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Interview 70 von 142

:: Ist Biosprit-Boom schuld an der Nahrungs-Krise?

Benzin vom Acker ist nur ein Teilproblem der gegenwärtigen Hungerkatastrophen, das Hauptproblem ist der Klimawandel, sagt Franz Alt in einem Interview mit der Münchner "tz". 
Entwicklungsministerin Heide Wieczorek-Zeul sagt, die Explosion der Lebensmittelpreise ist bis zu 70 Prozent auf die zunehmende Produktion von Biosprit zurückzu­führen. Ist der Klimaschutz schuld am Hunger?
Klimaschutz-Experte Franz Alt: Man darf hier Ur­sache und Wirkung nicht verwechseln. Die Produktion von Bio-Treibstoff ist ein Teilaspekt der jetzigen Hunger-Probleme. Die Hauptprobleme sind erstens, dass die Bauern der Dritten Welt bislang ihre Produkte nicht zu vernünf­tigen Preisen verkaufen konnten - und zweitens der Klimawandel! Ich habe in Afrika mit eigenen Augen gesehen, wie sich die Wüsten immer weiter ausbreiten.
 
 
Trotzdem: Dürfen wir angesichts der weltweiten Hun­ger-Unruhen weiter auf Bio- Sprit setzen?
Franz Alt: Natürlich — aber dort, wo die Pflanzen und die Bäume wachsen. Es ist keine Lösung, wenn für deutsche Stadtwerke Biokraftstoffe aus Malaysia importiert werden oder für US-Autos Biosprit aus Brasilien. Das Neue an den erneuerbaren Energien ist doch gerade, dass aus der Region für die Region Energie hergestellt werden soll und nicht Rohstoffe um die ganze Welt gekarrt werden. Öl, Uran und Gas gibt es nur an wenigen Stellen der Welt — die erneuerbaren Energien überall. Also brauchen wir für deutsche Autos Rapsöl, Holz, Gülle oder Mist aus hiesiger Land- und Forstwirtschaft.
 
 
Aber auch bei uns steigen die Lebensmittelpreise we­gen des Biosprit-Booms...
Franz Alt: Wir haben ja noch immer viele brachliegende Flächen in Deutschland! Es ist intelligenter, dort nachwachsende Rohstoffe anzubauen, als Flächenstilllegungs-Prämien zu zahlen. Aber es ist richtig, dass die landwirtschaftliche Bioenergie-Produktion nicht  grenzenlos ausgeweitet werden kann. Wenn wir in Deutschland eine strikte Energie-Einsparpolitik ver­folgen, können wir 25 Prozent der Energie durch heimi­sche nachwachsende Rohstoffe decken. Das Gros der Energie muss aber durch Sonne, Wind, Erdwärme, Wasserkraft und Meeresenergie gewonnen werden.
 
 
Die Bauern in der Dritten Welt bekommen zu wenig Geld für ihre Produkte. Sind da die steigenden Lebensmittelpreise nicht sogar gut für die Menschen in den armen Ländern?
Franz Alt: Ja! 80 Prozent der Menschen in der Dritten Welt sind Bauern — und sie verarmen, weil sie nicht genug Geld bekommen für die Produkte, die jeder von uns braucht. Ein Deutscher gibt für sein Auto mehr aus als für Essen! Wir werden uns an steigende Lebensmittelpreise gewöh­nen müssen. Die Dritte Welt hungert zum Teil deshalb, weil wir unsere Bauern zu sehr schützen und subventionieren und die Produkte der Dritten Welt durch hohe Zölle verteuern. Da muss mehr freier Markt her.
 
 
Müssen Umweltschützer jetzt nicht ihre strikte Ablehnung von Gen-Technik überdenken? So könnten doch die Anbau-Erträge vergrößert werden...
Franz Alt: Das wäre genau der falsche Weg. Laut einer Studie der UN-Welternährungsorganisation FAO können durch konventionellen und Bio-Anbau 14 Milliarden Menschen ernährt werden. Ich habe in Indien Bauern erlebt, die mir sagten: Seit wir auf Bio-Anbau umstellten, haben wir drei Ernten im Jahr — vorher hatten wir nur zwei. Der liebe Gott braucht den Nachhilfeunterricht von Gentechnikern nicht! Die Natur weiß es besser.
 
 
Was können wir in Deutschland tun?
Das Allerwichtigste ist: mehr Klimaschutz, damit die Wüsten und die Dürren sich nicht noch weiter ausbreiten. Wenn wir nicht auf erneuerbare Energien umsteuern, werden in den nächsten 20 Jahren 200 Millionen Umwelt- und Hunger-Flüchtlinge auf die reichen Länder der Welt zukommen.
Quelle:
Interviev Klaus Rimpel
tz | 14.04.2008
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