Das erste Wasserwirbelkraftwerk der Schweiz ist am 25. September 2010 im aargauischen Schöftland offiziell eingeweiht worden. Auf dem Bild (v. I.): Daniel Styger, (GWWK), Andreas Bieri (Raiffeisen), Taufpate Dr. Bertrand Piccard, Christoph Wilhelm (Raiffeisen) und Andreas Steinmann, Gründungsmitglied der Genossenschaft Wasserwirbelkraftwerk. © my-catalog.biz/R101825
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:: Weltpremiere an dem Fluss Suhre in der Schweiz
Weltweit stößt das Wasserwirbelkraftwerk auf großes InteresÂse. Kaum erstaunlich, denn solche Anlagen erÂzeugen Strom mit relativ geringem KapitaleinÂsatz und an dezentralen Lagen. "Für Länder mit schlechter Netzabdeckung, wie Ecuador, ist das Wasserwirbelkraftwerk eine höchst interessante Option." Bericht von Stefan Hartmann
Ortstermin in Schöftland: Andreas Steinmann führt den Besucher zum Wasserwirbelkraftwerk, keine 200 Meter von seinem Wohnhaus entÂfernt. Am Morgen erst, erzählt der Bauingenieur, sei eine Besuchergruppe aus Ecuador zur BeÂsichtigung der Anlage angereist.
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Zehn Monate nach Bauabschluss fand nun am 25. September die Kraftwerkstaufe in Schöftland statt. Niemand geringerer als der Alpenteurer Bertrand Piccard hielt die Laudatio. Der aus einer Dynastie von Forschern stammenÂde Piccard fand nur lobende Worte für die InitiaÂtive von Andreas Steinmann und Heidi Zumstein. Ihnen sei es dank Überzeugung und LeidenÂschaft gelungen, die Suhre zu renaturieren und gleichzeitig zur Gewinnung von Naturstrom zu nutzen.
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Kleines Gefälle genügt
Das Prinzip der Anlage (siehe auch Infografik) ist einfach: Das kleine Flusskraftwerk funktioniert bereits ab einem Gefälle von 0,7 Metern und einer Wassermenge ab zirka 1000 Liter pro SeÂkunde. Die Voraussetzungen erfüllten eigentlich viele Schweizer Fließgewässer. Das WasserwirÂbelkraftwerk in Schöftland hat ein rundes BeÂcken von 6,5 Meter Durchmesser und im Boden einen zentralen Abfluss. Das Gefälle beträgt 1,5 Meter auf zirka 70 Meter. Im Becken bildet sich ein Wasserwirbel, der mit Hilfe der Schwerkraft einen langsam drehenden Rotor mit zirka 20 Umdrehungen pro Minute bewegt.
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Dieser treibt den Generatoren an, der in Schöftland jährlich bis zu 90000 KilowattstunÂden (kWh) Naturstrom produziert und ins Netz einspeist. Je nach Wassermenge entstehen 5 bis 15 kW elektrische Leistung. Die JahresstromÂproduktion versorgt 20 bis 25 Familien mit Strom. Wasserwirbelkraftwerke sind dank der einfachen Technologie für einen Dauerbetrieb von rund 50 bis 100 Jahren ausgelegt.
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„Wir Schweizer brauchen immer mehr Strom“, stellt Steinmann fest. „Ein Haushalt hat rasch einmal 30 stromzehrende Geräte wie DiÂgitalkameras, Ipods, Handys etc.“ Der jährliche Stromverbrauch der Schweiz stieg in den letzten 50 Jahren um zwei Prozent pro Jahr und hat sich seither vervierfacht.
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„Wir brauchen keine neuen Grosskraftwerke, wenn wir die erneuerbare Energie konsequenter nutzen“, ist Steinmann überzeugt. Die Schweiz verfüge über ein großes Naturkapital in Form von tausenden kleiner Flüsse: bereits früher seien unzählige Wasserräder zum Betrieb der Mühlen in Einsatz geweÂsen.
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Die im Sempachersee entspringende Suhre fließt sehr konstant, was für ein Kraftwerk naÂtürlich von großem Vorteil ist. Sie ist aber wegen des Hochwassers gefürchtet; ihre normale Durchflussmenge von zwei bis drei Kubikmeter pro Sekunde kann innerhalb von ein bis zwei Stunden schlagartig auf das Vielfache anschwelÂlen — wovon Andreas Steinmann und Heidi Zumstein ein Lied singen können. Sie haben um ihr Anwesen ein kleines Mäuerchen aus KalkÂsteinen als Hochwasserschutz gebaut.
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An vielen Flüssen denkbar
Andreas Steinmann und Heidi Zumstein haben vor vier Jahren ein 200-jähriges Objekt direkt an der Suhre erstanden. Das Paar hat das Haus bauÂbiologisch mit Lehm und viel Holz saniert; auf dem Dach befindet sich eine zwölf QuadratmeÂter große Sonnenkollektoranlage, vor dem Haus steht ein Elektromobil.
