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"natur+kosmos" | Mai 2010

Der Wissenschaftler und seine wichtigsten Stationen: Prof. Dr. Dr. h.c. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Jahrgang 1939, ist Diplom-Physiker, Biologie-Professor und Vordenker einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Wirtschaft. Er war u.a. Präsident der Uni Kassel (1975-1980), Direktor des UNO-Zentrums für Wissenschaft und Technologie in New York (1981-1984), Präsident des Wuppertal Instituts (1991-2000) und Mitglied des Bundestags (1998-2005). Heute lebt er in Emmendingen bei Freiburg.

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Interview 32 von 142

:: „Energie wurde in den letzten 200 Jahren immer billiger“

Ernst Ulrich von Weizsäcker über die Notwendigkeit, unsere Wirtschaft zu revolutionieren in "natur+kosmos". Das Interview führte Horst Hamm.

Vor 15 Jahren veröffentlichte Ernst Ulrich von Weizsäcker zusammen mit Amory B. und L. Hunter Lovins den Bestseller „Faktor Vier“. Die Autoren hielten doppelten Wohlstand bei halbem Verbrauch für möglich. Zwar ist unser Wohlstand seither noch größer geworden – der Energie- und Ressourcenverbrauch jedoch ebenfalls. Mit anderen Autoren hat von Weizsäcker jetzt „Faktor Fünf“ herausgebracht – und geht das Thema grundsätzlich anders an. Ende Juni erhält er den Ehrenpreis der Neumarkter Lammsbräu in Sachen Nachhaltigkeit.

 

Herr von Weizsäcker, warum nennen Sie Ihr neues Buch „Faktor Fünf“ – verwirrt das nicht Ihre Leser?

Zunächst wollen wir Autoren damit signalisieren, dass es sich nicht um eine aktualisierte Neuauflage von „Faktor Vier“ handelt, sondern um ein völlig neues Buch. Hinzu kommt, dass das Buch fast zeitgleich mit der deutschen Ausgabe auf Chinesisch erschienen ist und mich höfliche Chinesen darauf hingewiesen haben, dass die Vier in China eine Unglückszahl ist und laut ausgesprochen wie Tod klinge. Dem Vorschlag, das Buch doch „Faktor Acht“ zu nennen, weil die Acht für Glück stehe, konnten wir aus wissenschaftlichen Gründen nicht folgen. Das könnte in ein paar Jahrzehnten aber anders sein.

 

Was ist denn bei „Faktor Fünf“ anders?

„Faktor Vier“ war eine Aneinanderreihung von 50 netten Beispielen zu effizientem Wirtschaften – verbunden mit der milden Hoffnung, dass die Welt diese Beispiele aufsaugt und überall verwirklicht. Das war einfach naiv und ist letztlich nicht passiert. In „Faktor Fünf“ reihen wir nicht nur Anekdoten aneinander, sondern schauen uns sehr viel genauer an, was in ganzen Branchen notwendig ist. Die Schwerindustrie etwa hält man normalerweise für unbelehrbar. Wir beschreiben, wie deren Energie- und Ressourcenverbrauch verringert werden kann. Mittelfristig ist Faktor Fünf möglich – mehr als noch vor 15 Jahren, langfristig noch viel mehr. Und wir zeigen die politischen Instrumente, die erforderlich sind, damit das, was technisch möglich ist, auch ökonomisch rentabel wird.

 

Bislang sind wir ja weit davon entfernt, unseren Ressourcenverbrauch zu verringern. Was muss anders werden, damit das gelingt?

Für die meisten Menschen ist es total überraschend, wenn sie sehen, dass Rohstoffe und Energie in den letzten 200 Jahren konsequent billiger und nicht etwa teurer geworden sind. Es gehört zum Einmaleins jeder Betriebswirtschaftslehre, dass etwas mehr verbraucht wird und nicht etwa weniger, wenn es billiger wird. Also lautet die politische Antwort: Wir müssen Ressourcen und Energie teurer machen.

 

Es ist aber doch so, dass technische Abläufe bei uns ständig effizienter wurden. Energiesparlampen, Kühlschränke, Computer – unsere Geräte kommen mit immer weniger Strom aus. Trotzdem verbrauchen wir alle unterm Strich immer mehr Strom – einfach deshalb, weil die Effizienzgewinne durch immer mehr Geräte wieder aufgefressen werden ...

... das ist vollkommen richtig. Genau das ist der so genannte Rebound-Effekt, den wir in Faktor Vier ignoriert haben, weil mein damaliger Co-Autor, Amory Lovins, nicht daran glaubt. Aber das ist einfach falsch.

 

Und wie durchbrechen wir diesen Teufelskreis?

Preise – ökologisch korrekte Preise. Und zwar so, dass die Preise für Energie Schritt für Schritt mit den Effizienzverbesserungen angehoben werden. Dann kann keiner mehr meckern und sagen, das sei sozial nicht ausge-wogen, denn unterm Strich bleiben die Kosten stabil.

 

Sie sagen, dass sich die Rohstoffplünderung und der CO2-Ausstoß um 80 Prozent verringern lassen. Gilt das für Industrie- und Entwicklungsländer gleichermaßen?

