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Martin Häusler © scorpio-verlag.de

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Interview 14 von 142

:: 43 Notfallpläne gegen die Angst

Atomarer Super-GAU, Klimawandel, internationaler Terror, Euro-Krise: Das alles macht uns ängstlichen Deutschen so viel Angst wie noch nie. Das ist fatal, denn Angst lähmt und macht unfrei. Aber wie kann man sich seinen Ängsten stellen, ohne von ihnen in die Flucht geschlagen zu werden? Wie schaffen wir es, unsere Ängste als ersten Schritt Richtung Mut zu begreifen?

Martin Häusler reiste durch Deutschland, um unseren Sorgen auf den Grund zu gehen und nach Auswegen aus diesem typisch deutschen Lebensgefühl zu suchen. Dabei traf er auf zutiefst Ängstliche und grandios Mutige, sprach mit Politikern, Künstlern, Psychologen, Managern, Sportlern und Überlebenskünstlern. Viele prominente Persönlichkeiten wie Ulrich Tukur, Roland Koch, Esther Schweins oder Christoph Daum brachte er dazu, über ihre Ängste und Angstbekämpfungskonzepte zu reden.

 

In seinen Gesprächen und Gedanken bespiegelt Häusler die deutsche Angst von allen Seiten und kommt zu klaren Thesen: Das Ende unserer Angst ist in der eigenen Historie zu finden und in einer Zurückeroberung des geistigen Teils unseres Lebens. Jeder kann sein eigener Phönix werden und aus der Asche seiner Ängste verwandelt hervorgehen - eine ermutigende Botschaft in unsicheren Zeiten. Eine berührende und lebendige Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Angst, die nicht bloß ergründet, sondern beflügelt - weil sie uns wieder hoffen lässt.

 

Eine Reportagereise mit vielen prominenten Gesprächspartnern – Ulrich Tukur +++ Roland Koch +++ Esther Schweins +++ Christoph Daum +++ Charlotte Knobloch +++ Dieter Wedel +++ Bernd Kundrun +++ Rüdiger Nehberg +++ Gabriele Baring +++ Ottmar Hitzfeld +++ Wolfgang Niedecken +++ Karl Lauterbach +++ Bernd Siggelkow +++ Franz Alt +++

 

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Interview mit Martin Häusler veröffentlicht in "Enorm":

Herr Häusler, lähmt Angst oder ist sie Überlebensmechanismus?

Die archaische Angst als Überlebensme­chanismus steckt in jedem von uns. Sie schützt uns davor, an einer Klippe den ei­nen Schritt nicht mehr zu gehen. Lebens­feindlich ist aber die lähmende Angst. Ich habe bei Bekannten und Kollegen bemerkt, wie diese zur kreativen Erstarrung führt. Wie soll so eine Firma gedeihen? Übertra­gen auf gesellschaftliche Dimensionen: Je mehr Angst wir haben, desto weniger kön­nen wir den Staat gestalten.

 

Ist das die typische German Angst?

Ja, zum Teil. Das Angst-Naturell ist uns Deut­schen sehr eigen. Ich wollte wissen: Sind wir wirklich so ängstlich und wenn ja, woran liegt das? Zum einen tragen gerade die rei­chen westlichen Länder eine unheimliche Verlustangst in sich. Wir haben im Zuge des Turbokapitalismus eine Wohlstandsgesell­schaft aufgebaut, die fast nur noch kommer­ziellen und materiellen Parametern ge­horcht. Viele glauben, dass die Welt untergeht, wenn eine dieser Säulen wegbricht. Und: Fast jede deutsche Familie hat auf drama­tische Weise den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Diese Erlebnisse sind in Form von Traumata in unseren Genen gespeichert.

 

Diese These vertritt die Therapeu­tin Gabriele Baring in Ihrem Buch.

Auch die Max-Planck-Gesellschaft hat vor Kurzem bestätigt, dass unser Erbgut epi­genetisch — also von äußeren Umständen — beeinflusst wird. Beispiel: Opa hat ein unverarbeitetes Trauma, das schlägt sich auf die Gene nieder und wird vererbt. In mir gärt also unbewusst ein Stück Krieg. Ich spüre Angst, werde krank, und weiß nicht, woher das kommt Man ahnt, zu welchen gesellschaftlichen Zerfallsprozes­sen das führen könnte, wenn das in jeder deutschen Familie der Fall ist.

Wie können wir dieser Angst be­gegnen, kollektiv ist das kaum möglich?

Jeder sollte seine Ängste einer Inventur unterziehen, sich fragen: Wovor habe ich Angst? Diese Selbstreflexion ist schwierig: Es gehört zu den Symptomen unserer En­tertainment-Mentalität, dass wir nicht zur Ruhe kommen, ständig konsumieren. Wir befreien uns aber erst, indem wir uns der geistigen Seite des Lebens und unserer Fa­miliengeschichte zuwenden.

 

Die Mein-Haus-mein-Auto-mein Flachbildschirm-Mentalität schürt also Ängste und macht uns krank?

Genau. Immer mehr konsumieren statt zur Ruhe zu kommen und sich selber zu begegnen. Dahinter steckt der Irrglaube des ewigen Wachstums. Die Natur aber kennt kein ewiges Wachstum — dieses Weltbild muss im Kollaps enden. Sobald man seine Sicherheit nur an Statussymbo­len festmacht, gerät in Krisenzeiten alles ins Wanken.

 

Sie haben Politiker, Schauspieler, Sportler und Therapeuten befragt. Wel­che Unterschiede konnten Sie bei ihnen im Umgang mit Angst feststellen? Charlotte Knobloch, die ehemalige Prä­sidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, gehört zu den ängstlicheren Menschen dieses Buches. Sie glaubt an einen strafenden Gott. Der Abenteurer Rü­diger Nehberg versucht dagegen, sich zunächst aus eigener kreativer Kraft den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Bei seiner jüngsten Aktion gegen die Ge­nitalverstümmelung hat er 43 Notfallplä­ne in der Tasche, um ans Ziel zu kommen.

 

Auch eine Form der Angstbewäl­tigung ...

Ja, aber Nehberg sagt: Es gibt einen, der über seinen Plänen steht, auf den er sich verlassen kann, wenn alle Stricke reißen. Das meinte ich vorhin: Wir müssen uns wieder unserer eigenen kreativen Kraft be­wusst werden und könnten am Ende auf eine — vielleicht göttliche — Kraft vertrau­en, die noch über uns steht.

 

Die German Angst und der Wut­bürger: Wie passt das zusammen? Unaufgearbeitete Ängste steigern sich und münden in Aggressionen und Wut. Im Ze­nit der Angst entscheidet sich, ob wir sie gegen uns richten oder aufbegehren. Die Anti-Atomkraft-Bewegung hat uns als gro­ße Gruppe rausgehen lassen — das macht Mut. Wir sollten daher eher konstruktiv vom Mutbürger sprechen.

Quelle:

Enorm-Interviewerin hieß Catharina Muuß 2011

Erstveröffentlichung in "Enorm" 2011

Scorpio Verlag 2011

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