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Franz Alt, 73, setzt sich seit vielen Jahren für den Klimaschutz ein. Nach seiner Promotion über Konrad Adenauer – er studierte politische Wissenschaften, Geschichte, Philosophie und Theologie – leitete und moderierte Alt von 1972 an zwanzig Jahre das Politmagazin „Report“. Anschließend leitete er die Zukunftsredaktion des SWR und moderierte außerdem die Magazine „Grenzenlos“ und „Querdenker“ bei 3sat. Heute schreibt Alt Bücher und Hintergrundberichte für über 40 Zeitungen sowie Magazine und hält weltweit Vorträge. Das Reaktorunglück von Tschernobyl bezeichnet er als seinen „energetischen Big Bang“. Seitdem kämpft er für eine solare Energiewende. Für sein ökologisches Engagement wurde Alt bereits vielfach ausgezeichnet. Unter anderem erhielt er für sein Buch „Die Sonne schickt uns keine Rechnung“ den ersten „Europäischen Solarpreis für Publizistik“. Auch seine Homepage „www.sonnenseite. com“ wurde mit dem Europäischen Solarpreis ausgezeichnet. © Bigi Alt


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Interview 47 von 178

:: "Energiezukunft - eine Frage der Moral - Der Markt ist ökologisch blind"

Sein persönlicher Wendepunkt war das Reaktorunglück von Tschernobyl. Seitdem kämpft der Journalist und Buchautor Franz Alt unermüdlich für einen grundlegenden Umbau unserer Energiewirtschaft hin zuden vier großen E: EnergieEffizienz und Erneuerbare Energien. FranzAlt ist der vehemente Fürsprecher einer neuen Ethik - Ein Gespräch.

In Ihrem Buch „Die Sonne schickt uns keine Rechnung“ haben Sie bereits 1993 die Energiewende vorweggenommen. Fühlen Sie sich als Prophet?

Franz Alt: Nein, als Prophet fühle ich mich nicht, aber sehr wohl als Journalist, der ganzheitlich denkt und nicht nur auf einzelne Aspekte schielt. Jeder hätte damals schon wissen können – wissenschaftliche Quellen und Belege gab es zur Genüge –, dass der Klimawandel das größte Problem des 21. Jahrhunderts wird. Wir wollten es nur nicht wahrhaben. Erst der Hitzesommer 2003, eine der schlimmsten Naturkatastrophen in der Geschichte Europas, der 60.000 Menschen zum Opfer fielen, veränderte die Blickwinkel, auch die der Journalisten.

 

Sie nehmen also nicht nur die Politik in die Pflicht, sondern auch die Presse?

Alt: Auf alle Fälle. Journalisten haben in ihrer Aufklärungspflicht eine riesige Verantwortung. Politik, Journalismus und Öffentlichkeit hängen immer zusammen. Zumal die Politik oft erst dann reagiert, wenn der öffentliche Druck da ist. Wir Journalisten hätten die Menschen eher wachrütteln können und müssen.

 

Mittlerweile hat die Bundesregierung EnergieEffizienz zur Schlüsselfrage bei der Erreichung der Klimaschutzziele erhoben. Im Gesetzespaket zur Energiewende wird das Thema allerdings wieder an den Rand gedrängt. Warum tun wir uns so schwer damit?

Alt: Energiesparen ist der schlafende Riese des Klimaschutzes. Nehmen Sie nur die vielen Altbauten in Deutschland, wo die meiste Energie durch Fenster, Wände, Türen, Fußböden und Dächer entweicht, statt die Räume zu heizen. Und doch werden jedes Jahr nur ein Prozent der Altbauten energetisch saniert. Das heißt, wenn wir warten, bis der letzte Altbau saniert ist, dauert dies beim jetzigen Tempo hundert Jahre. So viel Zeit haben wir nicht. Dabei hat es die Bundeskanzlerin auf der Hannover Messe selbst gesagt: Technologien zur EnergieEffizienz werden bis 2020 mindestens 850.000 neue Arbeitsplätze schaffen. EnergieEffizienz ist ein Job-Motor für den Mittelstand.

 

Trotzdem: Ob wir nun hocheffiziente neue Gaskraftwerke oder Erneuerbare Energien fördern – immer geht es darum, mehr Energie zu erzeugen. Warum wird das Thema EnergieEffizienz nicht mit der gleichen Vehemenz diskutiert?

