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Artikel 159 von 385

:: Stadtwerke als Kern der künftigen Energieversorgung

Stadtwerken sind noch vor zehn Jahren im Zuge der im Rahmen der Europäischen Union eingeleiteten Liberalisierung auf der Ebene der Strom- und Gasversorgung für tot erklärt worden. Damals hieß es: „Jetzt schnell verkaufen, da man in ein paar Jahren nichts mehr dafür bekommt.“ Wie so oft hat sich der überwiegende Teil der eingespielten Energieexperten geirrt. Rede von Hermann Scheer

Meine Beobachtung über viele Jahre hin- weg ist ohnehin, dass die Energieexperten ein Teil des Problems sind, mit dem wir es zu tun haben. Ich meine hiermit nicht die Techniker, sondern vielmehr die politischen und wirtschaftlichen Energieexperten und jene, die nicht in anderen Strukturen denken können als in denen der heutigen Energieversorgung, welche sie für ein Naturgesetz halten. Es geht um ein neues Paradigma, also eine neue Sicht der Dinge von einem neuen Ausgangspunkt. Wie schwer es selbst in der Wissenschaft ist, sich mit einem neuen Paradigma anzufreunden, hat ja Max Planck beschrieben in seinen Memoiren über sein Physikerleben aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Er führte darin sinngemäß aus, dass eine neue Erkenntnis sich nicht dadurch durchsetzt, dass die Vertreter der alten Erkenntnisse dazulernen und sich als belehrt erklären, sondern nur indem sie all- mählich aussterben.   

 

Der neue Denkansatz mit Erneuerbaren Energien

Es gibt nicht nur zwei, sondern drei fundamentale Unterschiede zwischen herkömmlichen und Erneuerbaren Energien. Diskutiert wird häufig nur der Unterschied der Umweltauswirkungen, zu - meist sogar reduziert auf die Klimafrage. Ich halte das für eine unzureichende Betrachtungsweise, auch wenn das Klimaproblem für sich vollständig ausreichen würde, um einen Energiewechsel zu begründen. Dennoch ist das eine unzureichende Betrachtung, denn gäbe es das Klimaproblem nicht, wäre doch das Weltenergiesystem keines- wegs intakt. Es gäbe weitere massive Gründe es zu ändern. CO2 ist ja „nur“ mittelbar ein Umweltproblem für die Menschen, vielleicht nicht für die Erde, weil es die Klimaänderung hervorruft. Für sich gesehen ist es ja kein Umweltgift, sonst dürften wir alle kein Sprudelwasser trinken. Nichtsdestotrotz gibt es selbstverständlich Umweltgifte aus der Verbrennung herkömmlicher Energien mit unmittelbar auf Menschen und die weitere Natur wirkenden Umweltbelastungen. Dies gilt genauso für die gesamte Abfallproblematik inklusive atomarer Abfälle. Trotzdem ist es wiederum unzurei- chend, nur das Umweltproblem zu betrachten, obwohl das in der Summe noch mehr dafür spricht, einen Energiewechsel herbeizuführen.   

 

Das zweite ist das Ressourcenproblem. Unausweichlich wird es zu einer Ressourcenkrise kommen. Niemand kann doch bestreiten, dass die konventionellen Ressourcen unserer Erde zu Ende gehen. Erneuerbare Energien sind unerschöpflich, solange das Sonnenenergiesystem mit dem Zentralgestirn Sonne existiert, was nach den Erkenntnissen der Astrophysik noch fünf bis sieben Milliarden Jahre der Fall sein wird.

 

Der dritte Unterschied wird am wenigsten diskutiert. Dieser ist aber für die Frage dieser Konferenz der relevanteste. Er lässt erkennen, wo die Wege und Mittel einer Energiewende liegen. Es ist der Unterschied, der von den Energiequellen selbst herrührt. Erneuerbare Energien sind ein Energiepotential, das man überall in unterschiedlicher Intensität von Region zu Region von der Natur angeboten bekommt. Herkömmliche Energien reduzieren sich dagegen von ihren Reserven her auf immer weniger Länder der Welt. Je mehr wir uns der Erschöpfungsphase nähern, wird die Zahl der Quellen sinken. Nicht alle Quellen erschöpfen sich auf einmal. Jedes Energiesystem konzentriert sich von der Quelle her. Je weniger Quellen und je weniger Förderländer bleiben, desto höher wird der Konzentrationsgrad sein, desto weniger Länder bleiben als Lieferländer und desto weniger transnationale Lieferunternehmen werden das Spiel be - herrschen und können somit ganze Regierungen – nicht nur Gemeinden, sondern ganze Volkswirtschaften – in ihre existentielle Abhängigkeit bringen. Ein untragbarer Zustand, dessen Gefährlichkeit erst allmählich einigen bewusst wird. Energie ist nun mal nicht irgendeine Ware, es ist nicht ein Produkt neben vielen anderen. Ohne Energie läuft nichts.

