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Erneuerbare Energien

Der Physiker Eicke R. Weber leitet seit 2006 das Fraunhofer ISE in Freiburg, das mit 600 Mit¬arbeitern größte Institut für Solarforschung in Europa. Zuvor lehrte er 23 Jahre lang in Berkeley. © ise.fraunhofer.de
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:: Die richtige Mischung

Deutschland fördert die erneuerbaren Energien so erfolgreich wie niemand sonst und diskutiert ernsthaft, ob das sinnvoll ist. Von Eicke R. Weber
Man stelle sich ein Autorennen vor, in dem Teams verschiedener Länder um den „Großen Preis der Nationen" konkurrieren. Einsam an der Spitze liegt das deutsche Team. Der Grund: Durch einen speziellen Treib­stoff ist sein Fahrzeug das Schnellste. Trotzdem beginnt das Team zu diskutie­ren, ob die Kosten für den Treibstoff zu hoch sind. Eventuell solle man doch zum Sprit der anderen wechseln.
 
Genau so stellt sich derzeit die Situation bei den al­ternativen Energien dar: Der „Große Preis", das ist die Entwicklung erneuer­barer Energien auf ein Niveau, das sie universell einsatzfähig macht und damit die Abhängigkeit der Menschheit von fossilen Brennstoffen beendet. Die Autos, das sind in diesem Gleichnis die Fortschritte, die die einzelnen Länder auf dem Weg zu diesem Ziel erreichen. Der spezielle Treibstoff, mit dem das deut­sche Auto fährt, ist das „Erneuerbare- Energien Gesetz" (EEG), das es seit dem Jahr 2000 gibt.

Dieses Gesetz steht seit einiger Zeit im­mer häufiger in der Kritik. Die erneuer­baren Energien (aus Sonne, Wind, Was­ser, Biomasse, Erdwärme sowie Depo­nie-, Klär- und Grubengas) seien „überfördert". Die beteiligten Unternehmen würden ungerechtfertigt hohe Gewinne erwirtschaften. Ineffiziente Technolo­gien würden unterstützt, insbesondere Solarstrom könnte in unseren Breiten nicht effizient eingesetzt werden. Demgegenüber verfolgt die Bundesregierung das Ziel, den Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung in Deutschland weiter zu erhöhen. Seit das Gesetz vor acht Jahren in Kraft trat, hat sich der Anteil der erneuerbaren Ener­gien an der Stromerzeugung bereits mehr als verdoppelt - von 6,3 Prozent auf etwa 14 Prozent. Das Etappenziel des Ge­setzes wurde damit übertroffen: Geplant war, bis zum Jahr 2010 einen Anteil von mindestens 12,5 Prozent zu schaffen. Bis zum Jahr 2020 will die Regierung diesen Anteil auf 25 bis 30 Prozent erhöhen. Ei­ne Expertenanhörung am vergangenen, Montag hat sie in diesem Ziel bestätigt.
 
Das Gesetz funktioniert simpel: Netz­betreiber werden verpflichtet, Strom aus erneuerbaren Energien zum gesetzlich festgelegten Preis abzunehmen, der sich an den jeweiligen Kosten der Erzeugung orientiert. Sie haben dadurch zusätzli­che Kosten, wälzen diese jedoch auf die Verbraucher ab.
 
Die Vorteile dieses Sys­tems liegen auf der Hand: Die erneuerba­ren Energien werden nicht über Steuern finanziert, sondern durch einen Auf­schlag auf den Strompreis. Dieser ist mo­derat - für einen durchschnittlichen Haushalt beträgt er rund zwei Euro pro Monat. Ein weiterer Vorteil des EEG ist die Planungssicherheit für die Erzeuger der erneuerbaren Energien. Sie wissen, dass sie ihre Produktion langfristig ver­kaufen können, und auch, zu welchem Preis. Die Planungssicherheit erleichtert es den Unternehmen, Anlagen zu errich­ten, Produktionskapazitäten zu schaf­fen, Mitarbeiter einzustellen und auszu­bilden sowie in Forschung und Entwick­lung zu investieren. Im Jahr 2006 gab die Branche bereits 236.000 Menschen Ar­beit. Sie erwirtschafteten einen Umsatz von 23 Milliarden Euro. 134.000 Arbeits­plätze beziehungsweise 14,2 Milliarden Euro davon waren direkt dem Gesetz zu­zuordnen.
 
