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:: Energiepolitik nach Fukushima: „Dächer statt Desertec!“

„Die großen vier Besatzungsmächte - EnBW, RWE, Vattenfall und E.on – müssen endlich begreifen, dass ihre Zeit abgelaufen ist“, so der Journalist Franz Alt im Gespräch mit Utopia. Denn nach Fukushima geht es um eine dezentrale Energieversorgung, zu 100 Prozent aus Erneuerbarer Energie.

 

Utopia: Was war Ihre erste Reaktion auf die Nachrichten und Bilder aus Fukushima?

Franz Alt: Ich habe mich 25 Jahre zurückerinnert, an Tschernobyl, wo ich ganz ähnliche Bilder gesehen habe. Damals war ich als CDU-Mitglied noch ein Anhänger der Atomenergie. Ich war damals so bekloppt, den Fachleuten zu glauben, dass da nie etwas passieren kann. Erst dann habe ich angefangen, gründlich zu recherchieren, und habe gemerkt, was uns vor allem die Fachleute an Lügen erzählt haben. Später habe ich herausgefunden: Das haben die selber alles nicht geglaubt, sie hatten nur Angst, ihren Job zu verlieren. Wie viele Atomtechniker habe ich kennen gelernt, die gesagt haben, wir wussten alle um die Gefahren, wir haben sie nur verdrängt. Das kann natürlich keine Zukunftstechnologie sein, wenn sie auf Angst aufbaut.

 

Dann habe ich im Fernsehen Filme gegen Atomenergie gedreht – und irgendwann ist mir klar geworden, ich muss Filme für etwas machen, nicht nur gegen etwas. So kam ich auf die Erneuerbare Energie als Thema. Daran habe ich mich erinnert. Wenn bei sechs Meilern in Fukushima, die jetzt alle beschädigt sind, etwas passiert, kann das weit schlimmer werden als bei Tschernobyl. Wir haben nur eine vage Hoffnung, dass das Schlimmste noch verhindert werden kann.

 

 

Utopia: Angesichts der Katastrophe in Fukushima -  sehen Sie jetzt eine Chance für einen tief greifenden Wandel in der Energiepolitik in Deutschland? Weg von Kohle und Atom, hin zu Sonne, Wind und Wasser?

F. A.: Wann, wenn nicht jetzt? Doch jetzt stellt sich die Strukturfrage: Machen wir große Offshore-Windanlagen und bauen tausende Kilometer Leitungen? Machen wir „Desertec“ in Afrika und brauchen 3.000 Kilometer Leitungen? Und hier lassen wir die Dächer leer stehen, ohne Solarzellen? Meine Antwort auf „Desertec“ heißt: Dächer statt „Desertec“! Ich bin für eine dezentrale und nicht für eine zentralisierte Energieversorgung. Die Region Freiburg, lese ich gerade heute, können Sie in zehn Jahren zu 100 Prozent mit Erneuerbarer Energie versorgen. Das geht über Sonne, Wind und Bioenergie. Das sei überhaupt kein Problem, sagen die regionalen Energieversorger.

 

Ich war letzte Woche in Sachsen-Anhalt in einer kleinen Gemeinde mit 1.000 Einwohnern. Und diese 1.000 Einwohner haben in Windräder investiert. Dort machen 1.000 Einwohner Windstrom für 40.000 Menschen. Das heißt, es geht … Wir müssen nur endlich lernen, die lokalen Ressourcen zu nutzen. Dass wir auf Erneuerbare Energie umsteigen müssen, bestreitet überhaupt niemand mehr.

 

Jetzt stellt sich aber die Strukturfrage, der Streit geht los. Auf der einen Seite stehen die Befürworter einer zentralisierten Energieversorgung mit den alten Energieversorgern, also denen, die uns den ganzen Mist eingebrockt haben. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die auf eine dezentrale Versorgung mit Erneuerbarer Energie umsteigen wollen. Die Gewinner dieser dezentralen Struktur wären die gesamte Gesellschaft, Millionen Hausbesitzer, hunderttausende Bauern, Handwerker und Mittelständler. Als Freund des Mittelstandes bin ich für eine dezentrale Energieversorgung. Alles andere hat mit einer funktionierenden Demokratie und mit Freiheit nichts zu tun.

 

Die großen vier Besatzungsmächte - EnBW, RWE, Vattenfall und E.on – müssen endlich begreifen, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Sie sind die Verlierer der Katastrophe in Japan.

 

 

Utopia: Wie schätzen Sie das Moratorium ein, das Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündet hat?

F. A.: Wenn ich wüsste, wie man das einschätzen kann … Kein Mensch kann mir die Frage beantworten: Was heißt Moratorium? Was nützen drei Monate weniger Atomkraft, wenn die Meiler danach wieder angeworfen werden? Das ist ein Zeichen von Hilflosigkeit. Ich kann mir gut vorstellen, dass Merkels Moratorium ihr politisches Fiasko wird.

Quelle:

Interview: Ingo Leipner 2011

Erstveröffentlichung bei UTOPIA 2011

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