 

Dieser Unterschied bedeutet gleichzeitig, dass uns eigentlich nur die Entscheidung über die Energiequelle bleibt. Die Entscheidung über die Energiequelle fiel in unserem Fall vor weit über 100 Jahren zugunsten fossiler Energie, vor 60 Jahren zusätzlich zugunsten atomarer Energie. Die Energiequelle, für die man sich entschieden hat, bestimmt anschließend indirekt mit gebieterischer Konsequenz, was wir zu tun haben, um sie verfügbar zu machen. Die Entscheidung ist aus unserer Hand genommen. Die Energiequelle entlang ihres gesamten Energieflusses – von ihrer Förderung bis zum Endverbrauch – entscheidet, ob wir Fördertechniken und Förderlizenzen brauchen oder nicht, ob importiert werden muss oder nicht und ob der Energierohstoff – die primäre Energie – bezahlt werden muss oder nicht. Letzteres muss im Falle der Erneuerbaren Energien mit Ausnahme von extra produzierten Biomassen eben nicht gezahlt werden. Die Energiequelle entscheidet darüber, welche Energieumwandlungstechnik eingesetzt werden muss, da auch diese immer energiequellenbestimmt ist. Die Energieumwandlungstechnik für Kohle- oder für Atomenergie ist logischerweise eine völlig andere als für Windkraft oder für Son-nenstrahlung. Die Energiequelle entscheidet darüber, wie die Transportwege und die komplette Energieinfrastruktur auszusehen hat.

 

Die Energiequelle entscheidet sogar darüber, welche Unterneh¬mensform geeignet ist, um all dieses zu realisieren. Mittelständische Unternehmen und Stadtwerke, die ja kommunale mittelständische Unternehmen teils größeren Stils sind, sind natürlich nicht in der Lage, den Energietransport aus dem Kaukasus oder von der arabischen Halbinsel nach Ludwigshafen zu organisieren. Genauso wenig sind allerdings auch transnationale Energiekonzerne in der Lage, auf städtischer Ebene eine adäquate Energieversorgung zu organisieren. Das bedeutet: die eigentlichen Widerstände sind struktureller Art. Sie werden bestimmt von den Energiequellen und den Energiebereitstellungssystemen, die auf die bisherigen Energiequellen zugeschnitten sind, weil es gar nicht anders möglich ist. Die Energiequelle bestimmt physikalisch, was zu tun ist.

 

So wird es auch bei den Erneuerbaren Energien sein. Auch diese bestimmen, was wir zu tun haben, um sie zu nutzen. Es ist technologisch und wirtschaftlich unmöglich, das heutige, auf die herkömmliche Energie zugeschnittene System aufrecht zu erhalten und lediglich Erneuerbare Energie durch dasselbe System zu schleusen. Dies wäre gleichbedeutend damit, einen hoch kostspieligen Umweg zu gehen, wenn es auch ohne Umweg geht, etwas hochkomplex zu machen, obwohl es auch entschieden einfacher geht.

 

Wenn also gesagt wird, dass Erneuerbare Energien sich nicht rechnen, dann muss man immer fragen, für wen sie sich nicht rechnen. Objektive Effizienz gibt es nicht. Stattdessen muss immer ein Bezug hergestellt werden. Man muss immer fragen: Effizienz für wen? Effizienz für die Stadt, für die Volkswirtschaft, für RWE oder EnBW oder für ein Stadtwerk? Es sind Unterschiede, wie es sie auch zwischen volkswirtschaftlichen und kommunal- wirtschaftlichen Betrachtungen einerseits und betriebswirtschaftlichen Betrachtungen andererseits gibt.

 

Solange man solche Unterschiede nicht erkennt, versteht man auch bestimmte Widerstände nicht. Die erneuerbaren Energiequellen, die regional auf Dauer verfügbar sind, ermöglichen die Rückkoppelung der Räume der Energienutzung und des Energieverbrauchs mit den Räumen der Energiegewinnung. Dies steht im Gegensatz zu der beim herkömmlichen Energiesystem immer weiter gehen- den Entkoppelung der Räume des Energieverbrauchs von den Räumen der Energiegewinnung mit all den damit verbundenen Konsequenzen.

Diese Rückkoppelung ist ein wirtschaftshistorisch einmaliger Vorgang. Die einzigen Elemente der heutigen Energiewirtschaft, die überlebensfähig sind, sind die Stadtwerke. Sie werden der einzige Teil der Energiewirtschaft sein, der als Energie- wirtschaft überlebt. Womöglich wird es den großen Energieunternehmen wie Shell oder BP genauso ergehen wie der Preussag, die einst ein großes Stahlunternehmen war und letztendlich nur noch in der Tourismusbranche tätig war. Das ist möglicher- weise die Zukunft von EnBW, Eon oder RWE. Ich wünsche es ihnen von Herzen, dass sie diese Diversifizierung schaffen.

 

Die Diversifizierung auf der kommunalen Ebene geht in die andere Richtung. Die Stadtwerke sind der potentielle organisierte Kern einer integrierten Energieversorgung der Zukunft auf der Basis Erneuerbarer Energien mit den optimalen Mög- lichkeiten der Energieeffizienz. Das zu erkennen ist entscheidend, um mit Erneuerbaren Energien auf sich selber zu setzen.

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