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„Als die Suhre erstÂmals bei Hochwasser durch unsere Stube floss, fragten wir uns natürlich, ob wir die Kraft im Element Wasser nicht besser nützen konnten“, erzählt Bauingenieur Andreas Steinmann (61) mit leuchtenden Augen. Damit war die NeuÂgierde geweckt; das Paar machte sich in Büchern und im Internet kundig und stieß auf ein KleinstÂWasserwirbelkraftwerk in Österreich. Es wurde eine Patent-Lizenz für die Schweiz gelöst, und anhand von Zeichnungen des Wiener Erfinders hat das Schöftländer Metallbauunternehmen Purinox den Rotor entwickelt.
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Fische nicht beeinträchtigt
Zur Finanzbeschaffung wurde die „GenosÂsenschaft Wasserwirbelkraftwerke Schweiz“ (GWWK) gegründet. Sie sollte nicht nur Kapital für die Pilotanlage, sondern für viele weitere Projekte beschaffen. Das Konzessionsgesuch ging bei den Behörden schlank durch; die BauÂbewilligung lag in wenigen Monaten vor.
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„Das hatte gute Gründe: Das Kraftwerk ist absolut umweltverträglich, denn der Fluss wird nicht aufgestaut und das Kraftwerk ist vollständig in die Renaturierung integriert.“
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Die Anlage in Schöftland ist damit eine WeltÂneuheit. Bisher seien Kraftwerke immer negativ für die Gewässerökologie gewesen, sagt AndÂreas Steinmann. Seine Anlage ist aber für Fische optimal durchgängig. Die Fische können die Anlage in beiden Richtungen problemlos überÂwinden; der langsam sich drehende Rotor bildet für die Fische keine Gefahr.
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„Wir haben von Anfang an mit den Umweltbehörden und dem örtlichen Natur- und Vogelschutzverein zusamÂmengearbeitet“, erklärt Heidi Zumstein.
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Flussschwellen beseitigt
In Absprache mit Kanton und Gemeinde führte die Genossenschaft GWWK auch gleich eine Renaturierung des Suhre-Flussbettes unmittelÂbar neben dem neuen Kraftwerk durch. InsgeÂsamt fünf Fluss-Schwellen wurden auf einem Abschnitt von 150 Metern rückgebaut — vor Jahrzehnten einst für teures Geld in den Fluss eingemauert, um den Fluss zu „zähmen“. AllerÂdings machte diese harte Verbauung den Fluss für Fische unpassierbar. Die Steinblöcke konnten nun beim Bau des Wasserwirbelkraftwerkes gleich wieder verwendet werden.
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Dank der neuen Anlage wurde eine VerbreiÂterung des Flussbettes von vier auf neu 30 MeÂtern erreicht, was die Naturfreunde freut. Es entstanden kleine Inseln, die sich je nach WasÂserstand ständig verändern. Die Schöftländer Anlage hat das Paar teils auf eigenem, teils auf zugepachtetem Land von Bauer Hans Müller gebaut, der von Anfang an dem Projekt SympaÂthien entgegenbrachte und selber GründungsÂmitglied der Genossenschaft ist.
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Erstaunlich geringe Kosten
Die Investition für die Pilotanlage in Schöftland lag bei rund 340.000 Franken. Derzeit sind VerÂsuche von Forschungsinstitutionen in Gang, die Anlage auch in Holz oder mit Stahlblech zu bauÂen, was die Kosten weiter senken würde.
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Die Amortisationsdauer wird nach Schätzung der GWWK rund 20 bis 25 Jahre betragen. Der Strom wird im örtlichen Stromversorger eingeÂspeist; die Einnahmen betragen 0.34 Franken pro kWh und werden vom Bund über 25 Jahre mittels der kostendeckenden EinspeisevergüÂtung (KEV) gefördert und garantiert.
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Private oder institutionelle Direktabnehmer bezahlen ähnliche Naturstrompreise im Bereich von 0.25 bis 0.35 Franken pro kWh.
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Info - Ehrgeizige Genossenschaft
Die „Genossenschaft Wasserwirbelkraftwerke Schweiz“ hat sich zum Ziel gesetzt, weitere Wasserwirbelkraftwerke zu initiieren. Bereits weit fortgeschritten ist zum Beispiel ein Projekt bei Glattfelden ZH an der Glatt.
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Die „GenossenÂschaft der Wasserwirbelkraftwerke Schweiz“, GWWK, hat ihren Sitz am Sägeweg 2, 5040 Schöftland.
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Genossenschafter können natürliÂche und juristische Personen sowie gemeinnütÂzige Institutionen werden. Bereits sind es gegen 200; das Kapital beträgt zurzeit etwa 600.000 Franken.
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Infos: info@gwwk.ch, www.gwwk.ch, Tel. 062 721 82 54.
Jeden Samstag finden um 14.00 und 15.00 Uhr kostenlose Führungen statt; Gruppen auf Anmeldung.
Stefan Hartmann 2010 | PRESSELADEN 2010
Erstveröffentlichung Panorama 5/Oktober 2010 (E-Paper)
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