Alt: Auch wir Journalisten geben der Effizienz ja nicht die Bedeutung, die sie hat. Warum? Effizienz ist nicht sexy. Ich bin Fernsehjournalist, ich weiß, wie Bilder wirken. Auch ich zeige in meinen Vorträgen immer die schicken Solarfabriken und Windparks, weil sie im Hinblick auf die Landschafts- und Architektur-Ästhetik optisch aufregend sind. Damit löse ich Aha-Effekte aus: „Ja, so will ich leben.“ Ein sanierter Altbau hingegen verbraucht zwar 80 Prozent weniger Energie, sieht aber genauso aus wie vorher. Das ist der vordergründige, aber entscheidende Aspekt: EnergieEffizienz produziert keine spektakulären Bilder.

 

Windräder sind also Leuchttürme grünen Stroms. Wie könnten denn Leuchttürme der EnergieEffizienz aussehen?

Alt: Da habe ich leider auch kein Patentrezept. Der alte Einstein hat einmal gesagt, dass die heutigen Menschen höchstens zehn Prozent der ihnen innewohnenden Intelligenz nutzen. Wenn es unserer Generation gelänge, von zehn auf elf Prozent Intelligenznutzung zu erhöhen, wären wir schon viel weiter. Was ich sagen will: Das Schlüsselwort ist wahrscheinlich „Energieintelligenz“. Wir müssen die Menschen bei der Dummheit ihrer Energieverschwendung packen. Und natürlich ist alles auch eine Frage politischer Rahmenbedingungen.

 

Viele Politiker wollen den sorgsamen Umgang mit Energie allerdings dem freien Spiel des Marktes überlassen.

Alt: Der Markt ist ökologisch blind, genauso wie er sozial und ethisch blind ist. Verantwortungsvolle Politik muss das korrigieren, was der Markt allein nicht regeln kann. Soziale Marktwirtschaft, wie sie Ludwig Erhard verstanden hat, hieß immer, einen entsprechenden Ordnungsrahmen zu schaffen.

 

Allerdings: Wenn es um den effizienten Umgang mit Energie geht wie bei der geplanten EU-Effizienz-Richtlinie, ist schnell von „Energiespardiktat“ die Rede. Dabei beugen wir uns sonst auch klaglos zahllosen Vorschriften, zum Beispiel der Begrenzung von Feinstaubemissionen bei Autos. Warum?

Alt: Ja, das ist absurd. Allein das deutsche Steuerrecht kennt mehr als 130.000 Paragrafen. Dieselben Leute, die sonst alles regulieren, schreien plötzlich „Ökodiktatur“. Daran sind Ignoranz und mangelnde Aufklärung schuld.

 

Welche Anreizsysteme bzw. Steuerungsmechanismen halten Sie denn für geeignet?

Alt: Mit Anreizen allein ist es nicht getan. Das Erneuerbare-Energien- Gesetz zum Beispiel ist das weltweit intelligenteste Instrument in diesem Bereich. Und dennoch beziehen wir erst drei Prozent unseres Stroms aus Photovoltaik. Deshalb muss Politik auch Vorschriften machen. Wir brauchen eine neue systemische Weichenstellung. Nichts könnte meiner Meinung nach sinnvolles Verhalten nachhaltiger fördern als eine maßvolle Emissionssteuer. Wer Verschmutzung verursacht, muss dafür finanziell geradestehen. Das beschleunigt den Umstieg. Der Staat muss Energie verteuern, denn der Druck auf den Geldbeutel verändert den Umgang mit Energie schneller als jeder Appell. Das zeigt die gesamte Erfahrung der politischen Geschichte. Eine CO2-Abgabe auf Benzin, die Hand in Hand geht mit steigenden Ölpreisen, könnte das Pendel zugunsten sparsamer Automobile ausschlagen lassen. Vorausgesetzt, die Bürger hoffen nicht darauf, dass die nächste Regierung die Maßnahmen wieder zurücknimmt. Bei alledem ist es unglaublich wichtig, dass die Verbraucher die ökologischen Zusammenhänge begreifen. Wenn ich weiß, dass ein Liter Sprit 10.000 Liter Luft verunreinigt, verstehe ich, warum Benzin viel zu billig ist. Wenn mir bewusst ist, dass die Menschheit heute in einem Jahr so viel Kohle, Gas und Öl verbraucht, wie die Natur in 500.000 Jahren angesammelt hat, verstehe ich, warum Energie teurer werden muss. In dem Moment, wo ich in Zusammenhängen denke, erkenne ich die Probleme und bin offen für Lösungen.

 

Wie sieht für Sie die Energie-Zukunft aus, wenn Sie uns gut gelungen ist?