Bei drei der jüngsten Megatechnologien musste Deutschland die Spitzenposition anderen Ländern überlassen, bei der Mi­kro- und der Nano-Elektronik sowie bei der Biotechnologie. Bei den erneuerba­ren Energien aber liegen wir ganz vorne. Die Chancen stehen gut, dass dieser Markt einmal ein zentraler Markt für un­sere Volkswirtschaft sein wird, einer, der dann die Bedeutung haben wird, die heu­te noch die Automobilindustrie hat. Bei den erneuerbaren Energien werden bis zu 80 Prozent der hergestellten Produkti­onsanlagen exportiert. Voraussetzung für Exporte aber ist, dass der Heimat­markt funktioniert: Man muss potentiel­len Kunden schließlich eine überzeugen­de Demonstration der Anlagentechnik bieten können. (Zudem verringert diese Art der Erzeugung von Energie die Ab­hängigkeit von Brennstoff-Importen aus politisch instabilen Weltregionen.)
 
 
Wie sollte dieser Heimatmarkt be­schaffen sein?
Auf den Mix kommt es an. Betrachtet man die Möglichkeiten der verschiedenen Formen erneuerbarer Energien, so wird klar: Die meisten sto­ßen schnell an Grenzen. Biomasse, Geothermie und Wasserkraft eignen sich, um den Grundbedarf mit abzudecken. Wind kann vor allem nah der Küste zur Strom­erzeugung eingesetzt werden, mal gibt es ihn jedoch mehr, mal weniger. Das höchs­te Potential verspricht die Sonne: In nur einer Stunde strahlt sie die Energiemen­ge auf die Erde, die die gesamte Mensch­heit pro Jahr verbraucht. Zudem hat Son­nenenergie den Vorteil, dass sie vor allem dann anfällt, wenn der Energiebedarf am höchsten ist, nämlich mittags. Sie eig­net sich daher ideal zur Deckung der täg­lichen Bedarfsspitzen.
 
Zwar ist aus Sonnenlicht erzeugter Strom heute noch teurer als der aus Wind, Wasser und Biomasse. Dies wird sich jedoch ändern, denn die Kosten für Solarstrom sinken durch kontinuierliche Fortschritte bei der Produktionstechno­logie. Es ist kein Zufall, dass sich in die­sem Markt viele Unternehmen aus der Halbleiterbranche tummeln, denn die Produktionsverfahren ähneln sich. In den sechziger Jahren prophezeite der Physiker (und spätere Mitbegründer von Intel) Gordon Moore, dass sich die Re­chenleistung von Computerchips alle 18 bis 24 Monate verdoppelt. Moores Gesetz lässt sich auf die Herstellung von Solar­zellen übertragen. Dem trägt das EEG Rechnung. Die Fördersätze für die einzel­nen Energieformen sinken Jahr für Jahr. Dies ist ein sehr charmanter Vorzug des Gesetzes: Im Gegensatz zu den meisten Steuern werden diese Subventionen ei­nes Tages von selbst verschwinden.
 
Alle Experten waren sich am vergange­nen Montag im Bundestag einig, dass ein möglichst schneller Ausbau der Solar­energie nur erreicht werden kann, wenn die Fördersätze nicht allzu stark und schnell sinken (wie es einige Kritiker des Gesetzes verlangen). Denn darum geht es doch: so viel Solarstrom zu erzeugen, dass der Preis dafür nicht mehr höher ist als für Strom aus konventionellen Quel­len.
 
Dieses Ziel könnte vielleicht sogar noch vor 2015 erreicht werden. Ökonomi­sche Antriebe sind erwiesenermaßen die wirkungsvollsten, um das menschliche Handeln zu steuern. Doch auch die ökolo­gischen Effekte des EEG sind nicht zu verachten: Durch den Einsatz erneuerba­rer Energien wird schon derzeit pro Jahr der Ausstoß von Kohlendioxid in Deutschland um mehr als 100 Millionen Tonnen reduziert.
Quelle:
Eicke R. Weber 2008
Fraunhofer ISE 2008
Erstveröffentlichung:
Süddeutsche Zeitung, 07.05.2008
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