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Interview 80 von 142

:: „Ein gutes Beschäftigungsprogramm"

Industrie-Präsident Thumann über Fluch und Segen der Klima-Konferenz auf Bali – Regierung soll umweltfreundliche Produkte subventionieren.
WELT ONLINE: Herr Thumann, unterstützen Sie die Anstrengungen der Bundesregierung zum Klimaschutz?
Jürgen Thumann: Die deutsche Wirtschaft nimmt den Klimaschutz sehr ernst. Wir sind mit unseren Produkten und Prozessen Weltmarktführer: vom Kühlschrank bis zum Kohlekraftwerk. Wir werden in diesem Jahr zum fünften Mal in Folge Exportweltmeister sein. Klimaschutz ist für die deutsche Industrie ein gutes Beschäftigungsprogramm.
 
 
WELT ONLINE: Was erwarten Sie von der Klimakonferenz auf Bali?
Thumann: Wichtig ist, Länder wie die USA, China, Indien und Brasilien für den Klimaschutz zu gewinnen. Wenn das Kyoto-Protokoll 2012 ausläuft, müssen auch diese Länder konkrete Verpflichtungen übernehmen. Wir sollten alles tun, was möglich ist, um die Klimabelastung zu reduzieren.
 
 
WELT ONLINE: Die chinesische Regierung ist verstimmt, weil Bundeskanzlerin Angela Merkel den Dalai Lama in Berlin empfangen hat. Werden diese politischen Spannungen die Verhandlungen auf Bali beeinflussen?
Thumann: Ich weiß, dass die Bundesregierung sehr an der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit China interessiert ist. Und auch die chinesische Seite will die Zusammenarbeit ungestört fortsetzen. Da wird es auf Bali keine negativen Einflüsse geben. Im Gegenteil. 2500 deutsche Unternehmen sind in China aktiv. Diese Unternehmen tragen dazu bei, dass gewisse Normen und Standards zunehmend verbreitet und anerkannt werden. Das betrifft den Schutz geistigen Eigentums ebenso wie den Klimaschutz. Ich bin optimistisch: Es wird auf Bali gelingen, die Chinesen mit ins Boot zu holen.
 
 
WELT ONLINE: Wie können konkrete Klimaschutzziele nach 2012 aussehen? Genügt es, sich auf Minderungsraten für Kohlendioxid (CO2) und die Ausweitung des globalen Emissionshandels zu einigen?
Thumann: Die Ziele dürfen ehrgeizig sein, sie müssen aber realistisch bleiben. Es ist gut, dass die Europäische Union bei der Formulierung dieser Ziele eine Vorreiterrolle hat. Sie darf aber das Augenmaß nicht verlieren. Andernfalls werden energieintensive Industrien wie Stahl, Zement oder Aluminium gezwungen, ihre Produktionsstandorte in Europa aufzugeben. Das würde den Verlust von Millionen Arbeitsplätzen bedeuten.
 
 
WELT ONLINE: Geht es auf Bali allein um Klimaschutz? Oder spielt zunehmend auch die Sicherheit der Energieversorgung eine Rolle?
Thumann: Klimaschutz und Energieversorgung lassen sich nicht voneinander trennen. Und eine sichere Energieversorgung müssen wir im Zusammenhang mit der Verfügbarkeit von Rohstoffen sehen. Wir setzen in Deutschland zunehmend auf Gas. Doch zwei Drittel der weltweiten Gasreserven konzentrieren sich in wenigen Ländern. Wir sollten Abhängigkeiten möglichst vermeiden.
 
 
WELT ONLINE: Wie sähe ein optimaler Energiemix im Jahr 2020 aus?
Thumann: So viel wie möglich erneuerbare Energien. Derzeit liegen wir in Deutschland bei 13 Prozent. Eine Steigerung auf 20 an der Stromerzeugung ist denkbar. Die Braunkohle als heimischen Rohstoff müssen wir im Mix halten. Und Steinkohle lässt sich weltweit auch in politisch unproblematischen Ländern zu günstigen Preisen einkaufen.
 
 
WELT ONLINE: Die Bevölkerung lehnt inzwischen auch Kohlekraftwerke ab.
Thumann: In NRW, in Hessen und im Saarland sollten modernste Kohlekraftwerke gebaut werden, um veraltete Anlagen zu ersetzen. Bürgerentscheide haben den Bau verhindert. Das ist mir unbegreiflich. Wo soll denn der Strom eigentlich herkommen?
 
 
WELT ONLINE: Welche Zukunft hat die Kernenergie in Deutschland?
Thumann: Die Kernenergie macht uns stark und unabhängig. Sie ist im laufenden Betrieb CO2-frei und leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Wir fordern daher, die Laufzeit der deutschen Kernkraftwerke von 2020 um zehn Jahre bis 2030 zu verlängern. Dadurch gewinnen wir Zeit, zum Beispiel die erneuerbaren Energien weiter zu entwickeln. Dabei geht es auch um ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit.
 
 
WELT ONLINE: Wo sehen Sie in Deutschland die größten Energieeinsparpotenziale?
Thumann: Wir können enorm viel CO2 einsparen, wenn wir veraltete Elektromotoren durch moderne Geräte ersetzen. Das gilt für die Wirtschaft ebenso wie für Privatleute. Wir produzieren in Deutschland auch die effizientesten Haushaltsgeräte. Sie senken den Stromverbrauch und damit die Energiekosten.
 
 
WELT ONLINE: Die Verbraucher kaufen sich meist erst dann einen neuen Kühlschrank, wenn der alte kaputt ist.
Thumann: Und selbst dann kaufen sie nicht den effizientesten Kühlschrank, weil er 50 bis 150 Euro teurer ist. Daher fordere ich die Politik auf, entsprechende finanzielle Anreize zu schaffen. Die Bundesregierung hat sich das ambitionierte Ziel auf die Fahne geschrieben, den CO2-Ausstoß um 40 Prozent zu senken. Dann muss sie auch bereit sein, die dafür notwendigen Mittel bereitzustellen. Ich appelliere aber auch an die Konsumenten und Unternehmen, in Strom sparende Elektrogeräte oder Heizungsanlagen zu investieren. Wer Klimaschutz fordert, muss auch akzeptieren, dass Klimaschutz nicht zum Nulltarif zu haben ist.
 
 
WELT ONLINE: Ist es richtig, dass Sie ein CO2-freies Hobby haben?
Thumann: Ich bin begeisterter Pferdegespannfahrer. Das ist in der Tat CO2-frei und damit sehr klimafreundlich.
Quelle:
WELT Online | 02.12.07
Die Fragen stellte Claudia Ehrenstein
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