Im Prinzip ja. Schematisch verkürzt gesagt, können die Länder des Nordens ihren Wohlstand bequem halten und sowohl CO2-Ausstöße wie Ressourcenverbrauch auf ein Fünftel senken. Dass das technisch möglich ist, ohne nennenswerte Wohlstandseinbußen, ist die fabelhafte Botschaft unseres Buches.

 

Und die Länder des Südens?

Die können ihren Wohlstand verfünffachen, ohne den Ressourcenverbrauch zu erhöhen.

 

Der Süden hätte also die Option, dass er bei dem Verbrauch bleiben kann, den er heute bereits hat?

Absolut. Ich weiß natürlich, dass auch die Länder des Nordens ihren Wohlstand noch vermehren wollen – und dass umgekehrt nicht alle Länder des Südens damit zufrieden sein werden, wenn sie ihren Wohlstand nur verfünffachen. Ein Chinese will den gleichen Wohlstand haben wie wir ...

 

... und es gibt wahrscheinlich keinen vernünftigen Grund, ihm den zu verweigern. Aber kann das unsere Erde verkraften?

Wenn wir weltweit pro Kopf gleiche Emissionsrechte durchsetzen können und einen ökologisch verträglichen Deckel vereinbaren, dann heißt das, dass sich auch die Chinesen damit abfinden müssen, gegenüber heute mit niedrigeren CO2-Emissionen auszukommen.

 

In den letzten Jahrzehnten ist die Rolle des Staates immer mehr zurückgedrängt worden. Stichwort Neo-Liberalismus. Die Folgen sind alarmierend: Nicht nur in Sachen Klima, sondern auch in Sachen Landverbrauch, Waldverlust, Wassermangel, Fischgründe oder Artensterben drohen wir, unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. Brauchen wir mehr Reglementierung?

 

Wir brauchen stärkere, bessere und einfachere Reglementierung – und nicht tausend Einzelvorschriften. Im Wesentlichen muss der Verbrauch von Energie und Rohstoffen ständig – aber eben sehr langsam – teurer werden. Das muss über einen Preispfad geschehen, der für alle verbindlich ist. Es genügt nicht, einen Grenzwert zu erreichen und sich dann jahrelang darauf auszuruhen.

 

Das heißt, der Staat muss für ökologisch korrekte Preise sorgen?

Das scheint mir als das mit Abstand Wichtigste. Wir brauchen einen breiten Konsens über eine langfristig angelegte ökologische Steuerreform.

 

Wie schaffen wir es, zu einer Balance zwischen öffentlichen Anliegen und privater Wohlstandsmehrung zu kommen?

Dazu müssen wir zunächst einmal historisch verstehen, wie sich die Ideologie des freien Marktes auf allen Ebenen durchgesetzt hat: Bis 1990 hatte die Wirtschaft den Staat noch nötig als Bundesgenossen gegen den Feind Kommunismus. Nach 1990 war der Feind verschwunden. Danach hat der Privatsektor den Staat in immer arroganterer Weise gezwungen, so zu handeln, dass die Aktionäre zufrieden sind. Das muss korrigiert werden – auch in Abwesenheit des Kommunismus.

 

Sie sprechen von einem neuen Denken und einem ganzheitlichen Ansatz, um zu mehr Ressourcenproduktivität zu kommen. Was heißt das?

Ich will es einmal umgekehrt erläutern: Ein nicht ganzheitlicher Ansatz bedeutet, dass man die Autos immer effizienter macht. Ein ganzheitlicher heißt dagegen, dass man über Mobilität nachdenkt, über bessere öffentliche Verkehrsmittel, über die Vermeidung von Verkehr, über andere Siedlungsstrukturen – und über alles, was damit zusammenhängt. Ziel bei einem ganzheitlichen Vorgehen ist also, ein räumliches Ziel zu erreichen und nicht nur, die Motorenleistung zu verbessern.

 

Ihr Abschlusskapitel ist dem Thema Verzicht gewidmet. Müssen wir uns letztendlich doch mit weniger zufrieden geben?

Das ist absolut selbstverständlich, zumal die Weltbe-völkerung weiter wächst. Und selbst wenn wir bei sieben Milliarden Menschen stehen bleiben sollten, müssen wir verzichten lernen. Denn es kann nicht sein, dass in Bangladesch auf Dauer Armut herrscht und in Deutschland auf Dauer Reichtum. Da muss in gewissem Umfang geteilt und verzichtet werden. Aber wir sagen auch, dass die Lebensfreuden mit materiellem Konsum gar nicht wahnsinnig viel zu tun haben. Japaner und Franzosen investieren zum Beispiel doppelt so viel Zeit wie die Amerikaner ins Essen. Sie konsumieren dabei aber weniger Kalorien und leiden sehr viel weniger unter Fettsucht. Wenn man nun fragt, ob die Amerikaner mit ihren vielen Kalorien glücklicher sind als die Fran-zosen, ist die Antwort ganz eindeutig „nein“. Die Franzosen haben ein überlegenes Lebensgefühl entwickelt. Erfreulicherweise scheinen wir Deutschen in jüngster Zeit eher dem französischen Vorbild zu folgen.

Quelle:

Mit freundlicher Genehmigung:

Interview: Horst Hamm 2010

Erschienen in "natur+kosmos" | Mai 2010

 

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