Alt: Es kommt auf die vier großen E an: EnergieEffizienz und Erneuerbare Energien. Der Umstieg auf Erneuerbare Energien wird uns nicht gelingen, wenn wir EnergieEffizienz nicht genauso ernst nehmen. Denn je mehr Energie wir brauchen,   desto länger dauert es natürlich, bis wir den 100-Prozent-Umstieg geschafft haben. Wenn wir allerdings das Sparpotenzial gut ausschöpfen, ist in Deutschland und Europa bis 2030 der Komplettumstieg realistisch. Ich nenne Ihnen ein Beispiel, um deutlich zu machen, wie sehr es auf den politischen Willen ankommt. Sachsen-Anhalt bezieht in diesem Jahr 52 Prozent seines Stroms aus Windkraft, und das Land ist kein Küstenland, sondern hat ähnlich gute Windverhältnisse wie Bayern und Baden-Württemberg, wo der Windstrom-Anteil allerdings nur bei 0,8 Prozent liegt. Für mich stellt sich hier die Strukturfrage. Halten wir mit großen Offshore- Windanlagen und Tausenden Kilometer Leitungen quer durchs Land an der alten zentralisierten Energiewirtschaft fest? Oder organisieren wir unsere Energieversorgung dezentral, gewinnen und speichern Energie vor Ort? Also, Energie aus der Region für die Region. Das wäre ganz im Sinne der christlichen Soziallehre mit ihrem Subsidiaritätsprinzip. Eine Gesellschaft, die sich komplett mit Erneuerbaren Energien versorgt, braucht Hunderttausende Bauern und Waldbesitzer, viele mittlere und kleine Firmen und Zehntausende Handwerksbetriebe sowie Millionen Hausbesitzer, die sich Photovoltaikanlagen aufs Dach und hocheffiziente Pumpen im Keller einbauen lassen. Sie alle wären die Gewinner dieses Strukturwandels, der als Verlierer die bisherige Energiewirtschaft produziert. Deshalb müsste man die Energiewende unter das Motto stellen: „Bürger zur Sonne, zur Freiheit“.

 

Ohne Lobby funktioniert heute in der Politik kaum etwas. Wo ist denn die Lobby der EnergieEffizienz?

Alt: Die Bauwirtschaft hängt immer mehr auch von der energetischen Gebäudesanierung ab. Sie müsste allerdings mehr Lobbyarbeit betreiben.

 

„Hört auf zu jammern – fangt endlich an zu handeln!“ heißt Ihr Postulat für eine neue Werte-Ethik. Wie sieht die aus?

Alt: Ich glaube, die ökologische Wende wird nur gelingen, wenn wir eine ökologische Ethik entwickeln, die Verantwortung für Kinder und Enkelkinder nicht nur im Munde führt, sondern ernsthaft übernimmt. Wenn wir nur in unserer eigenen Lebensspanne denken, dann werden uns unsere Kinder eines Tages verfluchen.

 

Das heißt, EnergieEffizienz ist schon lange keine Frage mehr von Ökologie und Ökonomie allein, sondern hat auch eine ethische Dimension?

Alt: Sehen Sie, der Umweltpolitiker Hermann Scheer hat sein letztes Buch „Der energethische Imperativ“ genannt und energethisch mit th geschrieben, um deutlich zu machen, dass die Energiefrage keine technische, sondern eine moralische Herausforderung ist. Die technischen Probleme sind lösbar und zum Teil schon gelöst. Die alles entscheidende Frage heißt nun: Haben wir noch Verantwortung für künftige Generationen? Sehen Sie, wir reden jetzt seit 30 Minuten über Energieprobleme. Dabei gibt es auf dieser Erde eigentlich keine Energieprobleme. Die Sonne schickt uns jeden Tag 15.000-mal mehr Energie, als alle Menschen zusammen verbrauchen. Es gibt nur ein falsches Energieverhalten, und das können wir ändern. Ohne Ethik wird die Energiewende nicht funktionieren.

 

Wären Sie Bundeskanzler oder Umweltminister, was würden Sie als Erstes anpacken?

Alt: Ich würde EnergieEffizienz attraktiver machen, um die vier großen E, also EnergieEffizienz und Erneuerbare Energien, in Einklang zu bringen. Die EU hat dazu eine gute Vorgabe gemacht: Sie baut selbst alle öffentlichen Gebäude ab 2012 im Null-Energie-Maßstab und ab 2020 darf in Europa kein Haus mehr gebaut werden, das noch „alte“ fossile Energie verbraucht. Ich würde in Deutschland also ganz rasch die Bauvorschriften ökologisieren. Moderne Häuser mit Ölheizungen sind doch Dinosaurier und nicht Zukunft.

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