyl- und Flüchtlingsbewegung ist. Dass sie gleichsam mit dem Asylparagraphen des Grundgesetzes zu lösen wäre.
Aber die wirklichen Fragen bei der Völkerwanderung von geschätzt nunmehr 18 Mio junger Afrikaner sind alle im Kern weder Flüchtlings- noch Asylfragen. Das sind wirklich brutale Fragen der Migration, mit denen sich Europa ganz anders auseinandersetzen muss als bisher.
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Um ihren alten Asylanspruch aufrechtzuerhalten, zitieren die Asylverfechter auch Fälle, die nicht in die Migration passen. So den Irakischen Christen, der flieht, „weil er seinen einzigen Sohn an plündernde Horden verloren hat und nun wenigstens sein Leben und das seine Frau retten möchte“. Auch die siebzehnjährige Äthiopierin ist ein totaler Einzelfall, die fliehen würde, „weil sie weiß, dass ihr lebenslange Schmerzen bevorstehen, wenn sie rituelle Verstümmelung über sich ergehen lässt, die ihre Familie an ihren Genitalien vornehmen möchte.“
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Der iranische Homosexuelle ist auch ein Sonderfall, der nach Europa kommt, weil er nicht von „Dutzenden von Passanten öffentlich gesteinigt werden will.“ (nach Tillmann Löhr: Schutz statt Abwehr. Für ein Europa des Asyls. Wagenbach Berlin 2010)
Es war immer leichter, in Europa für Flüchtlinge zu kämpfen, die tragen alle einen Schutztitel. Migranten sind nicht schlechtere Menschen als Flüchtlinge. Auch Migranten nehmen ein Menschenrecht in Anspruch, so wie das einst  unsere Vorfahren beanspruchten, die in die USA, auswanderten.
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In Nouadhibou/Mauretanien  sind es 39 Menschen aus Burkina Faso, 30 aus Kamerun, 48 aus der Elfenbeinküste, 25 aus der Demokratischen Republik Kongo 9 aus dem Kongo Brazzaville. 170 kommen aus Gambia, 126 aus Ghana, 468 aus Guinea, 130 noch aus Guinea Bissao, 662 aus dem Nachbarland Mali, 166 von weit her aus Nigeria, 4667 aus dem südlichen Nachbarland, 22 aus Sierra Leone, 45 aus Liberia, 20 aus Benin, 16 aus Togo.
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Das sind nur diejenigen, die zum Pfarrer Jerome in seinen Kirchencompound kommen.  Keiner von denen hat dem katholischen Pfarrer je vorgehalten, dass er verfolgt sei. Sie schimpfen über ihre Regierungen. Ein Senegalese hat mir erzählt, er sei mal zu seiner Botschaft in der Hauptstadt Mauretaniens gefahren in Nouakchott und habe gefragt, was denn passiere, wenn er auf so einer Pirogge in den Fluten des Atlantik verlorengehe? Da hätte die ihm gesagt, das wäre ihnen furchtbar egal.
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Was nötig ist?: Zertifikate nach zwei Jahren, Rückkehr in ihr Heimatland mit diesem Zertifikat. Aufbau von Eisenbahnen, Straßen, Solaranlagen und Produktion von Solarpanels und Batterien. Die Zukunft der erneuerbaren Energien liegt in Afrika, nicht in Europa.
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